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Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn

Damals stand ich mit einer Freundin in einer Drogerie. Sie wollte, dass ich mir endlich mal ein Parfum kaufe. Wahrscheinlich war sie es leid, dass ich mich gar nicht darum kümmerte, wie ich roch. Doch die Auswahl fiel mir denkbar schwer, ich trieb die nette Angestellte schier in den Wahnsinn. Mehrmals fragte sie, ob ich verschnupft sei. Ich zog demonstrativ Luft durch die Nase und verneinte wahrheitsgemäß.

veröffentlicht am 28.12.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:59 Uhr

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Autor

Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Jedes aufgetragene Parfum rief nur ein Schulterzucken meinerseits hervor. Ich konnte mich einfach nicht für die so enthusiastisch vorgetragenen Worte begeistern. Aromatisch-frisch sollte das eine, orientalisch-sinnlich das andere sein. Doch was soll jemand mit den so angepriesenen Gerüchen verbinden, der noch nie etwas gerochen hat?

Ich kaufte letztendlich irgendein Parfum, nur um die peinliche Situation zu beenden. Doch der Gedanke, dass bei mir etwas nicht stimmte, ließ mich die folgenden Wochen nicht los. Erst nach und nach kam ich einem Konzept auf die Spur, das mir gänzlich fremd war.

Ich begann zu verstehen, wieso man auch dann duschen muss, wenn man nicht erkennbar schmutzig ist. Wieso Menschen ihre Nasen in Blumen stecken, und auf öffentlichen Toiletten zuhalten. Wieso der Schimmelkäse im Kühlschrank gut verpackt, die frischen Rosenblätter aber offen auf dem Tisch stehen müssen.

Wer nicht riechen kann, nimmt die Welt anders wahr. Orte, die für viele Menschen aufgrund besonderer Düfte reizvoll sind, lösen in mir keine positiven Gefühle aus. Dinge, die andere Menschen meiden, sind für mich kein Problem. So hatte ich zum Beispiel die Angewohnheit, im Winter mit dem Fahrrad im Windschatten hinter Bussen oder Lastwagen herzufahren. Die mir ins Gesicht geblasenen Abgase nahm ich als angenehm warm wahr. Wieso meine Mutter mich erschrocken ansah, als sie davon erfuhr, konnte ich anfangs überhaupt nicht verstehen. Ich sah keinen negativen Aspekt und war im Gegenteil der Ansicht, mit meiner Methode das Fahrradfahren revolutioniert zu haben.

Doch hier kam ein weiterer gefährlicher Aspekt meiner Behinderung ans Licht. Schlechte Gerüche werden meistens nicht zufällig als störend empfunden. Normalerweise warnt der Geruchssinn vor schädlichen Gasen und den Dingen, von denen sie ausgehen. Er greift dabei direkt auf das vegetative Nervensystem zu, über das alle unbewussten Funktionen des Körpers gesteuert werden. Wittert er Gefahr, erzeugt er Übelkeit und Brechreiz, nimmt er angenehme Gerüche wahr, wird der Speichelfluss angeregt.

Ob ein Geruch als angenehm, oder unangenehm wahrgenommen wird, hängt meist von seiner Konzentration ab. So wird beispielsweise Skatol, der Hauptverursacher des abstoßenden Geruchs von Kot, in geringen Spuren als angenehm wahrgenommen und sogar bei der Produktion von Parfums verwendet.

Der Geruchssinn ist der älteste unserer Sinne, hat den direktesten Draht ins Gehirn und besaß früher eine viel größere Bedeutung für das Überleben als heute. Ein Mensch der Urzeit, dessen Geruchssinn ihn nicht vor verdorbenem Fleisch warnte, hatte keine hohe Lebenserwartung. Heute dagegen ist die Gefahr an verdorbenen Nahrungsmitteln zu sterben in der westlichen Welt vergleichsweise gering. Nur selten noch, beispielsweise im Falle eines Brandes, kann ein fehlender Geruchssinn zur tödlichen Gefahr werden.

Trotzdem werden Reize, die über die Nase wahrgenommen werden, noch immer mit höchster Priorität verarbeitet und spielen im Unterbewusstsein eine herausragende Rolle. Bereits in frühester Kindheit prägen sich Gerüche in unser Gedächtnis ein, und Erinnerungen und Sinneseindrücke können am leichtesten über die Nase aktiviert werden. Im Gegensatz dazu, ist es jedoch beinahe unmöglich, sich willentlich einen konkreten Geruch ins Gedächtnis zu rufen. Die Verarbeitung dieser Signale geschieht so tief im Unterbewusstsein, dass sie sich der bewussten Kontrolle entziehen.

Auch von der anatomischen Seite her wird die Bedeutung des Geruchs klar. Nicht mal ein Millimeter Abstand liegt zwischen der Riechschleimhaut, wo 30 Millionen Riechzellen den Geruch wahrnehmen, und dem Riechkolben im Gehirn, wo diese Reize verarbeitet werden. Dieser winzige Spalt wird durch unzählige Nervenfasern überbrückt, welche die Sinneseindrücke durch mikroskopisch kleine Löcher in der Siebbeinplatte unmittelbar ins Gehirn transportieren.

Zerreißen diese Nervenfasern durch einen Sturz oder Autounfall, dann, so erklärt Dr. Bernd Horn, Hals-Nasen-Ohrenarzt in Hameln, ist das nicht reparabel. Ein Teil der Nerven regeneriert sich bei manchen Betroffenen innerhalb einiger Monate, doch eine vollständige Wiederherstellung des Geruchssinns ist selten.

