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„Ameisen sind die besseren Autofahrer“

Jeder, der im Auto sein Handy anschaltet, könnte in Zukunft Staumelder sein – ob er das will oder nicht. Möglich werden soll das durch eine neue Technologie. Sie soll Autofahrer frühzeitig warnen, ehe sie vor sich auf der Autobahn auf allen drei Spuren die Bremslichter aufleuchten sehen und im Stau stehen.

veröffentlicht am 14.02.2011 um 16:32 Uhr

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Wer über den Kalauer „sie stehen nicht im Stau, sie sind der Stau“ auch noch lachen kann, wenn er sich eine halbe Stunde lang im „Stopp-and-Go“ den Nenndorfer Berg hochquält, hat wirklich Humor. Die Institutionen, die sich mit dem Phänomen Autobahnstau beschäftigen, sind Legion, Stauwarnungen gibt es im Internet, per Autoradio wie auf dem Navi. Verhindert wird ein Stau dadurch allerdings nicht.

Aber an Warnern mangelt es schon bisher nicht: Die Autobahnpolizei meldet, wenn die Blechlawine ins Stocken gerät. Der ADAC hat eigene Staumelder, die Alarm schlagen. Polizeihubschrauber sichten Blechlawinen aus der Luft. Jeder Autofahrer kann per Handy selbst diverse Rundfunksender anrufen, wenn die Autobahn zum Parkplatz wird. Induktionsschleifen in den Fahrbahnen melden die Fahrzeugdichte, ebenso Videokameras.

Doch die ganze geballte Logistik ändert nichts daran, dass viele Autofahrer eine Staumeldung meist erst dann erreicht, wenn längst auf den drei Spuren vor ihnen alle Bremslichter aufleuchten und die rettende Autobahnausfahrt längst vorbei ist.

Die bisherige Methode der Verkehrsinformation ist dem heutigen Verkehrsaufkommen einfach nicht mehr gewachsen, geben auch Experten zu.

16 polizeiliche Landesmeldestellen bündeln die Informationen, autorisieren sie und geben sie als TMC-Meldungen (Traffic Message Channel) an die Rundfunkanstalten weiter. Eine solche Meldung besteht aus einem Ereigniscode und einem Positionscode. Systeme mit Nachteilen: TMC-Meldungen sind zu langsam, Induktionsschleifen wie Videokameras muss man installieren und warten.

Deshalb hat das Niedersächsische Verkehrsministerium auf dem 30 Kilometer langen Abschnitt zwischen Lauenau und Veltheim einen Modellversuch durchgeführt, bei dem Handys als Staumelder fungieren. Die A2, die „Warschauer Allee“, ist schon deshalb dafür eine ideale Teststrecke, weil sie für ihre Staus bundesweit berüchtigt ist.

Wie diese Stauwarnung funktioniert, erklärte Pressesprecherin Anne Neumann vom Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr: Fast jeder hat heute im Auto sein Handy an, oft sind sogar mehrere in Betrieb, das Privat- wie das Diensthandy oder auf dem Rücksitz daddeln Jugendliche.

Jedes Handy weiß immer genau, wo es sich gerade befindet, es meldet sich nämlich von Funkzelle zu Funkzelle an. Diese Handys erscheinen dank einer entsprechenden Software auf dem Bildschirm wie eine „Punktwolke“, wie Anne Neumann das nennt. Punkte, die in Bewegung sind – oder stehen. Einziges Problem an der Autobahn: Wo eine ICE-Hochgeschwindigkeits-Strecke parallel läuft, muss man erst herausfiltern, wo die Handys rollen – im ICE oder auf der Piste.

Für Markus Bachleitner, beim ADAC der Leiter des Fachbereichs Verkehrsinformationen, ist das grundsätzlich eine gute Idee, wenn auch technisch verbesserungswürdig. Denn die Ortung von Funkzelle zu Funkzelle ist nur präzise, wenn mit dem Handy auch gesprochen wird.

Der ADAC setzt deshalb auf GPS-Technik, die neben der Position auch die Geschwindigkeit übermittelt, mit der das Fahrzeug unterwegs ist. Für Handys gibt es dafür eine kostenlose Software, für I-Phones ein App, das auch Verkehrsinformationen vermittelt und zurücksendet. Bei den Navis funktioniert das über eine SIM-Karte.

Wenn auf der Autobahn nichts mehr geht, können das außerdem Staumelder dem ADAC per Knopfdruck auf ihrem Handy oder I-Phone durchgeben. Diese Staumelder seien namentlich bekannt, ein Missbrauch sei deshalb ausgeschlossen, betont Bachleitner.

Für den Rintelner Verkehrsplaner Dr. Norbert Handke hat die zwischen Lauenau und Veltheim erprobte Technik den Vorteil, dass sie passiv funktioniert, der Autofahrer selbst also nichts tun muss, keinen Knopf drücken, keine Meldung absetzen. Dafür könne man eine gewisse Ungenauigkeit beim Übergang von Funkzelle zu Funkzelle in Kauf nehmen.

Handke, Geschäftsführer der Landesinitiative Telematik-ITS Niedersachsen hatte diese Idee mit seinem Team bereits bei der Cebit 2008 in Hannover vorgestellt.

Präzise ist die Ortung, wenn der Handybesitzer ein Gespräch führt und das tut er meist im Stau. Logisch, denn dann gilt der erste Griff dem Handy, einfach, um Ehefrau oder Geschäftspartner zu verständigen, dass es heute wohl später wird.

