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Carl Rumpff, 1839 in Bad Pyrmont geboren, machte die Bayer AG zum bedeutenden Chemiekonzern

Aufstieg zum Unternehmer in Amerika

Carl Rumpff, Sohn eines Bad Pyrmonter Weinhändlers, machte eine steile Karriere in turbulenten wirtschaftlichen Zeiten. Die ersten unternehmerischen Sporen verdiente er sich in den Vereinigten Staaten – mit gerade mal 24 Jahren. Später gründete er mit Geschäftspartnern die erste amerikanische Teerfarbenfabrik. Carl Rumpff war ein risikobereiter, zupackender Selfmademan, der noch in jungen Jahren verantwortungsvolle Entscheidungen traf, die für die Entwicklung des Bayer-Konzerns weitreichende Folgen hatten.

veröffentlicht am 16.03.2019 um 10:30 Uhr

Carl Rumpff war Mitbegründer der ersten Teerfarbenfabrik in den USA, hier auf einer Ansicht aus dem Jahr 1911. Fotoquelle: Bayer AG, Corporate History & Archives

Autor:

Dr. E.-Michael Stiegler
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Der Besuch des Museums für Naturkunde in Berlin geht gut los: Inmitten der quirligen Begeisterung zahlreicher Kinder staunt man selbst nicht schlecht über das 13 Meter hohe Skelett eines Brontosaurus. Ruhiger geht es im benachbarten Mineralienkabinett zu. Hier wetteifern Farben und Formen in der größten Mineraliensammlung Deutschlands um Aufmerksamkeit. Zusätzlich machen zwei große Gemälde an der gegenüberliegenden Wand neugierig. Eines zeigt fast lebensgroß Carl Rumpff. Auf dem anderen ist Erzherzog Stephan Franz Victor von Österreich zu sehen. Was hatten beide miteinander zu tun?

Kurz gesagt: Carl Rumpff kam 1888, im „Dreikaiserjahr“, in den Besitz der Mineraliensammlung des Erzherzogs, der als enthusiastischer Mineraliensammler und -käufer galt. Nach Carl Rumpffs Tod erhielt sie das Berliner Naturkundemuseum. Rumpffs Mäzenatentum soll in einem eigenen Beitrag dargestellt werden. Das Gemälde von Carl Rumpff entstand 1889, vermutlich wurde es kurz nach seinem Tod in Auftrag gegeben. Im Hintergrund des Bildes scheint es einen Ausblick auf Schloss Aprath bei Elberfeld zu geben, das in seinem Besitz war. Rumpff steht davor in voller Grandezza.

Der 32-Jährige entwickelte sich sehr schnell zum Motor des Unternehmens.

Aus der Chronik, 125 Jahre Bayer

Dr. Uta-Christiane Bergemann, Mode- und Textilhistorikerin, beschreibt seine Kleidung folgendermaßen: „Carl Rumpff trägt Hemd und Querbinder bzw. Plastron, Gehrock und Hose, schwarze Lederschuhe und einen pelzgefütterten Mantel. In der Hand hält er beige Handschuhe, vermutlich Kalbslederhandschuhe. Der Gehrock wurde um die Mitte des 19. Jahrhunderts als vornehmere bürgerliche Straßenkleidung getragen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aber vom Anzug aus Sakko bzw. Jackett und Hose verdrängt. Er verblieb jedoch in der Kleidung bestimmter Berufsgruppen wie Ärzten, Kommerzienräten, Ministern und Geschäftsleuten.“ Rumpff war also nicht entsprechend der aktuellen Mode gekleidet, sondern seine Kleidung drückte einen Stand und eine vornehme Haltung aus. War die Hose wirklich ungebügelt? „Ja, denn die Bügelfalte kam erst um 1900 auf, vorher war sie nicht üblich“, so Dr. Bergemann.