Nicht nur durch so ein Schädel-Hirn-Trauma kann der Geruchssinn verloren gehen, sondern auch durch eine Atemwegsinfektion, oder durch chronische Erkrankungen von Nase und Nasennebenhöhlen. Je nach Ursache unterscheiden sich dann auch die Aussichten auf Heilung. Eine angeborene Anosmie, sie ist allerdings sehr selten, gilt als weitgehend untherapierbar. Über die Gründe ist noch zu wenig bekannt.

Wer aufgrund einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung oder Nasenpolypen die Fähigkeit zu Riechen verliert, hat mehr Anlass zur Hoffnung. In den meisten Fällen kann nach einer Behandlung der Grunderkrankung die Funktion der Nase wieder voll hergestellt werden. Auch wer nach einer starken Erkältung feststellt, dass sein Geruchssinn nicht zurück kehrt, braucht nicht zu resignieren. Innerhalb von sechs Monaten beobachtet ein Drittel der Betroffenen eine wesentliche Besserung.

„Man sollte probieren zu schnüffeln“, ergänzt Dr. Horn. „Wenn das Gehirn etwas nicht mehr kann, muss man es trainieren. Wie nach einem Schlaganfall, wo die Sprache erst wieder erlernt werden muss.“ Es empfehle sich, den Geruchssinn auszureizen, beim Spazierengehen die Nase in ein Blumenbeet zu stecken, die starken Gerüche zu suchen und zu erschnuppern. Auch bei körperlicher Anstrengung bemerken einige Betroffene eine kurzzeitige Besserung, so der Mediziner. Wohl aufgrund der höheren Durchblutung würden Gerüche von Schweiß oder der Seife beim Duschen plötzlich wieder verarbeitet.

Doch obwohl Anosmie für viele nur eine temporäre Diagnose ist, gibt es eine Gruppe, deren Geruchssinn sich nicht erholt. Für mich war und ist es ein beklemmendes Gefühl in einer Welt zu leben, wo alle etwas teilen, zu dem ich nie Zugang haben werde. Wo jeder sich über ein Konzept austauscht, das für mich nicht erlebbar, und nur ansatzweise begreifbar ist. Wo das erste, was viele Menschen von einem wahrnehmen, von einem selbst nicht wahrgenommen werden kann. Es ist beklemmend, nicht zu wissen, wie man riecht, nicht einmal zu verstehen, wie man riechen könnte. Gerade in der Pubertät, wo sowieso ein sehr kritisches Körperbewusstsein vorherrscht, ist das ein Problem.

Die Frage „Wie rieche ich gerade?“ war ein ständiger mentaler Begleiter in diesen Jahren, deren Antwort ich mir nie sicher sein konnte. Nach jeder Zurückweisung blieb das große Fragezeichen: „Liegt es an meinem Geruch?“ Jeder Kommentar über einen Gestank, jedes abfällig verzogene Gesicht führte sofort zur Überlegung: „Bin ich der Grund?“ Natürlich wurde diese Angst nie ausgesprochen. Stärke und Selbstbewusstsein demonstrieren war wichtig, jahrelange Unsicherheit die Konsequenz. Heute wissen meine Freunde Bescheid. Wenn ich mir unsicher bin, kann ich mich bei ihnen erkundigen, mir ihre Nase leihen. Doch wer unter Anosmie leidet, muss nicht nur ohne Geruchssinn leben, sondern auch mit einem gravierend eingeschränkten Geschmacksempfinden. Denn über die Zunge nehmen wir lediglich fünf geschmackliche Grundqualitäten auf: Süß, salzig, sauer, bitter und „umami“, ein Ausdruck aus dem Japanischen, der so viel wie „wohlschmeckend“ bedeutet. Das gesamte komplexe Aroma eines aufwendig zubereiteten Gerichtes erschließt sich einem nur, wenn man auch riechen kann.

Evolutionär gesehen erfüllt der Geschmackssinn eine ähnliche Aufgabe wie der Geruchssinn. Er ist dafür verantwortlich, den Menschen zum Verzehr von für ihn nützlicher Nahrung zu verleiten, und den von Schädlichem zu verhindern. Die meisten giftigen natürlichen Substanzen schmecken bitter oder sauer, während die Geschmacksrichtungen süß, salzig und umami auf für die menschliche Ernährung wichtige Stoffe hinweisen, umami etwa auf einen besonders hohen Proteingehalt einer Nahrung.

Für Menschen, die unter Anosmie leiden, wird Essen leider schnell zur bloßen Pflichtaufgabe. Wahrer Genuss stellt sich dabei nur selten ein. Für mich ist wichtig, dass einer der Grundgeschmäcker dominiert, also dass etwas sehr süß oder sehr salzig ist. Das komplette Aroma mit kunstvollen Übergängen, die eine gelungene Speise für andere Menschen auszeichnen, geht an mir verloren.

Beim gemeinsamen Essen mit Freunden bekam ich anfangs viele empörte Blicke zu spüren, wenn ich das mühsam zubereitete Hauptgericht mit Unmengen an Salz „verfeinerte“. Doch während normale Menschen beim Essen zwischen hunderttausend Aromen wählen können, entscheide ich mich lediglich, welcher der fünf Grundgeschmacksrichtungen meine nächste Speise dominieren soll.

Mit 14 wurde mir zum ersten Mal klar, dass meinem Leben ein Sinn fehlt. Das lag nicht an der Pubertät oder dem Gefühl einer allgemeinen Sinnlosigkeit des Lebens. Ich habe ein viel konkreteres Problem: Mir fehlt der Geruchssinn. Ich leide unter Anosmie.



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