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Serie zum Thema Altersarmut: Wenn sich Rentner ihre Wohnung nicht mehr leisten können

Arm – der Miete wegen

Die Traumwohnung für alte Menschen mit kleiner Rente ist eine barrieregerechte Erdgeschosswohnung in der Innenstadt, mit Gärtchen oder Balkon – und nicht teurer als 480 Euro warm. „Aber da wird man hier kaum fündig werden“, sagen Makler, Hausverwaltungen und vor allem auch das Sozialamt. Das ist einer der Gründe, warum manche Rentner auch dann in ihrer Wohnung bleiben, wenn sie sich die Miete eigentlich nicht mehr leisten können.

veröffentlicht am 06.02.2019 um 17:42 Uhr

Eine Ausgabe von 100 Euro stellt viele Rentner – wie etwa Amelie Kaiser – vor eine große Herausforderung. Foto: dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Prinzipiell können Senioren, die „Grundsicherung im Alter“ erhalten oder deren Rente ungefähr auf Grundsicherungsniveau liegt, einen „erhöhten Mietbedarf“ geltend machen. „Das muss dann aber gut begründet sein“, so Mareike Buchmeier, Bereichsleiterin im Sozialamt. Mietkostenangelegenheiten, die seien das „tägliche Brot“ der Mitarbeiter in den Sozialämtern.

Mit Eintritt in den Rentenbezug schrumpft bei vielen Menschen das Einkommen ganz erheblich. Mieten, die zuvor noch bezahlbar waren, übersteigen nun das Budget. Wenn das der Fall ist, kann das Sozialamt nicht umstandslos einspringen. Grundsätzlich gilt, dass man innerhalb einer Übergangsfrist von sechs Monaten in günstigeren Wohnraum umziehen oder die über dem Satz liegenden Mietkosten selbst tragen muss.

Wie aber soll man umziehen, wenn keine geeignete neue Wohnung zu finden ist? „Wir nehmen Anfragen nach günstigen kleinen Wohnungen durchaus an“, sagt Katja Herden vom JPK-Immobilienbüro. „Ab und zu klappt es ja auch, wenn man seine Ansprüche zurückschraubt.“ Erwin Sebening von der Hausverwaltungsfirma Sebening bestätigt: „Man muss schon sehr viel Glück haben.“ Am schwersten zu erfüllen sei das Kriterium der Barrierefreiheit. Das beginne schon bei den Stufen am Hauseingang.

Günstige kleine Erdgeschosswohnungen in der Innenstadt, die gibt es schlichtweg nicht.

Mareike Buchmeier, Sozialamt Stadthagen

Buchmeier findet da noch deutlichere Worte: „Günstige kleine Erdgeschosswohnungen in der Innenstadt, die gibt es schlichtweg nicht.“ Deshalb könne die vergebliche Suche nach solchen Wohnungen auch kein Argument sein, wenn es darum gehe, ob das Sozialamt einen erhöhten Mietbedarf genehmige. Es gebe aber sehr wohl Gründe, warum ein alter Mensch dabei unterstützt werde, gegebenenfalls weiterhin in seiner alten, eigentlich zu teuren Wohnung leben bleiben zu können. Ist die Wohnung barrierefrei umgebaut? Lebt die Person schon seit Jahrzehnten dort und ist dort sozial eingebunden? Wohnen hilfsbereite Verwandte ganz in der Nähe und können so verhindern, dass ein Umzug ins Pflegeheim ansteht? Lässt sich wirklich keinerlei Alternativwohnung finden? „Wir prüfen jeden Einzelfall und sehen dann, ob eine Zustimmung möglich ist“, sagt Buchmeier. Was nicht gewollt sei, ist, dass für einen Menschen das ganze soziale System zusammenbricht.

„Aber einfach nur anzuführen ,Ich will eben nicht umziehen‘, nein, das geht nicht“, betont Buchmeier. „Unsere Erfahrung sagt, dass sich durchaus angemessener Wohnraum in der Stadt finden lässt, wenn es nicht gerade besagte barrierefreie Erdgeschosswohnung in der Innenstadt sein soll.“

Angst vor dem Gang zum Sozialamt brauche man nicht zu haben, meint Buchmeier. Man werde auch dann beraten, wenn man keine Grundsicherung bezieht. „Man redet miteinander und findet heraus, welche Leistungen für die Antragssteller am günstigsten sind.“

Umziehen - aber wohin?

Amelie Kaiser ist 80 Jahre alt und hat gerade mal 222 Euro für das Alltagsleben zur Verfügung. Ihre Rente beträgt zwar fast 1000 Euro, aber sie lebt in einer Wohnung in der Innenstadt, die warm mehr als 700 Euro kostet, Stromkosten nicht mitgezählt.

Eigentlich beklagt sie sich gar nicht. Auch von ihren Kindern will sie keine Unterstützung erbitten (deshalb ist ihr Name hier geändert). Aber als sie neulich wegen einer anstehenden Operation an den Zähnen 100 Euro vorab zuzahlen sollte, war sie wirklich verzweifelt. Da sie mit ihrer Rente etwas über dem Grundsicherungssatz liegt, konnte sie nicht klarmachen, dass sie das Geld nicht hat. Die Zahn-OP hat sie erstmal verschoben.

