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Auf dem Kürbis-Gipfel

Sina Schweers (29) steht in ihrer Küche und versucht vergeblich, den vor ihr liegenden Kürbis zu zerschneiden. Sie möchte zum ersten Mal eine Kürbissuppe zubereiten. Sie flucht – und verflucht die Frucht mit der leuchtend roten Schale. Nach einer guten Stunde hat sie es endlich geschafft: Kartoffeln, Möhren und der hartnäckige Kürbis kochen friedlich auf dem Herd. Nur das Pflaster an ihrem linken Zeigefinger zeugt noch von dem harten Kampf. Die 29-Jährige aus Wunstorf ist sicher nicht die einzige, die einen holprigen Start auf dem Weg zur Kürbisliebe hatte. Wie Sina Schweers sind aber viele, vor allem auch jüngere Menschen, in den vergangenen Jahren auf den Kürbis gekommen. Trotz der harten Schale.

veröffentlicht am 25.09.2014 um 00:00 Uhr

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Über diese jungen Kunden freut sich Susanne Rust. Sie betreibt seit mittlerweile zehn Jahren mit ihrer Familie die Kürbisscheune in Hagenburg . Auch sie hat festgestellt, dass das Experimentieren beim Kochen zugenommen hat. Bei den jungen Menschen lastet nicht mehr das Stigma der Armut auf dem Kürbis. Vor einigen Jahrzehnten galt der Kürbis noch ganz eindeutig als „Arme-Leute-Essen“ und fristete deshalb lange ein eher stiefmütterliches Dasein.

Ähnlich sieht das bei den Steckrüben und Pastinaken aus, die auch wieder im Kommen sind. „Mein Mann zum Beispiel hat von früher eigentlich keine gute Erinnerung an den Kürbis. Doch mittlerweile habe ich ihn mit vielen unterschiedlichen Rezepten von dem guten Geschmack überzeugt“, sagt Susanne Rust. Damals haben die Menschen den Kürbis hauptsächlich süß-sauer eingelegt – nicht jedermanns Sache.

Besonders schmackhaft findet sie neben dem allseits beliebten Hokkaido, die Sorten Rondini, Angelique, Butter-Nut und Butter-Cup. Zu jedem Kürbis, der botanisch übrigens zu den Beeren gehört und die größten Früchte der Pflanzenwelt liefert, fallen ihr auf Kommando zahlreiche schmackhafte Rezepte ein. Wichtig sei, dass die Kürbisse nicht zu groß sind. „Keine Familie möchte tagelang das Gleiche essen.“ Deshalb sei der Hokkaido auch so geeignet zum Kochen. Er habe genau die richtige Größe, beispielsweise für eine Suppe.

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„Kürbisse liegen voll im Trend und haben eine echte Renaissance erfahren“, meint auch Gabi von der Brelie vom Landvolk Niedersachsen. Immer mehr Verbraucher würden sich dafür interessieren und damit sei der Kürbis ganz eindeutig das Gesicht des Herbsts. Nicht nur Halloween spiele da eine Rolle, sagt von der Brelie weiter. Im Gegenteil. Die Käufer möchten hauptsächlich ausgefallene Menüs daraus zubereiten. Der Fantasie seien da keine Grenzen gesetzt: ob klassische Suppe, Auflauf mit Gehacktem oder Tiramisu. „Für fast jeden Geschmack ist etwas dabei“, bestätigt Susanne Rust.

Auch in den heimischen Restaurants werden Kürbisspeisen angeboten. Im Romantik-Hotel Schmiedegasthaus Gehrke in Riepen werden laut Koch Ernst-August Gehrke gerne heimische Produkte angeboten, deshalb gehöre auch der Kürbis dazu. Doch er gesteht: „Dieses herbstliche Gemüse zählt nicht unbedingt zu meinem Lieblingsprodukt. Es ist aufgrund des sehr individuellen Geschmacks nicht jedermanns Sache.“ Gesund seien die Kürbisse aber allemal: Sie haben einen hohen Gehalt an Carotin, Vitamin B und Mineralien, informiert das Landvolk Niedersachsen.

Jetzt, zu Beginn der Ernte, kommen die Menschen verstärkt auf die Märkte oder Hofläden, um sich beraten zu lassen, welcher Kürbis für welches Gericht geeignet ist oder welche außergewöhnlichen Zierkürbisse zu haben sind. Die Betreiber der Läden seien bei der Gestaltung sehr kreativ und fänden immer wieder attraktive Gestaltungsmöglichkeiten, lobt Landvolk-Pressesprecherin von der Brelie.

Aber bis die Kürbisse tatsächlich in den Kochtopf wandern, ist es ein weiter Weg. Für die unterschiedlichen Sorten, die Susanne Rust insgesamt schon selbst gezogen hat, benötigt sie hochwertiges Saatgut. Etwa 2000 Euro investiert sie dafür. Die Körner seien unterschiedlich teuer, denn es mache einen Unterschied, ob aus einem Saatkorn nur eine Frucht entsteht oder wie bei einem Hokkaido sechs bis acht. Jeder Kürbis wird von Hand gelegt, gegossen, gepflückt und gewaschen. „Wir haben vor zehn Jahren ganz klein angefangen“, sagt Susanne Rust, die gelernte Hauswirtschafterin ist. Da begann in Deutschland auch etwa der Kult um Halloween und damit das Interesse an den Kürbissen. Doch aus Susanne Rusts Sicht hat der Hype um den amerikanischen Brauch in den vergangenen Jahren in Schaumburg wie in ganz Deutschland schon wieder abgenommen.

Mittlerweile zieht die Familie aus Hagenburg knapp 200 Sorten und erntet sie mit vielen Helfern. Auf vier Hektar bauen die Rusts mittlerweile Kürbisse an und ab Ende August verwandelt sich die Scheune in Hagenburg in ein buntes Kürbismeer. Laut dem Niedersächsischen Landvolk werden in Niedersachsen auf insgesamt etwa 200 Hektar Kürbisse geerntet. „Allerdings sind sicher nicht alle Erträge erfasst, weil auch viele Kürbisse auf kleinen Nebenflächen gezogen werden“, sagt Gabi von der Brelie. Wie viele Kürbisse Susanne Rust und ihr Mann Wilhelm Rust pro Saison ernten, haben sie bisher noch nicht nachgerechnet. „Die Kunden fragen mich jetzt zu Beginn der Kürbissaison schon, was mit den übergebliebenen Kürbissen passiert“, sagt Susanne Rust. Des Rätsels Lösung: Ein Großhändler holt die essbaren Früchte dann ab. Mit den Zierkürbissen ist dann erst einmal nichts mehr anzufangen. Nach Halloween ist die Kürbissaison gelaufen. Die letzte Suppe muss dann aber noch nicht gekocht sein – ein Kürbis kann bis zu sechs Monate gelagert werden. Sina Schweers hat also noch genug Zeit, sich ein geeignetes Messer für die nächste Suppe zuzulegen ...

Der Kürbis erlebt seit Jahren einen Boom – nicht nur wegen Halloween.

Immer mehr Menschen verwenden ihn zum Kochen und lassen sich neue

Kreationen einfallen. In Schaumburg wird das Beerengewächs sogar im großen Stil angebaut. Was macht die große Frucht eigentlich so

besonders?



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