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Auf dem Hausdach ist er nur noch selten

Von Naturverbundenheit und der Lust daran, an der freien Luft zu arbeiten, ist für Schornsteinfeger heute kaum noch die Rede: Sie sind Techniker geworden. Nur noch die Uniform erinnert an das klassische Bild vom schwarzen Mann auf dem Hausdach.

veröffentlicht am 06.05.2011 um 00:00 Uhr

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Sie ist wirklich praktisch, die klassische Uniform der Schornsteinfeger. Schwarz muss sie sein, damit man die Verschmutzungen nicht so sieht; die Stulpen an den Ärmeln sorgen dafür, dass kein kratziger Ruß bis unter die Achseln hineinrieselt, wenn man mit erhobenen Armen arbeitet; das schmückende Halstuch ist eigentlich ein Mundtuch zum Schutz vor Kohlenstaub, und der Hut dient nicht nur zur Abdeckung der Haare, sondern auch als Taschenersatz: Dort kann man Geld oder Zigaretten aufbewahren, denn Hosen- oder Jackentaschen würden sich doch nur mit Ruß füllen. So war es jedenfalls einst gedacht. Heutzutage arbeiten Schornsteinfeger nur noch selten mitten in Ruß und Staub.

Als Bezirksschornsteinfeger Frank Rinne (44) aus Buchholz sich vor 28 Jahren dazu entschloss, eine Schornsteinfegerlehre zu beginnen, hatte er zuvor ein Praktikum im Katasteramt gemacht und festgestellt, dass er lieber draußen und unter Menschen arbeiten wollte als im Büro. In den 1980er Jahren gab es überall noch Kamine, die gereinigt werden mussten, und einen Schornsteinfeger auf dem Dach zu sehen, war ein ganz normaler Anblick. Als er seine erste Uniform kaufen sollte, erschien ihm das bessere Modell all zu teuer zu sein, er wählte eine Hose und Jacke aus Leinenstoff, statt aus dem robusteren Köper. „Das war ein Fehlkauf“, sagt er, „das merkte ich schnell. Ruß ist säurehaltig, der frisst sich durch schlechten Stoff hindurch. Die Hose hielt kein halbes Jahr - und Ruß auf der Haut, das reizt und juckt.“

Wäre er heute ein Schornsteinfegerlehrling, müsste es keine Köper-Hose sein. Die meisten Kollegen kommen einfach im Blaumann zur Arbeit, wenn sie im regelmäßigen Turnus die Heizungsanlagen der Bürger überprüfen. Statt Kehrbesen und Schultereisen haben sie technische Messgeräte dabei, und wenn sie doch mal etwas mit einem Kamin und Ruß zu tun haben, dann lässt sich der entfernte Dreck locker mit Handfeger und Schippe zusammenfegen. In den meisten Häusern gibt es keinen Kamin, der befeuert wird, nur Abgasleitungen für moderne Öl- und Gasheizanlagen, die wenig oder gar keinen Ruß produzieren.

„Ja, der Beruf hat sich wirklich gewaltig verändert“, meint Frank Rinne. „Von Naturverbundenheit und an der freien Luft arbeiten, was mich damals so reizte, kann kaum noch die Rede sein. Wir sind Techniker geworden. Zwar spielt der Brandschutz immer noch eine gewisse Rolle, aber zum Überleben würden solche Aufträge nicht reichen.“

Brandschutz? Viele Leute wissen gar nicht, dass diese Aufgabe einst die wichtigste des Schornsteinfegers war. Kamine, die durch den Abbrand von Holz oder Kohle verschmutzten, heizten nicht nur schlechter und verpesteten die Luft in den Zimmern, sie waren auch ein gefährlicher potenzieller Brandherd. Der teerige, glänzende Ruß, der sich in den Kaminen absetzte, konnte Feuer fangen und brennen wie Kohle, mit Wasser kaum zu löschen, nur dadurch, dass er herausgekratzt wurde. Im Mittelalter brannten ganze Straßenzüge nieder, wenn jemand seinen Schornstein vernachlässigt hatte.

Genau deshalb führten Landesfürsten nach und nach allgemeine Brandschutzverordnungen ein, zu denen auch die Aufteilung der Städte in einzelne Kehrbezirke gehörte, denen verantwortliche Schornsteinfeger zugeordnet wurden. Es sollte keine Privatsache bleiben, ob jemand seinen Kamin regelmäßig reinigte oder ob er das Glück hatte, einen der damals noch raren Schornsteinfeger engagieren zu können, die als Wanderarbeiter durch die Lande zogen und das Handwerk professionell beherrschten. Auch heute noch ist das Kaminreinigen eine hoheitliche Aufgabe und jeder Hausbesitzer ist verpflichtet, die Schornsteinfeger ins Haus zu lassen.

Meistens geht es dabei allerdings darum zu prüfen, ob eine Heizanlage auch umweltgerecht und energiesparend arbeitet, so, dass sie die vorgeschriebenen Abgaswerte nicht übersteigt. Nur da, wo feste Brennstoffe verfeuert werden, Holz, Pellets, Briketts oder - im landwirtschaftlichen Bereich – auch Stroh oder Getreide, steht eine Kaminreinigung an. In der Rintelner Kaffeerösterei Niemeyer zum Beispiel ist Frank Rinne vier Mal im Jahr zur Stelle und auch Pizzerien, in denen ein Steinofen, Bäckereien, wo ein Holzbackofen eingesetzt wird, haben oft Besuch vom echten „Kaminkehrer“. Auch private Haushalte, die konsequent mit Festbrennstoffen heizen, müssen bis zu vier Mal im Jahr den Schornsteinfeger beauftragen.

