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Zu Besuch in einer der letzten richtigen Dorfkneipen – im Gasthaus Heuer in Reinerbeck

Auf ein Bierchen …

Reinerbeck: 576 Einwohner, kein Bäcker, kein Arzt, keine Sparkasse – aber eine Kneipe. Im „Gasthaus Heuer“ trifft man sich abends oder sonntags auf ein paar Bierchen zum Klönen. Eine Dorfkneipe, wie es sie nicht mehr oft gibt. Wir waren dabei. Ein Knobelabend.

Es war einer dieser feucht-fröhlichen Abende, die manchmal eben nicht gut enden. Es müssen wohl schon ein paar Bier gewesen sein, die damals an den runden Tisch kamen, rechts neben der Eingangstür, wo die Freundesrunde schon ganz oft gesessen hatte. Fürs Autofahren hatte Heinz damals zu viel intus, deshalb nahm Gerd ihn hinten aufs Fahrrad. Was heute mit einem „Wisst ihr noch …“ lachend erzählt wird, endete damals im Straßengraben. Nächster Versuch, gleicher Ausgang. Nach dem dritten Sturz übernahm Heinz den Lenker und ließ Gerd hinten sitzen. „Aber ich war genauso unzuverlässig wie er, wir sind dann doch nach Hause gelaufen“, gesteht Heinz heute.

veröffentlicht am 10.02.2015 um 10:27 Uhr

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Autor:

Lotta Drügemöller

Lustig sind solche Geschichten immer nur in der Rückschau. Ihren Anfang nehmen sie meist in der Kneipe am Eck, am Tresen der Lieblingsgaststätte, wie eben hier im „Gasthaus Heuer“ mitten in Reinerbeck. Wie Heinz und Gerd, der andere Heinz und Willi hätte sich hier garantiert auch Peter Alexander wohlgefühlt, weil es eben eine dieser kleinen Kneipen ist, in denen das Leben, wie er gesungen hat, zwischen „Herforder“, Knobelbecher und Schnaps noch lebenswert ist.

An diesem Donnerstagabend, es ist schon neune durch, ist von den sechs Tischen des Gastraums nur einer besetzt, die Radiomusik läuft kaum hörbar im Hintergrund und hinter der Theke steht – niemand. Fast könnte man meinen, die fünf Herren am Tisch in ihrem privaten Wohnraum zu überraschen.

Eine gute Geschichte

kann gar nicht oft genug erzählt werden

Da ist Gerd Albrecht, der begeistert von den Erfolgen des örtlichen Boßelvereins erzählt; Willi Schmidt, der zehn Jahre in Kanada gelebt hat, lange in München – und dann doch zurückgekehrt ist in das Dorf seiner Kindheit; Heinz Mertens, der wegen seiner Leidenschaft auch Honda genannt wird; Ulrich Heuer, der Wirt, der heute mitknobelt; und natürlich Heinz Brakemeier, der Schreiner und Bestatter, der allerlei Anekdoten auftischt – eine gute Geschichte kann eben nicht oft genug erzählt werden …

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  • Ilse Heuer, Wirtin in der Dorfkneipe von Reinerbeck, bei der Arbeit. Foto: Wal

Dieser Abend setzt sich denn auch zusammen aus etwas Politik zum Mindestlohn („Ist auch richtig, dass die Zeitungsträger nun mehr bekommen“), einer Prise Weltanschauung („bitte bloß kein Neudeutsch“), ein bisschen Tratsch und ganz viel Erinnerungen. Vor 20, 30, 40 oder gar 60 Jahren – mit einer dieser Zeitangaben fangen die meisten Geschichten an. Und viele, wirklich viele davon beginnen oder enden hier im „Gasthaus Heuer“, das früher „Gasthaus Ahrend“ hieß, als noch Ilse Heuers Vater und Großvater die Kneipe führten.

Wer eine Dorfkneipe nachbauen wollte, der könnte sich hier durchaus inspirieren lassen von den holzvertäfelten Wänden und Decken, den gemalten Landschaftsbildern und Fotos von anno tuck, den Deckchen und Gestecken auf den Tischen – alles etwas altmodisch, aber gemütlich. Ganz wichtig ist auch der Stolz der Kneipe: Pokale und Wimpel zeugen von den Triumphen der letzten Jahre, in einer Ruhmesecke sind zwei dritte, ein zweiter und sogar ein erster Platz bei den Niedersachsen-Meisterschaften der Boßel-Amateure zu bestaunen.

Den Boßel-Verein gibt’s schon seit 30 Jahren. Ein Kind des Dorfes, das später Pfarrer „irgendwo an der Nordsee – oder auf einem Schiff“ geworden war, brachte das Boßeln hierher und ließ den Junggesellenklub gegen die Freiwillige Feuerwehr antreten. Bis nach Reher boßelten die Männer um den Sieg, seitdem treffen sie sich jeden Sonntag – und danach geht’s immer, natürlich, ins „Gasthaus Heuer“.

