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„Zeitreisen“ liegen im Trend – wie aber kämen wohl Neuzeitmenschen unter Rittern und Gauklern wirklich klar?

Auf ins Mittelalter

Auch etliche Touristen in Hameln, Rinteln oder Bückeburg lassen sich mitnehmen auf Zeitreisen, wenn sie dem Rattenfänger folgen oder die Stadt mit der Frau des Henkers erkunden. Würde man aber tatsächlich per Zeitmaschine in eine Zeit, sagen wir, zwischen dem 7. und dem 13. Jahrhundert katapultiert, es wäre vermutlich eine Art Selbstmordkommando.

veröffentlicht am 17.02.2015 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 17.01.2017 um 16:04 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Das jedenfalls meint die Rintelner Stadtführerin und Theologin Karin Gerhardt, die sich seit Jahren mit dem Leben im Mittelalter beschäftigt. „Ich denke, man wäre nach kürzester Zeit entweder gesundheitlich am Ende oder sogar einfach totgeschlagen“, meint sie. „Man käme ja als vollkommen Fremder dort an, als jemand, der weder dem Alltag angepasst ist, noch sonst in irgendeine Kategorie der ständischen Gesellschaft passt. In den Augen der Leute wäre man eine Art Marsmännchen. Und was würde man wohl hier und jetzt mit einem Alien machen? Nichts Gutes jedenfalls.“

Sie glaubt, dass ein modern gekleideter Mensch, mit seinem für die Leute unverständlichen heutigen Deutsch und unvertraut mit den Umgangsregeln vor Ort ganz einfach vogelfrei wäre, ein rechtloses Opfer für Gauner oder für eine aufgewühlte Menschenmenge.

Hamelns Rattenfänger-Darsteller Claus Lindner wäre da nicht ganz so pessimistisch. Mit seiner Kutte, den langen Haaren und der Rattenfängerflöte im Gepäck sähe er eine Chance, sich zum fahrenden Volk zu gesellen und damit als einer der durchreisenden Fremden zu gelten, wie sie damals über Land zogen und mit allerlei Gaukelei zu überleben versuchten. „Ich könnte so tun, als sei ich stumm und erst mal nur auf meiner Flöte spielen“, meint er. „Auf jeden Fall würde mich so ein Versuch reizen. Es hätte was, sich in eine mittelalterliche Gesellschaft einfügen zu können. Irgendwie verbinde ich damit – viele tun das ja – die Vorstellung, in einer viel konkreteren Welt zu sein, ohne unsichtbare Gefahren wie Atomkraft und Banken, eine Welt im Hier und Jetzt, wo zählt, wie ich mich als Einzelner und als ‚ganzer Mann‘ durchschlagen kann.“

Er lacht, weil er weiß, dass auch das nur eine Fantasie ist. In einer Gesellschaft, wo jeder seinen von Gott bestimmten Ort zugewiesen bekommt, als Bauer und Leibeigener, als Tagelöhner, Handwerker, Gaukler, Kirchenmann oder Fürst, hätte er wohl kaum eine Chance, großartig zu beweisen, was in ihm als Individuum steckt. „Doch wer weiß“, sagt er. „Ich würde darauf bauen, die Sympathie einzelner Menschen zu erringen, vielleicht auch die des Frauenvolkes. Ich wäre ja nicht der einzige, der von draußen in einer Stadt anlangt. Die Leute damals waren gut zu Fuß, als Händler, reisende Handwerker oder, wie ich dann, als Musiker.“

Dass es, sollte man also nicht gleich zu Beginn schon scheitern, auch sonst eine große Herausforderung wäre, im mittelalterlichen Alltag zu überleben – keine Frage. Was so reizvoll, ja romantisch wirkt, wenn etwa bei der „Mystica Hamelon“ die Hamelner Altstadt bevölkert ist von Rittern und Mägden, von Marketendern, die Schmuck, Kräuter, Kleidung und Waffen verkaufen, und wilde Gesellen ebenso wie fantastisch gekleidete Frauen durch die Straßen wandern, während andere ihr Lager beim gemütlichen Feuer aufschlagen, das sah in Wirklichkeit doch ganz anders aus. Ein moderner Zeitreisender wäre geschockt von den hygienischen Verhältnissen in der Stadt und würde an ihnen vielleicht sogar zugrundegehen.

