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An der Grenze zwischen Härte und Unfairness

Und die Versicherungen? Bei dem üblichen Gerangel um den Ball gilt der Haftungsausschluss. Wird gegrätscht, obwohl der Ball schon halb im Tor ist, geht man von Vorsatz aus. Auch dann sind die Versicherungen aus dem Schneider. Nur welcher Fußballer liest das Kleingedruckte?

veröffentlicht am 08.08.2012 um 00:00 Uhr

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Geradezu beispielhaft sind für den Rintelner Rechtsanwalt und Fachanwalt für Versicherungsrecht Thomas Grell da zwei Gerichtsurteile, die in jüngster Zeit im Schaumburger Land gefällt worden sind.

In beiden Fällen ging es um die Frage: sportliche Härte oder brutale Blutgrätsche? In beiden Fällen entschieden die Richter, dass es einen Schadensausgleich nicht geben würde, weil Fußball eine Kampfsportart ist und Risiken damit systemimmanent.

Grell war an beiden Verhandlungen jeweils für die andere Seite tätig, vertrat einmal den Verletzten, beim zweiten Prozess den Beschuldigten. Für Grell alarmierend: Amateurfußballer wiegen sich in falscher Sicherheit, wenn sie glauben über ihre private Haftpflichtversicherung oder die Sportversicherung des Vereins seien sie voll und ganz abgesichert, wenn sie einen Mitspieler verletzen oder durch diesen verletzt werden.

Am 9. Mai dieses Jahres berichtete unsere Zeitung über die Gerichtsverhandlung über eine „Blutgrätsche“, die schließlich zu Ungunsten des Klägers Murat S. vom SC Schwalbe Möllenbeck ausfiel.

Beide Fälle waren keine Bagatellen: Bei Murat S. aus Rinteln splitterte der Unterschenkel, er war mehrere Monate in ärztlicher Behandlung und leidet noch heute unter dem Sportunfall. Julian B. aus Stadthagen erlitt eine komplizierte Innenknöchelfraktur.

Es passierte auf dem Sportplatz in Möllenbeck beim Halbfinale im Kreispokal, um den die 1. Herrenmannschaft des SC Schwalbe Möllenbeck gegen die 2. Herrenmannschaft des VfL Bückeburg kickte. Murat S. wollte in der 20. Minute als Verteidiger der Schwalben einen Ball stoppen, der Bückeburger Christian S. war in Richtung Tor unterwegs. Beim Zusammenprall gingen beide zu Boden. Christian S. sah eine Gelbe Karte, Murat S. blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen liegen.

Er schilderte vor Gericht die Situation aus seiner Sicht so: Der Bückeburger Spieler habe mit voller Wucht gegen seinen Unterschenkel gegrätscht, obwohl er den Ball schon längst ins Aus befördert hatte. Der Bückeburger Spieler bestritt das, beide seien gleich weit weg vom Ball gewesen, als er zur Grätsche angesetzt habe.

In der Verhandlung vor der Zivilkammer des Landgerichts Bückeburg forderte Thomas Grell für seinen verletzten Mandanten Murat S. 25 000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld. Die Zivilkammer des Landgerichts entschied anders. Was hier passiert sei, sei eine „wettbewerbstypische Risikolage“. Man könne davon ausgehen, dass der Beklagte „aus dem Spieleifer heraus den nicht von vornherein zum Scheitern verurteilen Versuch gestartet habe, den Ball noch zu erreichen und zu spielen“. Beim Grätschen habe er die Kollision nicht mehr verhindern können. Pech.

Der verletzte Murat S., der im Versicherungsgeschäft tätig ist und sich eigentlich auskennt, sagt heute, Amateurfußballer müssten von den Vereinen mehr über die Risiken aufgeklärt werden, eben auch darüber, dass sie im Schadensfall leer ausgehen können.

Vor dem Amtsgericht Stadthagen ging es um einen Sportunfall, der sich bei einem Spiel zwischen Rot-Weiß Stadthagen und Deckbergen-Schaumburg II bereits im Mai 2010 ereignet hatte und über den erst jetzt entschieden wurde. Hier vertrat Grell den Spieler Björn B. aus Deckbergen, dem vorgeworfen wurde, er sei dem Stadthäger Spieler Julian B. von hinten auf den rechten Fuß gesprungen, nachdem der ihn vorher „ausgetrickst“ hatte. Der Ball sei dabei längst nicht mehr im Spiel gewesen. Julian B. blieb mit gebrochenem Knöchel auf dem Rasen liegen. Dessen Anwalt klagte auf 4000 Euro Schmerzensgeld.

Urteil des Amtsgerichts Stadthagen: Ein schuldhaftes Verhalten von Björn B. sei nicht bewiesen. Der Schiedsrichter muss es damals übrigens genau so gesehen haben, er zückte keine Rote Karte gegen Björn B.

Der Stadthäger Richter befand in seiner Urteilsbegründung: Selbst ein regelwidriges Verhalten begründe nicht automatisch eine Haftung. Denn „die Sorgfaltsanforderungen an die Teilnehmer eines Wettkampfes bestimmen sich nach den besonderen Gegebenheiten des Sports, bei dem sich der Unfall ereignet hat“.

Das Amtsgericht bezog sich dabei auf ein höchstrichterliches Urteil des Bundesgerichtshofs, in dem es heißt: „Die Eigenart des Fußballspiels als Kampfspiel zwingt den Spieler oft, im Bruchteil einer Sekunde Chancen abzuwägen und Risiken einzugehen. Solange sich das Verhalten des Spielers noch im Grenzbereich zwischen kampfbetonter Härte und unzulässiger Unfairness bewegt, ist ein Verschulden trotz Regelverstoßes nicht gegeben.“ Was bedeutet: Auch eine Rote Karte ist im Sinne der Justiz keine Schuldzuweisung.

