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Wir sind mitgefahren auf dem Monsterfloß

Auf 66 dicken Holzstämmen die Weser hinunter

veröffentlicht am 08.09.2016 um 19:35 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Über 1000 Anfragen und Anrufe; es scheint, als wollte die halbe Welt einmal mit einem echten Holzfloß fahren, und auch die Medien sprangen auf die Flussfahrt an: An Kameras und Mikros vor dem Mund haben sich die Flößer schnell gewöhnt, aber auf Menschen zugehen zu können und diese über das hölzerne Gefährt und ihr Ansinnen zu informieren, gehört ja zum Anforderungsprofil. Sonst schafft man es nur sehr schwer ins Team.

Einen Haufen Stämme, eine Kiste voller Seile: Mehr braucht es nicht, um ein Floß zu bauen. Eigentlich ist Floßfahren eine der beschaulichsten Reisearten überhaupt. Man kommt voran, ohne irgendetwas tun zu müssen. Fahrtrichtung und Tempo bestimmt das Wasser, und das hat es am Donnerstag recht eilig: Mit rund vier bis fünf Kilometern pro Stunde trägt die Weser das Floß in weit ausladenden Schleifen durch die waldreichen Hügel von Schaumburg.

Das Floß ist, wenn man so möchte, auf dieser Etappe ausgebucht. 40 Personen dürfen mit, dann ist Schluss, und in Großenwieden fragen kurzfristig vor dem Ablegen noch zwei Fahrradfahrer, ob sie mitdürften. Sie dürfen, wird nach schnellem Durchzählen festgestellt, aber dann ist auch gut. Kann ja mal sein, dass die Wasserschutzpolizei mal kontrolliert, sagt Bernd Kröhnert, aber er glaubt es nicht so recht, dass sie dann ernsthaft Ärger machen wird: Dafür sind zu viele Medienvertreter mit an Bord.

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Impressionen von einer gut dreistündigen Fahrt, die den Gast vor allem entschleunigt. Foto: rnk

Die Gäste sitzen auf den Bänken und schauen den Weserflößern zu, Stunde um Stunde. Nur ab und an wird ein Mannschaftsmitglied vom Tatendrang übermannt, greift in die Proviantkiste, holt ein Wasser raus oder schmiert sich ein Brötchen. Manchmal hört man ein Auto am Ufer vorbeifahren – es erscheint wie eine Erfindung aus einer fernen, hektischen Welt. Auf dem Floß fühlt man sich in einer anderen Zeitzone, obwohl es sich in Sicht- und Hörweite der Zivilisation bewegt.

Felder, Gehöfte, Dörfer, Berge und Wälder, Wirklichkeit und Postkartenbilder ziehen gemächlich dahin. Die Fahrt auf der Weser von Großenwieden nach Rinteln wirkt wie eine Reise durch eine Stummfilmkulisse, allerdings in Farbe. Mit dem Floß zu fahren, bedeutet loszulassen und nur noch zu genießen.

Bernd Kröhnert erzählt derweil die Geschichte des Weserfloßes, die bis 1992 zurückreicht, als in Bad Oeynhausen das Flößerdenkmal eingeweiht wurde. 2007 haben sich dann zwölf Leute gesagt, jetzt bauen wir ein Floß, und weil niemand so genau wusste, was an Kosten auf sie zukommen würde, haben sie gesagt, zur Not legt jeder einen Tausender auf den Tisch.

Und so ganz ernst hat man sie damals nicht genommen, als sie mit der Floß-Idee um die Ecke kamen, gewiss nicht. „Ihr wollt doch nur eine Sauftour machen“, habe man meistens als Antwort vernommen, erinnert sich Kröhnert.

Aber die Landesforsten Niedersachsen waren von der Idee durchaus angetan und spendeten das Holz. Billig ist eine Floßfahrt nicht, allein 1500 Euro kostet der Gutachter, der den Holzbau vor der ersten Fahrt abnimmt. Und hätte der vor ein paar Tagen in Reinhardshagen „Nein“ gesagt, erzählt Kröhnert, „dann wären wir heute nicht hier“.