„Im Handumdrehen hätte man lauter Ungeziefer am Leib“, meint Karin Gerhardt. „Läuse, Flöhe und die grausigen Bettwanzen, die man sich auf pieksenden Strohsäcken in den Herbergen einfängt, wo man gewiss kein Einzelzimmer, auch kein Bett für sich allein bekäme, sondern in schmuddeligen Massenunterkünften dicht an dicht schlafen müsste.“ Der Dreck überall – es stimmt ja wirklich, dass die Nachttöpfe und aller Hausmüll meistens direkt auf der Gasse entsorgt wurden – der Gestank, die verräucherten kleinen Räume mit ihren Herdstellen ohne Abzug, und immer sind überall dicht gedrängt die Menschen, auch die ansteckenden Kranken, damit wäre zumindest sie als Zeitreisende eindeutig überfordert, so die Stadtführerin.

Und dann das Essen. „Auch heute besteht für Reisende nach Afrika oder Asien die große Gefahr, sich über das Essen mit Krankheiten zu infizieren oder es eben einfach nicht zu vertragen“, erklärt Karin Gerhardt. „Im Mittelalter gab es keine Kühlsysteme, die Menschen waren daran gewöhnt, auch verdorbene Dinge zu essen, deren Verzehr einen Zeitreisenden zu Boden werfen würde.“ Abgesehen davon ernährte sich die einfache Bevölkerung überwiegend von einem dicken, geschmacklosen Getreidebrei, den, meint sie, man heute kaum runterwürgen könnte. Wenn es überhaupt Fleisch für die einfachen Leute gab, dann Innereien oder unglaublich salzige Heringe. „Und das Wasser zu trinken, aus Brunnen, die von den Kloaken der Stadt verseucht sind, das wäre von vornherein lebensgefährlich“, sagt sie.

Man müsste also, das meint auch Rattenfänger-Darsteller Claus Lindner, wenigstens ein paar Medikamente mitnehmen können – Desinfektionsmittel, Antibiotika, Salben, um die erste Zeit zu überstehen. „Aber vielleicht würde man sich doch schneller als man meint, an die Umstände gewöhnen?“

Er habe mal, erzählt Lindner, an einem längeren Rollenspiel im Wald teilgenommen und sich erstaunlich schnell mit Mücken- und Zeckenstichen abgefunden, auch damit, dass man ein Teil des Drecks werde, Erde, Laub, Schmutz, na und? „Wir sind heute so domestiziert und schrecken vor jeder Unsauberkeit zurück. Ja, die Menschen im Mittelalter entsorgten auch ihren Kot oft auf der Straße. Unser Kot heute ist durch die Art unserer Ernährung und der Medikamente so giftig, dass wir ihn als Sondermüll entsorgen müssen.“

Karin Gerhardt mag sich die hygienischen Verhältnisse von damals nicht gerne näher vorstellen. Sie geht davon aus, dass ein Zeitreisender wahrscheinlich gar nicht so lange überleben würde, dass er in den Genuss von Essen, Trinken und einer Schlafstelle käme. „Das Mittelalter war eine harte, eine brutale Zeit. Alles Fremde wurde als Bedrohung empfunden, alles eben, was sich nicht auf seinem zugewiesenen Platz befand. Eine Zeitreise ins Mittelalter würde ungefähr so gefährlich sein, wie sich als moderner Europäer in das Gebiet des Islamischen Staates aufzumachen.“ Man müsste schnellstens einen Gönner finden oder in irgendeiner Weise seiner Umgebung Ehrfurcht und Respekt einflößen. „Als einzelner normaler Mensch hätte man keine Überlebenschance.“

Aber wären die Menschen denn nicht auch neugierig auf den Zeitreisenden und was er zu sagen hätte? Könnte man nicht versuchen, sich der alt- oder mittelhochdeutschen Sprache anzunähern und zu erklären, wer man sei? Wie wäre es, zu einem Kloster vorzustoßen und alte Lateinkenntnisse hervorzukramen? Man könnte den Umstehenden seine Uhr zeigen, oder, solange der Akku hält, Musik vom Smartphone vorspielen. In Mark Twains Roman vom „Yankee am Hofe des König Artus“ wird dieser zwar erst mal gefangen genommen und zum Tode verurteilt, kann dann aber scheinbar eine Sonnenfinsternis beschwören und avanciert dadurch zum Mitglied des Hofstaates und schließlich zum „Sir Boss“.

