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„Bäume gehören nicht mehr an die Straße“

Das Bundesverkehrsministerium hat sie am 20. Dezember per Fax an die obersten Straßenbaubehörden der Länder geschickt: Seitdem zwingt die neue „Richtlinie für passiven Schutz an Straßen durch Fahrzeugrückhaltesys-

veröffentlicht am 25.05.2011 um 00:00 Uhr

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teme“ Behörden zum Handeln. Wer Autofahrer nicht vor Baumunfällen schützen will, bekommt keine Zuschüsse mehr. Mit Markus Brockmann, dem Leiter der Straßenbaubehörde in Hameln, hat Ulrich Behmann gesprochen.

Herr Brockmann, das Risiko, dass bei einem Verkehrsunfall ein Baum im Weg steht, ist in Niedersachsen am größten. Laut Auto Club Europa, der die Zahlen des Statistischen Bundesamtes ausgewertet hat, sind 2008 in unserem Land 95 Kraftfahrzeuge je 1000 Kilometer Straßennetz gegen einen Baum geprallt. Was halten Sie persönlich von Bäumen am Straßenrand?

So schön, wie sie auch anzusehen sind, Bäume gehören nun einmal nicht mehr unmittelbar an den Rand unserer heutigen Straßen. Sie stellen eine viel zu große Gefahr dar. Natürlich springen Bäume nicht auf die Fahrbahn. Es ist der Mensch, der Fehler macht. Daran können wir aber leider nichts ändern. Wohl aber an der Gesamtsituation: Wo kein Baum ist, kann es auch keinen Baumunfall geben. Wir pflanzen deshalb schon seit Jahren keine Bäume mehr neben Straßen, es sei denn, dort werden ohnehin Schutzplanken installiert. Dann kann man Bäume dahinter setzen. Die Niedersächsische Straßenbaubehörde ist nach dem Naturschutzgesetz allerdings verpflichtet, alle Straßenbäume, die – aus welchen Gründen auch immer – gefällt werden, zu ersetzen. Wir suchen dann nach alternativen Standorten – zum Beispiel an Wirtschaftswegen. Der Verzicht auf neue Bäume heißt ja nicht gleich, dass der Seitenraum der Straßen kahl bleibt. Heckenartigen Bepflanzungen und Büsche sind gute Alternativen, um einen Straßenraum attraktiver zu gestalten.

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Bei diesem Baumunfall auf der B 217 bei Hilligsfeld starben Mutter und Tochter. Eine dritte Frau erlitt lebensgefährliche Verletzungen.

Heißt das, Sie plädieren dafür, alle Bäume, die an Bundes-, Landes- oder Kreisstraßen stehen, abzuholzen?

Nein, keineswegs. Aber wir müssen uns mehr um passive Schutzeinrichtungen kümmern. Fehler des Menschen dürfen nicht mit schwersten Unfallfolgen enden. Oft sind ja auch völlig Unschuldige die Leidtragenden von Baumunfällen. Wir sind neuerdings sogar verpflichtet, uns um den Schutz der Autofahrer zu kümmern. Es gibt eine neue Richtlinie, die wir anwenden müssen und die uns eine gute Handlungshilfe bietet. Wenn eine Straße grundsaniert wird, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir den Autofahrer dort künftig vor Baumunfällen schützen können. Schutzplanken vor Bäumen und Geschwindigkeitsreduzierungen können schwere Unfallfolgen und Tod verhindern. Das haben Wissenschaftler belegt. Wir müssen aber auch aus einem anderen Grund handeln: Die neue Richtlinie ist Stand der Technik, und nur wenn wir danach planen und bauen, bekommen wir Zuschüsse und Fördergelder für den kommunalen Straßenbau.

Was würde das für die Platanenallee bei Grohnde bedeuten?

Seit Januar 2004 gilt dort Tempo 70. Diese Geschwindigkeitsreduzierung war seinerzeit eine Reaktion auf eine Serie von schweren Verkehrsunfällen. Schutzplanken können wir dort leider nicht zusätzlich anbringen, weil wir dann die Wurzeln der mächtigen Bäume beschädigen müssten. Über kurz oder lang wären sie damit der Gefahr von Fäulnis und Pilzbefall ausgesetzt. Die Richtlinie für passive Schutzeinrichtungen des Bundes zwingt uns, dort nach Alternativen zu suchen. Der Erhalt der Allee steht dabei außer Frage. Allerdings werden wir uns darüber erst Gedanken machen müssen, wenn die Fahrbahn dort ausgebaut oder grundlegend saniert werden muss. Im Bereich der Schutzplanken hat es in den vergangenen Jahren sehr viele neue Systeme gegeben. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass es in Zukunft vielleicht auch ein geeignetes System für die Platanenallee bei Grohnde geben könnte. Derzeit stellt die Allee kein Problem dar. Seit Jahren schon haben sich dort keine schweren Verkehrsunfälle mit Personenschäden ereignet. Tempo 70 scheint Wirkung zu zeigen.

Haben Sie bereits andernorts gehandelt?

Ja. Bei der grundhaften Sanierung der Ortsumgehung Springe im Zuge der Bundesstraße 217 sind dort durchgängig Schutzplanken aufgestellt worden, wo die Gefahr besteht, dass Fahrzeuge beim Abkommen von der Fahrbahn auf Bäume oder andere Hindenisse treffen könnten. Wir haben im vergangenen Jahr nach einem tödlichen Glätte-Unfall an der Kreisstraße 28 zwischen Herkendorf und Hemeringen einen Baum gefällt, weil wir nach gründlicher Analyse zu der Erkenntnis gelangt sind, dass der Baum dort eine Gefahr für Autofahrer darstellt und ein Aufstellen von Schutzplanken an dieser Stelle nicht möglich ist. Nach einer Serie von schweren Unfällen auf der Landesstraße 432 zwischen Grupenhagen und Bösingfeld wurden gleich mehrere Bäume entfernt, weil ebenfalls andere Schutzmaßnahmen keine Alternative gewesen wären. Auch das Land Niedersachsen hat reagiert und Kompetenzteams „Baum“ ins Leben gerufen. Anders als früher untersucht ein Kompetenzteam, das aus Vertretern verschiedener Behörden besteht, nach jedem schweren Baumunfall, ob etwas zu tun ist. Vor Jahren war das anders: Da haben wir uns nur um Unfallschwerpunkte gekümmert. Man darf nicht vergessen: Seit 1995 sind in Deutschland 23 000 Menschen bei Baumunfällen ums Leben gekommen. Das müssen wir ändern. Unser erster Schritt war, keine neuen Bäume mehr zu pflanzen, der zweite war, jeden einzelnen Verkehrsunfall an Bäumen zu analysieren und der dritte Schritt ist nun, dass im Zusammenhang mit größeren Baumaßnahmen an einer Straße auch präventiv Maßnahmen ergriffen werden.

Sind in diesem Jahr Maßnahmen zum Schutz der Autofahrer vor Baumunfällen geplant?

Derzeit sind keine konkreten Maßnahmen geplant. Allerdings überprüfen wir unsere geplanten Ausbaumaßnahmen entsprechend der neuen Richtlinie, ob dort präventive Schutzmaßnahmen vor Baumunfällen vorzusehen sind.



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