Man tritt dem stattlichen Kröhnert sicherlich nicht zu nahe, wenn man ihn als Holzmenschen bezeichnet. Er hat zuletzt ein Sägewerk geleitet, in dem er einst gelernt hat, seit drei Jahren ist es dicht, aber im Handel mit Holz mischt er heute noch mit, dafür hat er die 60- oder 70-Stundenwochen aus seinem Leben gestrichen.

Zur 1150-Jahr-Feier der Ortschaft Vaake haben die Flößer dann entschieden: „Wir bauen wieder ein Floß.“ Und einen Verein haben sie ebenfalls gegründet. Mittlerweile ist der in Ehren ergraute Flößertrupp auch deutlich verjüngt worden.

Es gibt Jungflößer, um die Zukunft ist Kröhnert daher nicht bange. Seine Ziele: Weitere Fahrten, weitere Flöße.

Denn Kröhnert hat durchaus Großes vor, er will die Flößerei durchaus im wirtschaftlichen Sinn beleben. 66 Stämme führt das Floss mit, fast alle 20 Meter lang, das sind 101 Festmeter, die vier Lkw-Ladungen entsprechen. Insgesamt könnten sechs Ladungen mitgeführt werden. Einen Käufer hat Kröhnert für das Holz schon, ein Sägewerk in Melle. „Technisch gesehen ist das machbar“, sagt er, man braucht zwei, drei Leute für den Floßbau, einen Kran, eine Kaimauer. Dann könnte man das Floß einfach auf das Wasser setzen und losfahren. Hinten noch ein Boot, das schiebt, mehr wird nicht benötigt, und in 30 Stunden wäre man von Reinhardshagen aus in Minden.

„Ökonomischer als auf der Weser kann man doch gar nicht fahren“, sagt er, und nach der Fahrt will er das alles mit spitzem Bleistift mal durchrechnen: Was kosten das Boot, die Kaimauer, der Kran? Und ein paar Tausender wird der notwendige Binnenschiffer nehmen – und zwar pro Fahrt, aber so ist das halt, sagt er: Binnenschiffer sind teuer, denn es gibt ja nicht mehr so viele davon. Die Weserflößer Reinhardshagen haben in dieser Hinsicht Glück: Ein Mitglied ist Binnenschiffer.

Sicher, sagt Kröhnert, sie sind alle nicht mehr die Jüngsten, aber der Nachwuchs ist eben da: Man muss ihn nur noch anlernen, so wie sie das Handwerk von der Flößer-Legende Willy Waßmuth gelernt haben.

Das Schöne an dieser Truppe, sagt Kröhnert und weist mit der Hand nach vorn, wo die Flößer stehen, sei, dass jeder etwas einbringe, was der andere vielleicht nicht könne: „So ein Mannschaftsgefühl wie hier kenne ich nicht mal vom Fußball.“

Nach knapp drei Stunden kommt die Weserstadt in Sicht, die mächtige Hindenburg-Brücke grüßt aus der Ferne. Die Männer legen sich in die Ruder und stemmen sich gegen den Strom, dann treiben sie dem Ufer zu.

Feierabend für heute, Meyer erbittet mit lauter Stimme Gastrecht, das ihm natürlich gewährt wird. Außerdem hat er Geschenke mitgebracht, Äpfel, Eier und einen Sack Holzkohle, für die witzigerweise der Fernseh-Koch Nelson Müller wirbt.

Und ganz am Ende der Reise, wenn der letzte Meter gefahren ist, dann wird Eckhard Meyer einen Hammer nehmen und dazu noch einen Nagel und wird sein Handy an einen der Masten nageln. „Denn diese Nummer“, sagt er, „die ist ja jetzt verbrannt.“



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