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„Arbeitslos werden auch wir aggressiv“

Die Niedersächsische Landesregierung strebt eine Verschärfung des Hundegesetzes an: „Mit der Novelle wollen wir für mehr Sicherheit sorgen und gefährliche Beißvorfälle verhindern“, erläutert Landwirtschaftsminister Gerd Lindemann. Dabei trage der vor Kurzem beschlossene Gesetzentwurf „den Sicherheitsbedürfnissen der Bevölkerung und den Ansprüchen nach artgemäßer und verhaltensgerechter Haltung der Hunde gleichermaßen Rechnung“. Die Neufassung des Hundegesetzes muss zwar erst noch vom Landtag beschlossen werden, innerhalb der Zielgruppe der Hundehalter dürfte dieses Vorhaben aber durchaus kontrovers diskutiert werden.

veröffentlicht am 08.04.2011 um 00:00 Uhr

Boxer gelten als kinderliebe Familienhunde, dennoch können auch diese Tiere durch unsachgemäße Haltung zu Problemhunden werden.

Autor:

Michael Werk

Ein klarer Befürworter ist indes Dr. Ulf Güber, der als Tiermediziner beim Kreisveterinäramt des Landkreises Schaumburg regelmäßig mit der Begutachtung von Problemhunden sowie deren oftmals nicht minder problematischen Haltern zu tun hat.

Einer der Kernpunkte des von der Landesregierung verabschiedeten Entwurfs eines „Gesetzes zur Neufassung des Niedersächsischen Gesetzes über das Halten von Hunden und zur Änderung des Niedersächsischen Kommunalabgabegesetzes“ ist die Forderung eines Sachkundenachweises für neue Hundehalter: „Einen Hund darf nur halten, wer die dafür erforderliche Sachkunde besitzt. Wird der Hund nicht von einer natürlichen Person gehalten, so muss die für die Betreuung des Hundes verantwortliche Person die erforderliche Sachkunde besitzen“, heißt es in Paragraf 2. Inhalte der im ersten Jahr abzulegenden theoretischen Prüfung sollen das Halten von Hunden (auch unter Berücksichtigung der tierschutzrechtlichen Anforderungen), deren Sozialverhalten und rassespezifischen Eigenschaften, das Erkennen und Beurteilen von Gefahrensituationen mit Hunden, deren Erziehung und Ausbildung sowie Rechtsvorschriften für den Umgang mit Hunden sein. Im zweiten Jahr der Hundehaltung oder Betreuung müssen diese Kenntnisse zudem durch eine praktische Sachkundeprüfung nachgewiesen werden.

Wer dokumentieren kann, dass er bereits früher einen Hund mindestens zwei Jahre lang gehalten hat, braucht seine Sachkunde dagegen nicht nachzuweisen. Hierzu zählen unter anderem auch Jäger, deren vierbeinige Begleiter die Brauchbarkeitsprüfung für Jagdhunde erfolgreich abgelegt haben. Ebenso Betreuer von Hunden, die im Katastrophenschutz, im Rettungsdienst und als Diensthunde des Bundes eingesetzt werden sowie Personen, die einen Blindenführhund oder Behindertenbegleithund halten.

Ein weiterer Eckpfeiler der angestoßenen Novelle ist die obligatorische Kennzeichnung aller Hunde durch elektronisch lesbare Computerchips („Transponder“), die den Tieren unter die Haut implantiert werden. Die Regelung soll für jene Hunde gelten, die älter als sechs Monate sind.

Noch vor Vollendung des siebten Lebensmonates des Tieres beziehungsweise innerhalb eines Monats nach Aufnahme der Haltung eines älteren Hundes hat sich der Hundehalter zudem bei einem zentralen Register zu melden und dort folgende Angaben zu machen: seinen Namen (bei natürlichen Personen auch den Vornamen), Geburtstag, Geburtsort und seine Anschrift, die Rassezugehörigkeit des Hundes oder, soweit feststellbar, die Angabe der Kreuzung, die beim Chippen vergebene Kennnummer sowie das Geschlecht und das Geburtsdatum des Tieres.

Darüber hinaus darf – sollte das neue Gesetz tatsächlich in Kraft treten – nur noch derjenige einen Hund halten, der für die durch dieses Tier verursachten Schäden eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen hat, in der Personenschäden mit mindestens 500 000 Euro und Sachschäden mit mindestens 250 000 Euro versichert sind. Eine Ausnahme gilt lediglich für Diensthunde, die von juristischen Personen des öffentlichen Rechts gehalten werden.

Als absolut richtig bezeichnet Güber die geplante Änderung des Hundegesetzes – allen voran die Forderung eines Sachkundenachweises für neue Hundehalter. Viele von denen würden oftmals gar nicht wissen, was auf sie zukommt, wenn sie sich einen Hund anschaffen, berichtet er. Stattdessen stehe hinter der Kaufentscheidung nicht selten bloßes Statusdenken – je imposanter das Tier, umso besser. Unbekümmert werde etwa der dickste Rüde aus einem Wurf Rottweiler ausgesucht, das starke Dominanzverhalten solch eines Alpha-Tieres aber völlig unterschätzt. Sehr bedenklich sei zudem der derzeitige Trend zu so genannten „Herdenbegleithunden“ wie dem mit einem „unwahrscheinlich hohen Schutztrieb“ ausgestatteten türkischen Kangal. Er kann gut und gerne um die 60 Kilogramm auf die Waage bringen.

