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Angelsport – die Sache hat einen Haken

Als in diesem Frühling ein Internetvideo entdeckt wurde, in dem zwei Jugendliche einen großen Fisch der Kamera präsentierten, den sie im Kiesteich von Engern gefangen hatten, gab es guten Grund zur Empörung. Das Tier lebte noch minutenlang, als es, am Haken in der Luft hängend, gefilmt worden war. Eindeutig Tierquälerei. Wie aber sieht es überhaupt mit dem Angelsport aus? Ist er, aufgrund des Hakens, der sich im Gaumen der Tiere verfängt, insgesamt eine Quälerei für die Fische? Sollte man ihn ganz verbieten, wie es zum Beispiel die radikale Tierschutzorganisation Peta verlangt?

veröffentlicht am 24.10.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:00 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

„Das Angeln mit Köder ist kein Sport“, erklärt dazu Wilhelm Wehrhahn, Anglerurgestein aus Hameln und stellvertretender Vorsitzender im dortigen Sportfischerverein. „Es ist eine Leidenschaft wie das Jagen, und sie sollte immer im Zusammenhang damit stehen, dass man einen leckeren Fisch zum Abendbrot essen will.“ Würde man aus reinen Wettkampfgründen angeln, die Tiere danach wieder ins Wasser zurückwerfen oder auf unnütze Weise sterben lassen, dann könnte man darüber diskutieren, ob das Angeln an sich eine Tierquälerei sei, meint Wehrhahn. „Aber Wettangeln ist schon lange ein Tabu und streng verboten.“

Dass sogar sein eigener Verein, wie viele andere auch, den Begriff des „Sports“ im Namen trägt, sei in gewisser Weise ärgerlich. Vorwürfe der Tierquälerei hätten meistens genau damit zu tun. „Die Vereine nennen sich aber nur deshalb Sport-Vereine, weil das die Bedingung für Fördergelder war“, sagt Wehrhahn. Zwar trainiere man das Angeln, um die Schnur weit und zielgenau auswerfen zu können, es gäbe ja auch Landes- und Weltmeisterschaften in diesem Sport, aber das alles geschehe selbstverständlich ohne Köder.

Es gehe dabei nur um die Technik, nicht darum, so viele Fische wie möglich an Land zu ziehen. „Quäle nie ein Tier zum Scherz, denn es spürt wie du den Schmerz, dieser Satz muss allen Anfängern in den Vereinen in Fleisch und Blut übergehen“.

Tatsächlich verursacht der Angelhaken eine Wunde im Gaumen des Fisches, die um so größer wird, je länger der Fisch an der Schnur hängt und um sein Leben zappelt. Doch befinden sich im hornigen Gaumenmaterial nur wenige Nerven. „Sicher ist, dass es wesentlich mehr weh tut, wenn man sich als Angler aus Versehen einen Haken in die Hand rammt“, so Wehrhahn. „Hat man einen Fisch ufernah geangelt und dann gleich einen Kescher darunter gehalten, kann man ihn sogar, nachdem der Haken vorsichtig gelöst wurde, wieder in Fluss oder Teich zurücksetzen.“ Das macht man zum Beispiel, wenn das Tier zu klein ist, um eine gute Mahlzeit abzugeben, oder wenn ein Fisch an die Angel geriet, für den gerade Schonzeit besteht.

Die meisten Angler angeln sowieso mit Haken, die gar keinen Widerhaken besitzen. „Ja, das klingt für Laien im ersten Moment vielleicht unglaubwürdig, aber man braucht keine Widerhaken“, sagt Karl Tiedermann, der Vorsitzende des Anglervereins in Rinteln. „Als Kinder, damals, hätten wir eh nirgendwo solche Widerhaken kaufen können. Wir benutzten einfach umgebogene Stecknadeln. Das geht auch, wenn man sich ein bisschen geschickt anstellt.“

Ohne Widerhaken zu angeln hat den Vorteil, dass man keine Lösezange einsetzen muss, um den Fisch von der Angel zu holen. Das erspart Arbeit, es ist aber auch schonender für diejenigen Fische, die nicht sofort waidgerecht getötet werden, sondern ins Wasser zurück sollen. „Wir haben ja selbst ein Interesse daran, dass die Fischbestände gesund sind und sich gut vermehren können“, das betonen Wehrhahn und Tiedermann gleichermaßen. Tierschutz, Naturschutz, das seien Angelegenheiten, die jedem Angler am Herzen lägen, schon aus vernünftigem Eigeninteresse heraus.

Letzteres allerdings sieht zum Beispiel der Naturschutzbund Nabu anders. Wenn seine Vertreter oft in Konfrontation mit den Anglervereinen geraten, dann nicht deshalb, weil sie das Angeln für eine problematische Methode des Jagens hielten, sondern weil Angler in ihren Augen eher sowas wie „Naturnutzer“ sind, weniger „Naturschützer“. „Wir haben rund um Rinteln so viele Kiesteiche, die großen ökologischen Wert besitzen könnten, wenn sie nicht fast ausschließlich an die Anglervereine verpachtet wären“, so Nick Büscher, stellvertretender Landesvorsitzender des Nabu Niedersachsen. „Vor allem die Vögel werden durch das Angeln erheblich gestört.“

