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Elbphilharmonie Backstage

Arbeitsplatz mit besten Aussichten

Nach Kostenexplosionen und Bauverzögerungen ist die Hamburger Elbphilharmonie endlich fertiggestellt. Zum Einzug gibt das neue Hausorchester einen Blick in den Backstage-Bereich des 789 Millionen Euro teuren Konzerthauses.

veröffentlicht am 17.11.2016 um 18:39 Uhr
aktualisiert am 02.11.2017 um 12:38 Uhr

Michael Zimmermann

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„Ein Gastdirigent aus Los Angeles oder Chicago wird bei seiner Ankunft wohl erst einmal den Ausblick genießen“, ist sich Orchestermanager Achim Dobschall sicher. In anderen Konzerthäusern sind die Garderoben im Keller oder Hinterhäusern versteckt, hier bieten Panoramafenster von der Decke bis zum Fußboden den unendlichen Blick auf den Hafen mit seinen großen Pötten zur einen Seite, zur anderen Seite die Aussicht auf das Stadtpanorama mit Michel und Fernsehturm.

Gut 15 Jahre nach der ersten Entwurfsskizze für das 789 Millionen Euro teure Konzerthaus in der Hamburger Hafen-City wird das NDR-Elbphilharmonieorchester am 11. Januar das Eröffnungskonzert spielen. Bereits in dieser Woche haben die Musiker ihre neue Heimat bezogen. Drei Lkw-Ladungen voller Instrumente wurden in den riesigen Fahrstühlen in den 10. bis 12. Stock gefahren. Noch riecht alles nach frischem Holz, die weiße Farbe an den Wänden ist gerade erst getrocknet. Bisher pendelte das Orchester zwischen der alt-ehrwürdigen Laeiszhalle und dem Probenstudio des NDR, jetzt wird es den größten Anteil der Konzertabende in der Elbphilharmonie gestalten, allein 70 werden es im ersten Halbjahr 2017 sein. Bis zur Eröffnung wird es sich jetzt einspielen und die Akustik erproben.

„Residenzorchester“ – das bedeutet eigene Proben- und Verwaltungsräume, ein modernes, fest installiertes Aufnahme- und Sendestudio und das komplette Instrumentenlager unter einem Dach.  Die Zeiten, als sich die Musiker neben den Instrumentenkisten auf dem Flur umziehen mussten, sind jetzt vorbei. Jede der Stimmgruppen hat ein eigenes Stimmzimmer, neun gibt es insgesamt. Früher habe es auf vier „Herrenzimmer“ nur ein Zimmer für die weiblichen Orchestermitglieder gegeben, erzählt Achim Dobschall. Jetzt könne man dem Frauenanteil von inzwischen 40 Prozent angemessen Rechnung tragen. Die weißen Spinde sehen aus wie Schwimmbadschließfächer und sind genau auf die Akustik abgestimmt. Sie bieten Platz für Garderobe und Noten, einen sicheren Halt für Instrumente – und ein Postfach.

„Zum allerersten Mal haben wir jetzt ein richtiges Zuhause“, sagt der erste Kontrabassist Michael Rieber. Und das nach mehr als 70 Jahren Orchestergeschichte. Überhaupt gebe es kaum ein anderes Haus, das sich so sehr auf die Bedürfnisse eines Orchesters einstellt. Falls sich zwei Orchester mal abwechseln, sind die Gänge breit genug, die Wege zwischen Bühne und Probenraum kurz – und die größten Instrumente haben natürlich auch die kürzesten Wege. Über eine Hintertür kommt Rieber direkt mit seinem Kontrabass in den Großen Saal. Er ist das „Herzstück“ der Elbphilharmonie. Die Ränge sind wie die Terrassen auf einem Weinberg angeordnet, die Bühne mittendrin – im Gegensatz zur klassischen „Schuhkarton“-Anordnung in den meisten anderen Konzerthäusern.

Zwischen dem „Hexenkessel“ moderner Fußballstadien und Shakespeares Globe Theatre, zwischen Zelt und Amphiteater solle damit die Distanz zum Publikum aufgehoben werden. Auf keinem der 2100 Plätze sitzt der Zuschauer weiter als 32 Meter von der Bühne weg, durch die steile Anordnung kann fast jeder die Musiker in Aktion sehen. Der japanische Star-Akustiker Yasuhisa Toyota hat mit der „Weißen Haut“, 10.000 individuell gefrästen Gipsfaserplatten, dafür gesorgt, dass der Klang im ganzen Saal gleich gut ist. Das soll die Elbphilharmonie unter die Top 10 der besten Konzerthäuser bringen – weltweit, versteht sich.

Sowohl der Große Saal als auch der Kleine Saal mit seinen 550 Plätzen sind vom Rest des Gebäudes durch Stahlfederpakete abgekoppelt, die als Stoßdämpfer dienen. Die riesigen Containerschiffe, die draußen vorbeiziehen, können so laut sein, wie sie wollen – kein Ton dringt davon nach innen. Achim Dobschall könnte sich da gut ein „Wander-Abo“ vorstellen, bei dem die Zuschauer immer woanders sitzen. „Das wäre bestimmt sehr gefragt“, glaubt er.

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Der Hornist und seine rund 100 Kollegen vom NDR-Elbphilharmonieorchester haben wohl einen der schönsten Arbeitsplätze Deutschlands. Mit eigenen Zugangskarten können sie üben, wann sie wollen. Foto: mz


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