Carl Rumpff auf einem Ölgemälde von 1889: Der gebürtige Pyrmonter war nicht entsprechend der damaligen Mode gekleidet, sondern seine Kleidung drückte einen Stand und eine vornehme Haltung aus. Repro: ARchiv

Carl Rumpff wanderte im Jahr 1863 in die USA aus, wo er anfangs einen „Arzneimittel- und Farbenhandel“ betrieb. Er muss ein umtriebiger und sprachbegabter „Netzwerker“ gewesen sein. Bald gründete er nämlich gemeinsam mit Geschäftspartnern die erste Teerfarbenfabrik auf amerikanischem Boden: in Albany im Bundesstaat New York.

Den Siegeszug der preiswerten künstlichen Farben gestaltete der Unternehmer mit

Diese Fabrik brachte Carl Rumpff in persönliche Beziehung zur Firma Friedrich Bayer & Co. Fast zwangsläufig entstand ein Kontakt zu Louis Lutz, der die New Yorker Bayer-Vertretung leitete. Ende der 1860er Jahre trat Carl Rumpff ins Elberfelder Stammhaus von Bayer ein.

Damit befand er sich an einer der vielversprechendsten Quellen für die Herstellung der neuen künstlichen Farbstoffe in Deutschland. Textilien waren durch den mechanischen Webstuhl zu einem Massenprodukt geworden, Farbstoffe aber blieben teuer. Mit großem Aufwand bei geringem Ertrag wurden sie aus pflanzlichem oder tierischem Material hergestellt. Der Siegeszug der preiswerten künstlichen Farben begann, als aus dem lange unbeachtet gebliebenen Abfallprodukt Steinkohlenteer Anilin destilliert wurde. 1856 war es dem 18-jährigen William Henry Perkin gelungen, Mauvein herzustellen. Kurz darauf wurde das magentafarbene Fuchsin erfunden, das zunächst zum wichtigsten Produkt der neugegründeten Firma Friedrich Bayer & Co. wurde.

Friedrich Bayer und Friedrich Weskott, der eine Kaufmann, der andere gelernter Färber, hatten 1863 ihre Firma mit dem Ziel der Herstellung künstlicher Farbstoffe gegründet. 1868 gelang zudem erstmals die Synthetisierung eines natürlichen Farbstoffs. Dieser Stoff – Alizarin – wurde seit Urzeiten aus der Krappwurzel gewonnen. Das intensive Rot der Uniformhosen der französischen Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 stammte aus dem Alizarin der vor allem in Südfrankreich angebauten Krapp-Pflanze.

Die chemische Entschlüsselung von Alizarin führte zur großtechnischen Farbstoffherstellung bei den Konkurrenten Hoechst und der BASF. Friedrich Bayer und Friedrich Weskott allerdings zögerten, in diesem Bereich mitzuhalten. Ihnen erschien die Expansion der eigenen Alizarinproduktion zu risikoreich.

Jetzt war die Stunde von Carl Rumpff gekommen: „Der 32-Jährige entwickelte sich sehr schnell zum Motor des Unternehmens“, so steht es in „Meilensteine. 125 Jahre Bayer. 1863 – 1988“. Und weiter: „Als er vorschlug, die Alizarinproduktion zu vergrößern und dafür eine eigene Fabrik zu bauen, schlugen die Gründer die Hände über dem Kopf zusammen. Die Grundstücke in Elberfeld, die Rumpff kaufen wollte, kosteten allein schon sechsmal so viel, wie alles, was Bayer bisher für Grund und Boden ausgegeben hatte. Bayer und Weskott hielten eine solche Investition für unvertretbar.“ Worauf Rumpff die Grundstücke für sich kaufte und sie an „seine“ Firma verpachtete.

Aus heutiger Sicht war das ein kluger, vermutlich sogar ein gerissener Schachzug von Rumpff, zu seinem eigenen Vorteil. Und weil dadurch auch Bayer expandieren konnte, hatte er zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Die Alizarinfabrik ging tatsächlich 1872 mit zwölf Arbeitern und Eduard Tust als Leiter in Betrieb.


Den zweiten Teil lesen Sie am nächsten Samstag.



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