Natürlich hört sie manchmal die Frage, warum sie denn nicht in eine kleinere, günstigere Wohnung umziehe. Dann würde sie zumindest eventuell Wohngeld erhalten. „Aber ich will sowieso kein Geld vom Staat“, sagt sie. Und umziehen, das will sie eigentlich auch nicht. „Ich verzichte auf alles“, sagt sie, „aber nicht auf meine Wohnung.“ Trotzdem hat sie schon versucht, etwas Neues zu finden.

„Umziehen im Alter, das sagt sich so leicht“, meint sie. Es sei aber nicht leicht. Die einzige Wohnung, die sie gefunden habe, liege am Stadtrand und koste immerhin auch ohne Heizung schon 400 Euro. „Ich besitze ja kein Auto, und ohne meinen Rollator komme ich nicht weit, ich wäre total abgeschlagen“, sagt sie. „Hier habe ich in der Innenstadt sogar einen kleinen Garten. Im Notfall könnte ich da immer noch in den Garten raus.“ Einst besaß Amelie Kaiser zusammen mit ihrem Mann sogar ein Häuschen, in dem sie die vier Kinder großzog. Immer wieder arbeitete sie als Haushaltshilfe. Es habe so viel Mühe gekostet, das Haus abzubezahlen.

„Mein verstorbener Mann war wunderbar, aber mit Geld umgehen konnte er nicht“, sagt sie. Nach seinem Tod verkaufte sie das Haus, zahlte Schulden ab, richtete sich in der neuen Wohnung ein – und viel, viel schneller als gedacht, war die kleine Reserve aufgezehrt.

Eigentlich hatte sie Schneiderin werden wollen, hat auch ihr Mutterleben lang immer für die Kinder genäht und dadurch Geld gespart. Aus dem Berufswunsch wurde nichts, weil sie sich schon früh um ihren kranken Vater kümmerte. Ihr wahrer Reichtum, das sind ihre Kinder, die sie über alles liebt. „Aber ich kann doch nicht immer mit Gelddingen auf meine Kinder kommen.“ Manchmal wünscht sie sich zum Geburtstag eine kleine Reise. Irgendwie wird sie es auch weiterhin schaffen, das hofft sie. Mit einem für sie geeigneten Umzug rechnet sie nicht, und wer die Wohnungsangebote im Weserbergland kennt, kann ihr da auch nicht viel Mut machen. Ihr größter Wunsch ist, dass sich die Sache mit der Zahn-OP irgendwie klären lässt. Sie könne fast gar nicht mehr beißen, sagt sie. Aber bevor nicht geklärt ist, wer die Kosten übernimmt, halte sie eben auch da irgendwie durch.cok

Information

Regierung berät Grundrente

Eine Grundrente ist im schwarz-roten Koalitionsvertrag längst vereinbart, doch die konkrete Umsetzung entzweit die Bündnispartner. Deshalb sind jetzt die Spitzen von CDU, CSU und SPD am Zug. Mit den Grundrenten-Pläne von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) müssen sich jetzt die Spitzen der Großen Koalition beschäftigen.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer kündigte an, das Thema beim nächsten Koalitionsausschuss am 13. Februar auf die Tagesordnung zu setzen. „Wir erwarten, dass dann das Bundesarbeitsministerium sagt, wie teuer die Grundrente sein soll, und dass das Bundesfinanzministerium uns erklärt, wie dieses Konzept finanziert werden soll“, sagt sie. Gleichzeitig kritisiert die CDU-Chefin, dass Heils Konzept weit über die Beschlüsse des Koalitionsvertrags hinausgehe.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) widerspricht unterdessen Spekulationen über einen Konflikt zwischen ihm und Heil. „Hubertus Heil hat meine Unterstützung“, versichert Scholz. „Wer in seinem Leben immer fleißig gewesen ist, muss sich im Alter auf eine auskömmliche Rente verlassen können – das ist gute sozialdemokratische Politik.“

FDP-Chef Christian Lindner reagiert prompt: „In demselben Job arbeitet einer 34 Jahre Vollzeit, einer 35 Jahre Vollzeit und einer 35 Jahre Teilzeit. Denkbar, dass nur der Dritte Steuergeld bekommt. Was wäre daran gerecht?“, fragt er rhetorisch. Der FDP-Vorschlag heißt Basisrente: Wer wenig Rente erhält, bekommt zusätzlich Leistungen aus der Grundsicherung. Die FDP will, dass ein Fünftel der gesetzlichen Rentenansprüche dabei außen vor bleiben – wodurch Menschen, die gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt haben, besser dastehen als Menschen, die nie gearbeitet haben.

Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Linksfraktion, warnt: „Menschen, die 35 Jahre oder länger im Niedriglohnsektor schuften mussten, haben sich ihr Existenzminimum im Alter ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Gang zum Sozialamt redlich verdient.“



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