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Absolventen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) sind für lokale Vereine ein wichtiger Baustein im Personalbereich

Aus Liebe zum Sport

Ob die Planung des Badmintontrainings auf dem Programm steht, die wilde Kinderschar aus dem Sportunterricht betreut werden muss oder die Trainer der Kletter-AG etwas Unterstützung benötigen: Dominic Kirstein ist der Mann für alles. Zumindest für alle sportlichen Abteilungen bei der VT Rinteln, wo der 20-Jährige derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert.

veröffentlicht am 13.07.2018 um 17:17 Uhr
aktualisiert am 13.07.2018 um 18:40 Uhr

Mit vollem Engagement dabei: Dominic Kirstein ist derzeit FSJler bei der VT Rinteln und betreut Kinder und Jugendliche während des Sports. Foto: nk

Autor:

Niklas Könner
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Nach seinem Abitur im vergangenen Sommer habe er eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann angestrebt. Allerdings sei er noch nicht vollends überzeugt gewesen, „ob mein späterer Beruf wirklich mit dem Sport verknüpft sein soll“, sagt Kirstein über die Intention seines FSJ.

Um sich darüber klar zu werden, entschloss er sich für den Freiwilligendienst bei seinem langjährigen Heimatverein. Aufgrund einer engen Kooperationsarbeit mit dem TSV Krankenhagen sowie zahlreichen Grundschulen im Stadtgebiet, ist er während seiner 39-Stunden-Woche gleichermaßen im Schul- wie Vereinssport unterwegs. Seine hohe Sportaffinität in der Freizeit und der Spaß an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen seien für Kirstein schließlich die ausschlaggebenden Kriterien gewesen, „das Hobby ein Jahr lang zum Beruf zu machen“.

So wie Kirstein sind niedersachsenweit derzeit rund 800 junge Menschen im Rahmen eines Freiwilligendienstes in Sportvereinen und -verbänden tätig. Voraussetzung dafür ist die Beschäftigung von mindestens sechs bis maximal 18 Monaten in einer Sporteinrichtung, „die regelmäßige Spiel-, Sport- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche organisiert“, heißt es vonseiten der Deutschen Sportjugend, die als Dachorganisation der Freiwilligendienste fungiert. Das Angebot richtet sich dabei an sportinteressierte Menschen zwischen 16 und 26 Jahren, die nach ihrem bestandenen Schulabschluss ein berufliches Bildungs- respektive Orientierungsjahr einlegen wollen.

Auf diese Weise wird sinnvoll und gesellschaftsfördernd die Wartezeit bis zum Start einer angepeilten Ausbildung oder eines Studiums überbrückt. Zudem gewinnen die FSJler sportwissenschaftliches Fachwissen durch den Erwerb eines lizenzierten Übungsleiterscheins der Klasse C. Die notwendigen Lehrgänge finden bei mehrtägigen Pflichtseminaren gemeinsam mit weiteren Mitfreiwilligen aus der Region statt.

Organisator der Treffen ist der ASC Göttingen von 1846, der gemeinsam mit dem Landesverband der Deutschen Sportjugend die Platzvergabe an die Einsatzstellen in Niedersachsen koordiniert. Außerdem kümmert sich der Trägerverein vollumfänglich um alle bürokratischen Formalitäten. Darunter auch die Zahlung des monatlichen Taschengeldes in Höhe von 300 Euro.

Trotz ihres Status eines Ehrenamtlichen fallen bei der Einstellung eines FSJlers Kosten für die Vereine an

Das Aufgaben- und Tätigkeitsfeld der FSJler dreht sich vorrangig um die Betreuung von Kindern und Jugendlichen während des Sports. Diese gezielte Unterstützung sei für lokale Sportvereine „extrem wichtig“, sagt Ralf Rösemann, 2. Vorsitzender des VfL Hameln. Sein Verein hat aktuell zwei FSJler unter Vertrag, „die nicht nur reine Hütchenaufbauer beim Training sind, sondern komplette Trainertätigkeiten übernehmen“, wie er betont. Sie seien als vollständige Mitglieder anerkannt und in alle sportlichen Abteilungen aktiv integriert. In Teilen würden die Freiwilligen sogar ganze Trainingseinheiten in Eigenregie leiten.

Darüber hinaus sei der Fokus aber auch auf die Unterstützung in der Geschäftsstelle gerichtet. „Damit die FSJler einen Einblick in sämtliche Strukturen erhalten, setzen wir sie gleichermaßen bei administrativen Arbeiten ein, die einen ebenso wichtigen Part im Vereinsleben darstellen“, begründet Rösemann die Aufgaben abseits der Rasenflächen und Turnhallen.

Die Organisation des sportlichen Alltagsgeschäftes begegnet auch den zwei FSJlern beim Kreissportbund (KSB) Hameln-Pyrmont. In eigens für sie eingerichteten EDV-Arbeitsplätzen dürfen die Freiwilligendienstler sich beispielsweise am Erstellen von Sportabzeichenurkunden und dem Umgang mit Übungsleiterabrechnungen versuchen. Ein FSJ beim KSB sei jedoch keineswegs ein Schreibtischjob, bemerkt Geschäftsführer Klaus Volkmer: „Die Arbeitszeit der FSJler wird gedrittelt, sodass sie mal in unserer Geschäftsstelle, mal bei der Vereinsarbeit und mal beim Schulsport helfen.“ Insgesamt schreibe er dem Orientierungsjahr im Sport zweifelsfrei „einen großen Stellenwert“ zu. Aus seiner Sicht sei es mit beiderseitigen Vorteilen, sowohl für den FSJler selbst als auch für die Vereine, Verbände und Schulen, verbunden. So lerne einerseits der Engagierte eine neue Umgebung kennen und erweitere seine persönlichen Kompetenzen. „Davon profitiert auf der anderen Seite wiederum die Einsatzstelle in Form von tatkräftiger Unterstützung“, so Volkmer weiter.

