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Serie zur Jugendanstalt: Teil 2

Arbeitsplatz: Knast

Im Zweifelsfall sind sie körperlich unterlegen: Frauen, die im Knast arbeiten. Dennoch ist etwa die Hälfte aller Stellen in therapeutischen Diensten mit Frauen besetzt, auch Justizvollzugbeamtinnen gibt es in jeder Anstalt. Was früher undenkbar war, ist heute Normalität. In der Jugendanstalt Tündern (JA) sind 32 Prozent weibliche Bedienstete beschäftigt. Eine von ihnen ist Katja Liebmann.

veröffentlicht am 03.08.2018 um 15:35 Uhr
aktualisiert am 07.08.2018 um 18:49 Uhr

„Es ist wichtig, sich die nötige Distanz immer wieder bewusst zu machen“, sagt die Psychologin. Dass eine Situation eskalieren kann, ist ein unvermeidbares Restrisiko. Foto: Wal
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Sie arbeitet seit 12 Jahren als Psychologin in der JA, sowohl als Diagnostikerin, als auch als Behandlerin. „Das stelle ich mir aber schwierig vor“, sei oft das Erste, was Leute über ihren Job sagen. „Ich wollte schon immer etwas mit schwieriger Klientel machen“, sagt Katja Liebmann.

Als sie anfing, war sie gerade einmal 25 Jahre alt, also unwesentlich älter als die Insassen. Auch heute, mit 37 Jahren, wirkt Liebmann jung. Mit ihren kurzen blonden Locken strahlt sie Dynamik und Frische aus, vor allem aber Offenheit. Die hat in der Jugendanstalt jedoch klare Grenzen. Distanz zu wahren, sei enorm wichtig. „Ich habe das aber nie als Belastung empfunden“, sagt sie. Schon in der Schule sei sie der Typ gewesen, neben den die schwierigen Schüler gesetzt wurden. Im Gefängnis entwickele man ein Gefühl dafür, ab wann ein Insasse einen um den Finger wickle, die Wertschätzung angreife oder ans Gewissen appelliere, um etwas Bestimmtes zu erreichen. „Man muss den Mut haben, diese Dinge anzusprechen“, sagt Katja Liebmann.

Manchmal sei es auch von Vorteil, dass sie eine Frau sei, weil sie in bestimmten Situationen eher einen Zugang zu den jungen Männern findet. Die Rolle sei vergleichbar mit der der älteren Schwester oder der Mutter. „Alles andere ist ein No Go, das ist wie bei Lehrer und Schüler.“ Genauso wie in der Schule kann es in Vollzugsanstalten in Einzelfällen zu Beziehungen kommen. Oder fast, wie bei der „Schnucki-Affäre“, bei der ein Häftling und eine Bedienstete in der JA Tündern sich intime Briefe geschrieben haben. „Es ist wichtig, sich die nötige Distanz immer wieder bewusst zu machen“, sagt die Psychologin.

Die Übergriffe auf Frauen sind überschaubar: Zwei Fälle von Vergewaltigungen in 30 Jahren in niedersächsischen Vollzugsanstalten sind Katja Liebmann bekannt, in Tündern gab es keine. Foto: dana
  • Die Übergriffe auf Frauen sind überschaubar: Zwei Fälle von Vergewaltigungen in 30 Jahren in niedersächsischen Vollzugsanstalten sind Katja Liebmann bekannt, in Tündern gab es keine. Foto: dana

Ich habe das aber nie als Belastung empfunden.

Katja Liebmann, Psychologin in der JA

Dass eine Situation eskalieren kann, ist ein unvermeidbares Restrisiko. Allerdings sind die Übergriffe auf Frauen überschaubar: Zwei Fälle von Vergewaltigungen in 30 Jahren in niedersächsischen Vollzugsanstalten sind Liebmann bekannt, in Tündern gab es keine. Vergewaltigungen seien eine Ausnahme, „gewalttätige Übergriffe gegen Männer sind häufiger“.

Katja Liebmann ist sich immer bewusst, dass sie den allermeisten Insassen körperlich – trotz zweier Selbstverteidigungskurse – nicht gewachsen wäre. Einen Übergriff hat sie noch nicht am eigenen Leib erlebt, eine brenzlige Situation gab es schon. Ganz am Anfang sei das gewesen, als sie einen aufgebrachten Gefangenen zurück in seine Zelle brachte. Dass die Situation hätte kippen können, sei ihr erst später bewusst geworden. „Das würde ich heute nicht mehr machen.“

Angst, dass ihr etwas passieren könnte, hat sie dennoch nicht. Das habe vor allem mit Selbstbewusstsein zu tun, erklärt sie. „Es ist wichtig, wie ich auf eine Gruppe junger Männer auf dem Hof zugehe, ich darf keine Verunsicherung zeigen.“ Einige versuchen auch, mit sexuellen Anspielungen und Beleidigungen die Würde des weiblichen Personals zu torpedieren. „Damit muss man rechnen“, sagt die die Psychologin. Die Insassen der JA müssen in solchen Fällen mit Sanktionen rechnen, gegebenenfalls kommt es zur Anzeige. Und: Sehr persönliche Angriffe gäbe es auch an anderen Arbeitsplätzen. „An Brennpunktschulen ist das sicherlich härter.“

Zur inneren Haltung gehört für sie auch, bei der Arbeit mal einen Rock anzuziehen. „Keine Frau sollte ihre Persönlichkeit an der Pforte abgeben müssen“, sagt Katja Liebmann über ihren Arbeitsplatz. Im Gegenteil: Die Anwesenheit von Frauen trage dazu bei, das Leben in der JA zu normalisieren.

Als hilfreich empfindet sie, dass sie nicht in Hameln wohnt. Im Internet ist sie kaum präsent, bei Facebook sowieso nicht. Die räumliche Distanz helfe zudem, Arbeit und Privates zu trennen.

Und wie groß ist die Spanne zwischen studentischem Idealismus und Knastrealität? „Groß“, sagt Liebmann. Ich habe gedacht, ich könnte viel mehr helfen. Sie habe anfangs geschätzt, dass sie sechs von acht Teilnehmern ihres Antigewalttrainings erreichen könne. Realistisch seien wohl eher zwei. In Zahlen lassen sich Therapieerfolge kaum messen, es ist eher ein Gefühl, dass auf Briefen, Treffen und Rückmeldungen basiert. Belegbar ist, dass 78 bis 82 Prozent der Insassen erneut polizeilich in Erscheinung treten, die Reinhaftierungsquote liegt bei rund einem Drittel (Jehle-Institut).

Ihr Training, das die jungen Männer zunächst dazu zu bringen soll, ihr aggressives Auftreten in Frage zu stellen, ist inzwischen in zwei Gruppen aufgeteilt. Die zweite ist für Migranten. Das war wichtig, denn die Gewalterfahrungen und die darauf folgenden stereotypen Reaktionen seien andere. Eine große Rolle spiele das Thema Familienehre.

Passiert es, dass Migranten Anweisungen von ihr als Frau nicht annehmen? „Das passiert“, sagt Liebmann, „aber es passiert genauso bei deutschen Insassen, die auf eine bestimmte Art sozialisiert sind“. Sie glaubt, dass auch dieses Problem an manchen Schulen ausgeprägter ist, „denn die Regeln in der JA sind klarer und strenger“.



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