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Kritik an Klinikskandalen und Zweifel an Hirntod-Diagnostik: Bereitschaft zur Organspende ist rapide gesunken

Auf der Warteliste

Hainer Tegtmeier ist sprachlos, wenn er die Meldungen in der Zeitung liest. Die Verstöße gegen die Richtlinien bei der Organvergabe an vier deutschen Krankenhäusern – ans Licht gekommen durch die Manipulation von Patientendaten an der Göttinger Uniklinik – treffen den 58-Jährigen besonders hart. Schließlich gehört Tegtmeier zu den aktuell 11 000 Menschen in Deutschland, die ein neues Organ brauchen und für die die Folgen des sogenannten Transplantations-Skandals direkt spürbar sind.

veröffentlicht am 20.09.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Katharina Grimpe

Seit mehr als sechs Jahren wartet der Mann aus Lauenhagen im Landkreis Schaumburg auf eine neue Niere, er rechnet mit weiteren Jahren auf der Warteliste, wenn weiterhin so wenig Organe gespendet werden, wie es aktuell der Fall ist.

Die Zahl der Organspender liegt im ersten Halbjahr 2013 auf dem niedrigsten Niveau seit zehn Jahren. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) haben von Januar bis Juni 459 Menschen nach ihrem Tod Organe gespendet. Im gleichen Zeitraum 2012 lag die Zahl bei 562, im ersten Halbjahr 2010 wurden 648 Spender gezählt. Als Grund sieht die DSO das erschütterte Vertrauen in ein gerechtes Verfahren zur Organvergabe, als Resultat des Transplantationsskandals.

„Im Grunde genommen geht’s mir mit der Maschine ja noch gut“, sagt Tegtmeier mit Blick auf das Dialysegerät, das anstelle der Nieren seinen Körper entgiftet. Viel schlimmer seien die Auswirkungen des Skandals doch für die vielen todkranken Menschen, die ohne ein neues Herz oder eine Leber nicht überleben können.

Der zweifache Familienvater hat am eigenen Leib erfahren, dass mit einem neuen Organ wortwörtlich ein neues Leben beginnt. Ihm wurde bereits eine Spenderniere transplantiert, nach drei Jahren Dialyse. Im Herbst 1991 „kam der glorreiche Anruf“, erinnert sich Tegtmeier. Eine „schöne Zeit“ folgte, trotz der ständigen Kontrolluntersuchungen nach der Operation und der vielen Medikamente.

Komplikationen nach einer Herz-OP führten dann, Jahre später, dazu, dass auch die neue Niere nicht mehr 100-prozentig arbeiten kann und Tegtmeier seit 2007 wieder auf die maschinelle Blutwäsche angewiesen ist. Dreimal wöchentlich wird er derzeit im Dialysezentrum Stadthagen behandelt, jeder Termin dauert fünf Stunden. Dass der 58-Jährige trotzdem voll berufstätig sein kann, ist wohl auch seiner guten Konstitution geschuldet.

Vielen Patienten auf der Warteliste für eine Organtransplantation geht es schlechter. Darum sei es so wichtig, argumentiert die DSO, die in Deutschland die Organtransplantation koordiniert, dass die Menschen auch nach Bekanntwerden der Wartelistenmanipulationen für eine Organspende entscheiden. Es sei gerade jetzt wichtig, sich „unvoreingenommen mit dem Thema auseinanderzusetzen und eine Entscheidung zu treffen“, appelliert DSO-Sprecherin Birgit Blome. Schließlich würden durch die geringe Spendenbereitschaft nicht die Ärzte bestraft, die für die Manipulationen der Patientendaten verantwortlich sind, sondern schwer kranke Patienten.

Zudem seien umfassende Konsequenzen aus dem Transplantations-Skandal gezogen worden: „Die betreffenden Richtlinien zur Transplantationsmedizin wurden reformiert“, heißt es vonseiten der DSO. Ziel sei es, die Transparenz zu erhöhen, die Kontrollgremien zu stärken und Fehlanreize zu vermeiden. So entscheidet beispielsweise nun eine Transplantationskonferenz mit mindestens drei Ärzten über die Aufnahme auf die Warteliste. Wartelisten-Manipulationen sind künftig strafbar, Fehlanreize wie Bonuszahlungen für Transplantationen sollen vermieden werden, um die Unabhängigkeit der medizinischen Entscheidung sicherzustellen, teilt die DSO mit.

Auch das Bundesgesundheitsministerium und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung werben mit Kinospots und Plakaten aktuell verstärkt dafür, sich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzen und die eigene Entscheidung pro oder kontra Organspende im Organspendeausweis zu dokumentieren.

Für Hainer Tegtmeier sind die gesetzlichen Nachbesserungen und Kampagnen noch nicht weitreichend genug. Werbung sei gut und schön, sie allein könne es aber nicht leisten, das Vertrauen ins System wieder herzustellen und zu stärken. „Die Leute wollen nicht an den eigenen Tod denken und scheuen eine Auseinandersetzung mit dem Thema“, meint der Lauenhäger. Sinnvolle Änderung sei für ihn daher die Annäherung beispielsweise an spanisches Recht. Dort ist jeder Mensch potenzieller Organspender, wenn er nicht offiziell einer Organentnahme nach dem Tod widersprochen hat.

Doch gibt es auch noch einen grundsätzlichen medizinischen Streitpunkt um die Organentnahme: Für eine Organspende muss der vollständige und irreversible Hirntod festgestellt werden. Allerdings kritisieren Mediziner die Qualität der Hirntod-Diagnostik: Vielen Kollegen mangele es an Erfahrung, um die Anzeichen des Hirntodes zweifelsfrei zu interpretieren.

Der Hannoversche Neurologe Hermann Deutschmann hat zwischen 2000 und Ende 2005 als damaliger Leiter eines DSO-Bereitschaftsteams mehr als 200 Hirntodprotokolle ausgewertet. Ergebnis: Viele Fehler wurden bei der Dokumentation der Fälle gemacht, vereinzelt wurde aber auch falsch diagnostiziert.

Seine Untersuchung habe gezeigt, dass sein Team immer wieder zu Patienten gerufen wurde, bei denen die behandelnden Ärzte glaubten, es läge der Hirntod vor, sein Team habe dann aber feststellen müssen, dass dieser noch gar nicht eingetreten war, berichtete der Arzt dem Bayerischen Rundfunk für die Sendung „Report München“.

Da die Hirntod-Diagnostik komplex und schwierig ist, fordert Deutschmann im BR-Fernsehen eine zertifizierte Ausbildung für Hirntod-Diagnostiker, festgelegt durch die Bundesärztekammer. Auf diese Weise ließen sich fatale Fehleinschätzungen vermeiden.

Der Hirntod, also der irreversible Verlust sämtlicher Hirnfunktionen, muss von zwei neurologisch und intensivmedizinisch erfahrenen Ärzten unabhängig voneinander festgestellt werden. Die Ärzte dürfen weder an einer späteren etwaigen Entnahme der Organe noch an deren Transplantation beteiligt sein.

Seit Bekanntwerden des Transplantationsskandals an einer Göttinger Klinik im Jahr 2012 ist die Bereitschaft der Menschen zu einer Organspende auf einem historischen Tiefpunkt. Die Leidtragenden sind die Patienten, die auf ein meist lebensrettendes Organ warten. Aber es gibt auch grundsätzliche Einwände.



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