Heimische Wasservögel könnten sich an die Gegenwart rücksichtsvoller Angler durchaus gewöhnen. Schwer aber sei es für Zugvögel, wie sie etwa in Deckbergen, Hohenrode und Engern die Teiche anfliegen, um dort zu rasten. Bei denen stelle sich kein „Safari-Effekt“ ein, dergestalt, dass sie die Angler an den Ufern gelassen hinnehmen würden. Sie kämen nicht wirklich zur Ruhe und könnten dann oft nicht genug Kräfte für ihren Weiterflug sammeln. „Es wäre schön, wenn wir noch viel mehr als es bisher ansatzweise der Fall ist, mit den Anglervereinen zusammenarbeiten könnten, um Kompromisse zu finden zwischen Naturschutz und Naturnutzung.“

Angler empfinden solche Vorwürfe als ungerecht. An fast allen Anglerteichen gibt es gesperrte Gebiete mit einem Bewuchs voller Verstecke für Vögel und Fische. Wer einen Angelschein macht, ohne den das Angeln in Deutschland ohnedies nicht erlaubt ist, werde sorgsam eingeführt nicht nur in ein waidgerechtes Fischen, sondern auch in den verständigen Aufenthalt in der Natur. Zudem setzen die Vereine regelmäßig Fischnachwuchs aus und investieren sehr viel Geld dafür. Bis zu 50 000 Euro setzt der Hamelner Verein dafür ein. Das sind nicht nur angelfähige Fische, die den entsprechenden Bestand sichern sollen, sondern auch Fische wie Elritzen oder die Bachschmerle, die viel zu klein sind, um geangelt zu werden.

Überhaupt, wenn Wilhelm Wehrhahn auch nur das Stichwort „Nabu“ vernimmt, könnte ihm fast der Kragen platzen. In seinen Augen – und da ist er nur einer unter der Überzahl von Anglern, die das genau so sehen – trägt gerade der Nabu dazu bei, dass es mit den Fischbeständen in Teichen und Flüssen des Landes eher schlecht aussieht. Es ist das alte Streitthema um einen Vogel, der als kluger und ausdauernder Fischjäger im Gefilde der Angelfreunde räubert. „Indem der Nabu den Kormoran auf eine übertriebene Weise schützt, trägt er dazu bei, dass alle Schutzmaßnahmen für die Fische ins Leere laufen“, so Wehrhahn.

Wenn also Nick Büscher unter anderem anregt, Gewässer naturnäher zu gestalten und darin neue Lebensräume und Verstecke für Fische zu schaffen, schüttelt Wehrhahn einfach nur den Kopf. „Das alles hat keinen Sinn, da wir dadurch nur dem Kormoran zuarbeiten“, meint er und nennt den Baggersee in Fischbeck als Beispiel, wo es vor Jahren noch einen guten Fischbestand gegeben habe, der nun durch sechs Kormoran-Brutpaare nahezu vernichtet sei. „Da können wir noch so viele Fische aussetzen, oft sind sie schon Stunden später von den Kormoranen erwischt!“

Karl Tiedermann erzählt Vergleichbares. Sein Verein setzt regelmäßig Aale in der Weser aus und hat das Gefühl, die Kormorane warten nur darauf, sich auf die jungen Tiere zu stürzen. „Wir Angler setzen Fische zurück, die nicht im laichfähigen Alter sind. Kormorane denken natürlich nicht daran.“ Wie Wilhelm Wehrhahn ist er der Meinung, dass man das Geld für neuen Fischbesatz eigentlich auch gleich so ins Wasser schmeißen könnte. „Ohne neue Regelungen über Jagderlaubnisse auf den Fischräuber, wird es kaum zur Zusammenarbeit mit dem Nabu kommen können“, meint Wehrhahn. „Natürlich wollen wir nicht, dass dieser Raubvogel wieder so dezimiert wird wie in den 50er Jahren, als er beinahe ausgerottet war. Doch inzwischen rottet er die Fische aus. So geht das nicht.“

Nick Büscher bestätigt, dass die Frage, wie man mit dem Kormoran umgehen solle, die Zusammenarbeit mit den Anglervereinen erheblich erschwere. Er hofft trotzdem auf lokale Arbeitsgemeinschaften, wie sie im Schaumburger Land auch zwischen Nabu und Landwirten besteht, wenn es um Flurbereinigungen geht, die beides sein sollen: Effektiv für die Landwirtschaft ebenso wie für den Schutz der freien Natur.

Was aber die beiden Jugendlichen angeht, die so stolz ihre große Brasse filmten und sie dafür leiden ließen – da gibt es auf keiner Seite einen Zweifel daran, dass Angeln so nicht sein soll. Wer die geangelten Tiere nicht angemessen behandelt, sie nicht schnell mit Unterfangkescher aus dem Wasser hebt, sie durch einen Kopfschlag betäubt und dann mit gezieltem Messerstich tötet, der begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem erheblichen Bußgeld geahndet wird.

Sport oder Tierquälerei – Angelsportvereine und Naturschutzverbände liegen im Streit. Die Haken verursachen Wunden und Vögel werden durch Angler vertrieben, argumentiert die eine Seite. Die andere weist auf den ökologischen Wert des Angels als Methode des Jagens hin. Beide Parteien erläutern ihre Standpunkte – und erklären, warum Angeln keine Sportart ist.



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