Die Lösung zurzeit, sagen Handke wie Bachleitner, sei ein Mix der Systeme: GPS plus Handy plus Induktionsschleifen, plus Staumelder.

In diversen Internetblogs kann man nachlesen, dass Bleifußfahrern, die die linke Spur gepachtet haben, schon das P für Panik in den Augen steht, die neue Technologie könnte auch verwendet werden, um Temposünder zu packen.

Bachleitner hält das für abwegig. Rein theoretisch wäre das zwar möglich, aber der Aufwand viel zu groß. Die persönlichen Daten, um ein rasendes Handy zu identifizieren, müssten erst über den Provider abgefragt werden. So sieht es auch Anne Neumann: „Da ist es einfacher, Blitzer aufzustellen“. Ein Problem zumindest könnte die neue Technologie lösen. Wer bisher nach einer Warnmeldung von der Autobahn abfährt, um dem Stau zu entgehen, erlebt meist, dass andere diese Idee auch schon hatten. So steht er im nächsten Stau. Nämlich dem von Ampel zu Ampel. Per Handydaten oder GPS könnte man Autofahrer rechtzeitig warnen, wenn auch die Umleitungsstrecken dicht sind.

Eine ADAC-Umfrage bei tausend autobahnnahen Kommunen hat ergeben, dass bisher in zwei Dritteln aller Städte der Verkehr regelmäßig zusammenbricht, weil Autofahrer blind den Empfehlungen ihres Navis folgen, das bisher auf TMC-Daten zurückgreift.

Früher wurden Butterbrote für den Stau eingepackt. Vater und Mutter wussten nämlich, wann die gebraucht wurden – immer zu Ferienbeginn. Was für selige Zeiten. Stau ist heute Alltag. Und die beste Informationstechnik nützt nichts, wenn zu viele Leute zur gleichen Zeit auf der gleichen Strecke unterwegs sind.

Doch selbst dann könnte der Verkehr noch rollen, wenn es nicht die Eiligen gebe, die von Spur zu Spur springen, weil sie glauben, so schneller vorwärts zu kommen.

Verkehrsforscher Professor Michael Schreckenberger von der Universität Duisburg drückte das in einem Interview mit dem Nachrichtensender „n-tv“ so aus: Durch den Wechsel der Spuren werden andere Fahrer zum Bremsen gezwungen – weil der Sicherheitsabstand zu gering ist. Also muss der Nachfolgende immer ein wenig langsamer fahren als sein Vordermann. Die Ziehharmonika schließt sich, denn diese Bremsmanöver verstärken sich von Fahrzeug zu Fahrzeug, bis schließlich alles steht. Dann geht es plötzlich vorne weiter. Aber kaum freut man sich, legt den nächsten Gang ein, schon muss man sich im nächsten Stau wieder hinten anstellen. Zehn Meter fahren, zwanzig Minuten stehen – jeder kennt das.

Für Schreckenberger auch ein psychologisches Phänomen: Kaum ein Autofahrer überlege sich, dass sein individuelles Handeln enorme Auswirkungen auf alle anderen hat. Ein Auffahrunfall und Tausende sind betroffen.

Für den Physikprofessor Dr. Andreas Schadscheider von der Universität Köln sind Ameisen deshalb die besseren Autofahrer, wie er in der Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlich hat. Ameisen handeln nämlich stets im Kollektiv, passen ihre Geschwindigkeit allen anderen an. Trotz dichtem Verkehr auf den Ameisenstraßen nimmt die mittlere Geschwindigkeit aller damit keineswegs ab, ganz anders als auf unseren Autobahnen. Keine Ameise überholt mehr, wenn es eng wird, es gibt keinen Stau. Und Ameisen bewegen sich in kleinen Kolonnen. Das hat den Vorteil, dass mögliche Störungen nicht sofort das ganze System zusammenbrechen lassen. Und Ameisen tauschen laufend Informationen über die Verkehrslage aus.

Vielleicht ist ja die Vision von Dr. Norbert Handke und den Technikern bei BMW wie Volkswagen die Lösung. Auf dem Testgelände von BMW in Aschheim bei München kann man bereits bei Tempo 140 in einem BMW mit Assistenzsystemen Zeitung lesen.

Autos sind längst fahrende Computer, Car-to-Car-Kommunikation ist technisch keine Hürde mehr. Ein Auto könnte sogar über das EPS-Programm nachfolgende Fahrzeuge warnen, wenn es auf Glatteis oder auf eine regennasse Fahrbahn gerät, die dann wiederum automatisch abbremsen.

Das Problem liegt woanders: Bisher sind wohl die meisten Autofahrer nicht bereit, das Steuer aus der Hand zu geben, wie diverse Umfragen zeigen – und das, obwohl sie sich im Flugzeug bedenkenlos dem Autopiloten anvertrauen, den der Pilot einschaltet, wenn er die Reiseflughöhe erreicht hat.

Theoretisch am einfachsten wäre es, die ganz alltäglichen Staus gar nicht erst aufkommen zu lassen. Die Rezepte dazu kann man in den diversen Wahlprospekten der Parteien nachlesen: Ausbau der Verkehrsinfrastruktur, eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung, weil für intelligente Verkehrssysteme wie auf der A2 bundesweit das Geld fehlt, dazu eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene und, und, und… das Verfallsdatum bestimmt der Wahltermin. Dann ab in den Papierkorb.

So gibt es eine gegenläufige Tendenz. Die privaten Investitionen steigen, um dem Verkehrschaos zu entkommen, während die öffentliche Infrastruktur vergammelt, weil Politiker lieber Banken als Autobahn und Bahn retten.



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