Das scheint viel zu sein, aber als Kaminöfen noch die Regel waren, mussten die Schornsteinfeger noch viel häufiger kommen. Heutzutage bestehen die Schlote normalerweise aus Metall oder Keramikmaterial, an dem sich Ruß nur schwer absetzen kann. Meistens reicht es, die Schornsteine vom Keller aus mit der Haspel von Rückständen zu befreien und mit einem Spiegel zu prüfen, ob sie wirklich bis oben rein und durchlässig sind. Auf dem Dach ist der Schornsteinfeger nur in den seltensten Fällen. Man vermeidet das schon aus sicherheitstechnischen Gründen, deren Vorschriften dazu führen, dass die Reinigung vom Dach aus besonders aufwendig und teuer ist.

In früheren Zeiten spielte der Schutz der Schornsteinfeger dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Da es sich oft nur durch ein Emporsteigen im Schlot feststellen ließ, ob auch wirklich überall alles in Ordnung ist, wurden Lehrlinge schon im Kindesalter eingestellt, elf- oder zwölfjährige Jungs übernahmen diese riskante und lungenschädigende Arbeit, ausgebeutete Kinder, die oft schon mit 16 oder 17 gesundheitliche Wracks waren, vor allem dann, wenn sie im Schlot festsaßen und die Rußkruste abkratzen mussten.

Die heutigen Schornsteinfeger müssen sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, dass ihr Beruf eigentlich ein Anachronismus sei. Im Internet gibt es Diskussionsforen mit so freundlichen Namen wie „schornsteinfegerfrei.de“, „kontra-schornsteinfeger.de“ oder gar „schornsteinfeger-ko.de“. Hausbesitzer, aber auch Heizungstechniker empören sich da über das sogenannte „Kehrmonopol“, die gesetzliche Verpflichtung, dass mindestens einmal im Jahr eine Kontrolle durch den staatlich bestellten Schornsteinfeger erfolgen muss, der dann nicht frei gewählt werden darf und über eine eigene Gebührenordnung verfügt.

Der Schornsteinfeger könne nichts, was nicht auch ein Heizungsfachmann beherrsche, so der Grundtenor der Kritik. Seine Messungen seien überflüssig, da moderne Heizungen sowieso von den entsprechenden Fachleuten gewartet würden, die dabei genau dieselben Messungen vornehmen. Zudem könne er echte Schäden an den Anlagen oft gar nicht feststellen und wenn, dann nicht reparieren. Außerdem seien moderne Brennstoffanlagen technisch so ausgefeilt, dass sie sich bei Gefahr von selbst abschalten.

An dieser Kritik ist viel Wahres dran. Nicht umsonst wird Ende des Jahres 2012 das Kehrmonopol endgültig aufgehoben, dürfen dann auch andere Fachleute als der jeweilige Bezirksschornsteinfeger engagiert werden, dem allerdings weiterhin eine übergeordnete Kontrollfunktion bleibt. Gut möglich, dass so mancher Schornsteinfeger, dessen Auftragslage bisher staatlich abgesichert war, in Schwierigkeiten kommt. Frank Rinne allerdings sieht einigermaßen gelassen in die Zukunft: „Die Leute kennen uns und vertrauen uns“, meint er. „Wir haben außerdem den Vorteil, dass wir nichts verkaufen wollen und vollkommen neutral beraten.“

Zudem ist er sich sicher, dass der klassische Schornsteinfeger eine Art Comeback erleben wird. „Allein im Landkreis Schaumburg sind im letzten Jahr an die 500 neue Kaminöfen beantragt worden. Bundesweit sind 14 Millionen Kaminöfen in Betrieb, die Leute heizen wieder mit Holz und anderen Feststoffen. Da sind wir Schornsteinfeger unbedingt gefragt.“ Neben der Kaminreinigung geht es dabei auch um eine grundlegende Beratung, wie man richtig mit einer Holzverbrennungsanlage umgeht. Wo falsch gelagertes, zu feuchtes Holz verbrannt wird, verstopfen nicht nur die Kamine, es entsteht auch gesundheitsschädlicher Feinstaub, erst recht dann, wenn Leute, manchmal aus Ahnungslosigkeit, chemisch behandeltes Holz oder gar Sperrmüll verbrennen.

„Im Jahr 2006 war die Feinstaubbelastung durch Festbrennstoffe erstmals wieder höher als diejenige durch den Verkehr“, so Rinne. „Und diese Entwicklung ist noch lange nicht zu Ende.“ In seinem Bezirk besäßen 40 Prozent der Bürger einen Kaminofen. Nicht alle benutzen ihn, viele hätten sich nur vorsorglich auch einen Kamin in oder an ihren Haus anbringen lassen, aber: „Angesichts der Rohstoffknappheit werden Festbrennstoffe eine größere Bedeutung gewinnen.“ Bis zum Jahr 2014 muss jeder, der einen Kaminofen besitzt, eine entsprechende Beratung in Anspruch genommen haben.

Wenn Frank Rinnes Prognosen stimmen, dann braucht er seine praktische Uniform also nicht in die Mottenkiste zu geben. „Na, das würde ich sowieso nicht tun“, sagt er. Die prächtige Kluft mit den Messingknöpfen und dem Zylinder wird sowieso eher zum Schmuck getragen. Die Zeiten, in denen Schornsteinfeger in Ruß und Staubwolken arbeiten mussten, die sind glücklicherweise in jedem Fall vorbei.



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