„Für jede Hunderasse gibt es ja ein Zuchtziel“, erklärt Güber das Problem. Wird dann aber ein derart kräftiger Hund wie der Kangal, der genetisch darauf programmiert ist, eine ihm anvertraute Herde aktiv vor Feinden wie Wölfen, Bären oder Dieben zu beschützen, nicht artgerecht eingesetzt, sondern lediglich als Familienhund gehalten, müsse man sich nicht wundern, wenn so ein Tier irgendwann aggressiv wird. „Wenn wir Menschen arbeitslos sind, bekommen wir ja auch schlechte Laune“, bringt es der Experte auf den Punkt.

„Welcher Hund passt zu mir?“ ist daher eine ganz wichtige Frage, mit der sich angehende Hundehalter vor der Anschaffung eines Hundes ernsthaft auseinandersetzen sollten. Ebenso mit der Frage, ob es wirklich unbedingt ein großer Hund sein muss: „Hunde unter Kniehöhe sind so gut wie gar nicht auffällig“, sagt Güber mit Blick auf die beim Kreisveterinäramt geführte Statistik über Beißvorfälle und Angriffe durch Hunde. Allenfalls „ein griffiger Terrier“ wird dem Kreisveterinäramt mal gemeldet. Stattdessen sind es nahezu ausnahmslos die über Kniehöhe hinausragenden Hunde, die Eingang in diese Erhebungen finden. In Zahlen: Im Landkreis Schaumburg wurden allein im vergangenen Jahr 45 Beißattacken gemeldet, von denen sich 33 gegen einen anderen Hund richteten, zehn gegen einen Menschen und bei zweien kamen sowohl ein anderer Hund als auch ein Mensch zu Schaden. Behördlich erfasste „Angriffe ohne Bisse“ gab es dreimal gegen einen anderen Hund und viermal gegen einen Menschen. Reine Bedrohungssituationen ereigneten sich dagegen 13-mal gegenüber einem anderen Hund und einmal gegenüber einem Menschen.

Unterm Strich landen pro Jahr rund 100 Fälle auf dem Schreibtisch des promovierten Tiermediziners, die in irgendeiner Weise mit auffällig gewordenen Hunden zu tun haben. Davon enden im Schnitt 15 bis 20 Fälle damit, dass den Hundehaltern – nach einer entsprechenden Begutachtung von Mensch und Tier – behördliche Auflagen erteilt werden, wenn sie ihre Hunde weiterhin behalten möchten. Die Bandbreite reicht dabei vom Leinen- und Maulkorbzwang für den Hund und Schulungen des Halters über die Sicherung des Grundstücks bis hin zur Anordnung, dass der Hund nur noch auf dem Grundstück gehalten werden darf. Noch mal so viele Fälle betreffen bloße Anfragen besorgter Bürger.

„Das Halterproblem geht durch alle gesellschaftlichen Schichten“, betont Güber in diesem Zusammenhang. Menschen aus sozial schwachen Schichten seien ebenso vertreten wie gutbürgerliche Familien und reiche Villenbesitzer.

Vollen Zuspruch seinerseits erfahren auch die beiden anderen Kernpunkte der angestrebten Gesetzesänderung: Die Versicherungs- und die Kennzeichnungspflicht. Auch Ursula Sturm, die Vorsitzende des Tierschutzvereins Stadthagen, begrüßt diese Neuerungen. Aufgrund der mit dem Sachkundenachweis sowie der Kennzeichnungs- und Versicherungspflicht verbundenen Kosten werde sich manch potenzieller Hundehalter schon vor dem Kauf eines Hundes mehr Gedanken darüber machen, ob beziehungsweise was für einen Hund er tatsächlich haben möchte. „Spontankäufe dürften somit langfristig ebenfalls zurückgehen“, hofft sie.

„Jeder, der ein Kraftfahrzeug fährt, muss eine Haftpflichtversicherung dafür haben, selbst wenn es nur ein Mofa ist, aber vom Hundehalter verlangt man das bisher nicht, egal wie viele – vielleicht sogar bissige – Hunde er hat“, stellt Güber zudem fest. So eine Unterscheidung sei doch nicht nachzuvollziehen, zumal ja auch ein Hund bekanntermaßen schwerwiegende Personenschäden verursachen kann.

Nicht zuletzt wegen solcher Schadensfälle und anderweitig auffällig gewordener Hunde plädiert er zudem für das Chippen der Tiere, denn dies bietet die Möglichkeit, einen Hund rechtssicher einem bestimmten Hundehalter zuordnen zu können. In der Praxis komme es nämlich immer wieder vor, dass uneinsichtige Hundebesitzer behaupten, bei dem wiederholt als Problemhund angezeigten Vierbeiner handele es sich nicht um das Tier, das schon mehrfach beim Kreisveterinäramt angezeigt wurde. Ohne eindeutige Kennzeichnung ist die Beweislage in solchen Fällen schwierig – und der Geschädigte geht mitunter leer aus.

Ursula Sturm sieht noch eine ganz andere positive Folge des geplanten Hundegesetzes: „Wenn die Hunde gechipped und registriert werden, gebe es auch weniger anonyme Fundhunde, die – weil sie ihren Haltern unbequem geworden sind – einfach an der Autobahn oder andernorts ausgesetzt werden“, prognostiziert sie.

Chippen, Sachkundenachweis, Versicherungsschutz – die Verschärfung des Hundegesetzes spaltet die Hundewelt. Kreisveterinär Dr. Ulf Güber begrüßt die geplanten Änderungen. Er ist sich sicher: Das Gesetz ist „absolut richtig“.

Der promovierter Kreisveterinär Ulf Güber – hier mit einem Staffordshire Terrier aus dem Stadthäger Tierheim – begrüßt die Verschärfung des Hundegesetzes.



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