Auch Zeugen, sagt Grell, helfen in solchen Fällen nur bedingt weiter: Zwölf haben die Bückeburger Zivilrichter gehört, Zeugen, die sich nicht einmal darauf einigen konnten, auf welchem Spielfeldteil der Sportunfall passiert ist, geschweige denn, was genau überhaupt. Im Grunde habe ein verletzter Spieler also nur dann eine Chance auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, sagt Grell, wenn er weit weg vom Ball zu Boden getreten wird. Am besten, der Ball ist dann schon im Tor. Angesichts solcher Urteile stellt sich für einen Spieler die Frage, wofür sind Versicherungen dann eigentlich gut?

Steffen Heyerhorst, Jurist bei der Rechtsabteilung des Niedersächsischen Fußballbundes empfiehlt, den Komplex Schadensersatz und Versicherungsleistung etwas differenzierter zu betrachten. Sicher sei die Vorstellung unsinnig, eine Sportversicherung decke automatisch alles ab. Das sollten Fußballer aber auch wissen.

Eine Sportversicherung, wie sie über den bestehenden Rahmenversicherungsvertrag bei der Allgemeinen Rechtsschutz-Versicherungs-AG (ARAG) für Vereine abgeschlossen ist, sei eine „worst-case-Versicherung“, also eine Versicherung für den schlimmsten Fall, im Unfallbereich im Grunde eine Invaliditätsversicherung – damit nicht mit einer privaten Haftpflichtversicherung vergleichbar.

Daraus folge, so Heyerhorst, dass diese Versicherung erst bei einer Invalidität von 20 und mehr Prozent eintritt. Wer sechs Monate mindestens zu 50 Prozent krank geschrieben ist, kann auf ein Übergangsgeld hoffen. Fußball sei da übrigens keineswegs die Ausnahme, diese vereinbarten Versicherungsleistungen gelten für alle Sportarten. Heyerhorst, der selbst mehrmals verletzt worden ist, stellt klar: Bei rund 400 000 Fußballspielen in Niedersachsen im Jahr sei das vom Prämienvolumen der Versicherung her gar nicht anders zu leisten: „Sonst können wir den Betrieb einstellen“. Empfehlenswert sei da aus seiner Sicht eine zusätzliche private Unfallversicherung. Die zahle nämlich bei den meisten Sportunfällen. Für Versicherer, sagt Heyerhorst, seien Sportunfälle Routine und hier wird vieles hinter den Kulissen abgewickelt: „Die meisten Krankenversicherungen einigen sich mit den Haftpflichtversicherungen über Teilungsabkommen im Innenverhältnis, das bekommt der Kunde gar nicht mehr mit.“

Heyerhorst, selbst Jurist, versteht, warum seine Kollegen ihren Mandaten zu einer Klage raten, obwohl die Grundsätze der Rechtsprechung in solchen Fällen eigentlich allen bekannt sind. Klagen könne man immer nach dem Motto, „man kann es ja mal versuchen“. Jedes Amtsgericht entscheide im Detail nach Beweislage eben doch anders, jeder Fall sei anders. Für einen Richter genüge schon ein bedingter Vorsatz.

Schiedsrichter, die eigentlich den Überblick haben sollten, sind bei einer Rechtsfindung meist nicht besonders hilfreich. Das musste auch Rechtsanwalt Thomas Grell erfahren: Im ersten Fall hatte der Schiedsrichter in seinem Spielbericht gerade mal notiert, dass er eine Gelbe Karte vergeben und nach der Verletzung eines Spielers das Spiel 25 Minuten unterbrochen hatte.

Im zweiten Fall räumte der Schiedsrichter vor Gericht ganz offen ein: Er pfeife in der Woche zwei bis drei Spiele, da könne er sich also beim besten Willen nicht mehr an jede Situation erinnern. Er könne nur mit Bestimmtheit sagen, „ja, da ist jemand verletzt worden, ja, da war ein Krankenwagen auf dem Platz“.

Heyerhorst nimmt die Schiris in Schutz: Man sollte die Messlatte nicht zu hoch hängen. Für Grell ist klar, wer absolute Sicherheit bei der Beurteilung wolle, brauche im Grunde einen Videobeweis. Aber so was gibt es nicht im Amateurfußball.

Die ARAG selbst, die Sportversicherungen für Vereine anbietet, wollte sich nicht äußern: Pressesprecherin Marion Schikora ließ per E-Mail nur wissen, ohne die Urteile im Detail zu kennen, könne sie nicht Stellung nehmen. Eine grundsätzliche Einschätzung wolle sie nicht abgeben.

Unter Juristen kursiert übrigens der Witz: Der Teufel klopft bei Petrus an und fragt, ob man nicht mal ein Fußballspiel Himmel gegen Hölle arrangieren könne. Petrus lacht ihn aus: „Ihr habt doch keine Chance, alle Weltklassespieler sind im Himmel!“ Der Teufel grinst zurück: „Macht nichts, dafür haben wir alle Schiedsrichter!“

Fußball ist Kampfsport. Und endet deshalb manchmal vor Gericht. Dann, wenn Knochen brechen, Sehnen

reißen. Wer hier auf Schadensersatz und Schmerzensgeld hofft, geht in

der Regel leer aus. Denn Richter sind sich einig: Wer kickt, muss wissen, was er riskiert.

Eine Rote Karte ist juristisch keine Schuldzuweisung



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