Es sei gut, dass die Vereine hier so aktiv seien, sagt Ilse Heuer. Denn sonst gäbe es in Reinerbeck nicht so viel. Hier, direkt an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen, wo der Bus aus Hameln seine letzte Station macht. 576 Einwohner, kein Arzt, kein Kindergarten, keine Sparkasse – früher hat es das alles mal gegeben, erzählt Wirtin Ilse. Immerhin aber gibt es heute ja noch das „Gasthaus Heuer“. Hier können sich die Reinerbecker nicht nur auf ein Bierchen oder einen Plausch treffen, hier führt Ilse Heuer auch einen kleinen Gemischtwarenladen, der die Menschen mit Obst und Gemüse, mit Käse und Wurst, und allem, was man sonst im Alltag benötigt, versorgt. Ein kleiner „Tante-Ilse-Laden“ eben.

Gerade eine Dorfkneipe lohnt sich längst nicht mehr überall. Ilse Heuer erzählt, dass auch bei ihr heutzutage weniger Gäste kommen. „Ganz normal ist das, schließlich hat das Dorf auch weniger Menschen. Und die Zugezogenen, die suchen im Dorf eher nach Ruhe als nach Anschluss und kommen hier eigentlich gar nicht her. Auf Laufkundschaft braucht man in Reinerbeck natürlich auch nicht zu setzen.“ Die Kinder der Heuers, obwohl sie noch ganz in der Nähe leben, wollen die Kneipe jedenfalls nicht übernehmen. Eines Tages müssen die Reinerbecker ihr Bier also vermutlich zu Hause trinken und ihre Lebensmittel in Aerzen besorgen.

Ilse weiß, wie voll das Gasthaus früher war. Sie hat schon als Kind über der Kneipe gelebt, sie und ihre ältere Schwester haben schon früh mitgeholfen, wenn in der Kneipe viel Betrieb war. „Schön war das“, sagt sie. In der Jugend haben sich die beiden Schwestern dann aber ein bisschen zurückgezogen, ihr eigenes Ding gemacht, zum Ausgehen gingen sie lieber an andere Orte. Ilse Heuer hat erst einmal eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau in Aerzen begonnen. Als der Vater dann krank wurde, überlegten alle gemeinsam, wie es mit dem Gasthaus weitergeht. „Eigentlich war mir klar, dass ich hier weitermache – echte Zweifel gab es nicht“, erinnert sie sich. Schließlich übernahm sie gemeinsam mit ihrem Mann die Gaststätte 1990 nach dem Tode ihres Vaters.

Und Ulrich Heuer – wusste er denn damals, wie viel Arbeit da auf ihn zukommt, wenn er mit der Kneipierstochter anbändelt? Der Wirt lächelt. „Eigentlich zapf ich hier ja nur mal abends ein paar Bier, schlimme Arbeit ist das nicht. Ich arbeite ja auch noch in der Landwirtschaft.“ Und Ilse ergänzt: „Er hat von Anfang an gut hier reingepasst.“

Beschlagene Gläser,

laufende Tropfen, eine Blume wie gemalt

Jetzt passt es gerade auch gut, die Gläser sind leer. Ulrich steht auf, zapft und kommt mit sechs frischen, schönen, kühlen Bieren zurück. Beschlagene Gläser, laufende Tropfen, eine Blume wie gemalt. Auch Ilse Heuers Vater wird heute zum Phänomen – kaum eine der Geschichten, die der ältere Heinz preisgibt, kommt ohne ihn aus. „Einmal“, erzählt der ehemalige Schreiner und Bestatter, „da war auf dem Weg zum Einsargen mein Mund so trocken, da hab’ ich mitsamt meinem Anhänger mit leerem Sarg vorm Gasthaus haltgemacht. Und wie ich dann ’ne halbe Stunde später wieder rauskomme – war der Anhänger weg. Was, dacht’ ich, wird der blöd gucken, der Dieb, wenn er sieht, was er da hat. Aber es war natürlich nur ihr Vater“ – er deutet auf Ilse Heuer – „der mir einen Streich spielen wollte und den Anhänger auf den Hinterhof gestellt hatte. ,Diebstahl eines Sargs ohne Leiche‘, das können Sie mal schreiben.“ Gelächter.

Doch genug Geschichten von früher, vorerst wenigstens. Schließlich muss zwischendurch auch noch geknobelt werden. Das kleine Glück, es liegt hier so manches Mal unter einem umgedrehten Würfelbecher. Seit 20 Jahren treffen sich die Freunde jeden Donnerstag im Gasthaus, um zu knobeln, jeweils um die nächste Runde Bier – und hin und wieder fällt auch ein Schnaps an, dann gibt’s Wacholder. Ulrich Heuer hat heute nicht viel Glück, ein ums andere Mal würfelt er mit seinen drei Würfeln nur Zweien, Dreien, Vieren oder Fünfen – zur Freude der anderen geht mehr als eine Runde auf den Wirt. Am größten ist die Freude allerdings, als schließlich auch die Schaumburger Zeitung verliert – dieses Freibier von ihrer Zeitung lassen sich die Männer besonders gut schmecken …



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