Die Stadtführerin winkt da nur müde ab. „Neugier? Was wohl erwarten Menschen, deren eigene Existenz ständig gefährdet ist, von etwas Unbekanntem? Neugier ist insgesamt etwas Modernes, jedenfalls muss man sie sich leisten können. Ich glaube kaum, dass der Zeitreisende eine Stimmung verbreiten kann, in der unbefangene Neugier in Bezug auf seine befremdliche Erscheinung entstehen würde.“

Darüber hinaus sollte man bedenken, dass auch in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft das Fremde immer einen schweren Stand habe. „Warum wohl gibt es Pegida? Warum schotten wir unsere Gesellschaften gegenüber Flüchtlingen ab? Warum haben es Immigranten fast nirgends leicht? Weil auch wir uns nur selten Gutes vom Fremden erwarten.“

Karin Gerhardt verweist auf all die „Zeitreisen“, auf die sich Eroberer schon immer begeben haben – seien es die Spanier damals im Inkareich, seien es die Europäer bei den Indianern Amerikas oder die Amerikaner in Ländern wie Afghanistan. „Am Ende bleiben zu oft Sieger und Besiegte“, sagt sie. „Nur selten haben sich die fremden Ankömmlinge den Verhältnissen, die sie vorfanden, angepasst. Und taten sie es doch, dann, weil sie so schwach waren, dass ihnen nichts anderes übrig blieb.“

Darin, in der eigenen Hilfsbedürftigkeit und dem Mitleid, das es eventuell wecken könnte, sähe sie für den Mittelalter-Zeitreisenden die praktisch einzige Überlebenshoffnung. „Und wenn das gelänge, wenn es wirklich möglich wäre, eine Tür aufzustoßen ins Mittelalter, die sich nicht gleich wieder schließen würde, das hätte wohl doch etwas Beglückendes. Deshalb sicher reizen die PC-Spiele, die Romane, Filme und Mittelalter-Spektakel viele Menschen so sehr.“

Claus Lindner sieht das ähnlich: „Es war ja nicht nur eine dunkle Zeit, sondern auch eine Zeit des Aufbruchs in der Musik, im Handwerk, die ersten Universitäten wurden gegründet“, sagt er. „Ich weiß nicht, aber wenn ich den Dudelsack höre und den Trommelschlag dazu, dann entsteht manchmal so ein Sehnsuchtsgefühl. Als könne es etwas haben, sein eigenes Werkzeug zu schmieden, mit dem Degen in der Hand zu kämpfen und abends am Lagerfeuer zu tanzen und zu singen.“ Es ist wohl doch kein Wunder, dass sowohl Karin Gerhardt als auch Claus Lindner als Stadtführer ja eine Art Zeitreisende sind.

Galgenszene: Stadtführerin Karin Gerhardt meint, lange würden Menschen aus der Gegenwart im Mittelalter nicht überleben.

Eine Zeitreise ins Mittelalter zu unternehmen ist gar nicht so ungewöhnlich. Unzählige Computerspiele entwerfen mittelalterliche Welten, in denen man mit Schwert und Bogen kämpft und mit den fahrenden Händlern am Markt handelt. Tausende Besucher schließlich werden im März begeistert am Mittelalter-Spektakel der „Mystica Hamelon“ teilnehmen oder im Juli am „Spectaculum“ in Bückeburg. Wie aber kämen wohl Neuzeitmenschen klar, wenn sie tatsächlich ins Mittelalter zurückversetzt würden?



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