Es macht unheimlich viel Spaß und ist im Übrigen sehr gut für die individuelle Charakterbildung.

Dominic Kirstein, FSJler bei der VT Rinteln

Stets eine helfende Hand zur Verfügung zu haben, genau darin sieht Christel Struckmann den großen Pluspunkt für einen FSJler in den eigenen Reihen. „Als Trainer einer großen Gruppe ist es schlichtweg toll, wenn man Hilfe bekommt und jemanden hat, der auch mal beim Aufbau der Sportgeräte mit anpacken kann“, bewertet die Vorsitzende des TSV Krankenhagen und Sprecherin der AG Rintelner Sportvereine das Projekt „FSJ im Sport“ durchweg positiv.

Mit der Arbeit ihres aktuellen Schützlings, dem besagten Kirstein, zeigt sich Struckmann äußerst zufrieden. Dieser „lebe und liebe den Sport in allen Facetten“ und sei dadurch „ein Gewinn für alle Beteiligten“. Des Weiteren nehme er neben seiner sportfördernden Funktion bei den Vereinen eine entscheidende Rolle bei der Unterrichtsgestaltung an Ganztagsschulen ein. Dort müsse aufgrund der reduzierten Freizeit der Kinder stets der sportliche Ausgleich zum Lernen geschaffen werden. Dafür bedürfe es jedoch viel Personal in Gestalt von Sporthelfern. „Die Budgets für die Beschäftigung sind allerdings begrenzt“, gibt Struckmann zu bedenken.

Die Lösung liege beim FSJler, mit Hilfe dessen „auf dieser Ebene völlig neue Möglichkeiten geschaffen werden“, führt die AG-Sprecherin aus.“

Trotz ihres Status eines Ehrenamtlichen fallen bei der Einstellung eines FSJlers Kosten für die Vereine an. Zwar übernehme die Trägerorganisation einen Teil des anfallenden Betrages, doch „nur wenige Vereine können sich einen FSJler in Vollzeit leisten“, weiß Volkmer vom KSB Hameln-Pyrmont. Er schätzt die Gesamtkosten auf über 400 Euro. Für kleinere Lokalvereine eine beträchtliche Summe.

Information

BFD oder FSJ?

Wer einen Freiwilligendienst leisten will, hat seit Einführung des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) die Wahl: BFD oder FSJ, ein Freiwilliges Soziales Jahr. Beide Dienste richten sich an Männer und Frauen, dauern ungefähr gleich lang. Auch die Einsatzbereiche überschneiden sich. Es gibt aber auch Unterschiede.

  • Träger/Finanzierung: Der wichtigste Unterschied dreht sich ums Geld. Für den BFD ist der Bund zuständig, das FSJ ist Ländersache. Träger des BFD ist deshalb das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, das FSJ wird von anerkannten Einrichtungen der freien Wohlfahrtspflege auf Landesebene getragen.
  • Alter: Wer sich für ein FSJ interessiert, darf nicht älter als 27 Jahre sein. Beim BFD gibt es nach oben keine Altersgrenze. Beide Dienste sind ab Vollendung der Schulpflicht möglich.
  • Arbeitszeit: Ein FSJ wird in Vollzeit geleistet. Das ist prinzipiell auch beim BFD so. Wer 27 Jahre oder älter ist, kann den Dienst aber auch in Teilzeit (mindestens 20 Stunden pro Woche) absolvieren.
  • Wiederholung: Ein FSJ kann man nur einmal machen. Beim BFD ist eine mehrfache Wiederholung nach jeweils fünf Jahren möglich.
  • Einsatzort: Wer seinen Freiwilligendienst im Ausland leisten möchte, muss zum FSJ greifen. Ein BFD ist nur in Deutschland möglich. Neben den klassischen Einsatzstätten wie Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäusern wird das FSJ auch im kulturellen und sportlichen Bereich angeboten. dpa

Dieser Umstand ist auch VfL-Vorstandsvize Rösemann bewusst. Daher habe er die Stelle der FSJler ebenfalls auf die Schultern einiger Schulen mitverteilt. Anderweitig sei eine Anstellung nicht zu bewältigen. Aber: „Übungsleiterkosten entstehen ohnehin. Und unsere FSJler haben in den vergangenen Jahren immer einen guten Job gemacht“, bilanziert Rösemann und ergänzt: „Das Geld, das wir investieren, investieren wir sehr gerne.“

Couragierte junge Menschen mit Zuverlässigkeit, Bereitschaft und einem guten Auftreten seien schließlich unbezahlbar.

Gleiches gilt für die Erfahrung, die FSJler Kirstein im Laufe seines nunmehr fast zehnmonatigen Sozialen Jahres gesammelt hat. Inzwischen habe er in die Strukturen des Sportvereins reinschnuppern und die Abläufe besser verstehen können.

In puncto beruflicher Werdegang habe er außerdem herausgefunden, dass Sport für ihn persönlich doch lieber Hobby statt Job bleiben solle. „Trotzdem macht es unheimlich viel Spaß und ist im Übrigen sehr gut für die individuelle Charakterbildung“, stimmt er ein Loblied auf das FSJ im Sport an, ehe er sich wieder auf den Weg zum nächsten Badmintontraining macht.



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