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Dewezet-Serie zur Altersarmut: Harry Walla (67) rutschte nach 25 Arbeitsjahren in den Hartz-IV-Bezug

Altersarmut: „Ich wurschtel mich so durch“

Er hat Witz und erzählt auch gern von seinem nicht ganz einfachen Leben. Harry Walla (67) rutschte nach 25 Arbeitsjahren in den Hartz-IV-Bezug. Was es bedeutet, mit wenig Geld auszukommen, weiß er schon seit etwa 18 Jahren. „Ja, Hartz IV hat mich gut für die Rente mit Grundsicherung trainiert“, meint er

veröffentlicht am 16.02.2019 um 10:42 Uhr

Harry Walla trifft sich mit seiner Herrenrunde. Nicht alle wollen erkannt werden. foto: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Es ist eine lustige Runde an diesem Männertisch beim Ultimo-Frühstück im Gemeindesaal der Rintelner Jakobi-Kirche. Die fünf älteren Herren kennen sich schon lange, drei davon bereits seit ihrer Jugend. Harry Walla (67) ist einer von ihnen. Er hat Witz und erzählt auch gern von seinem nicht ganz einfachen Leben.

Was es bedeutet, mit wenig Geld auszukommen, weiß er schon seit etwa 18 Jahren. „Ja, Hartz IV hat mich gut für die Rente mit Grundsicherung trainiert“, meint er. In Hessisch Oldendorf aufgewachsen, lief sein beruflicher Werdegang von Beginn an nicht ganz rund. Bei seiner Abschlussprüfung als Automechaniker stellte sich heraus, dass er sie wegen eines Sehfehlers nicht absolvieren konnte. „Schon mal ein paar Jahre verloren“, meint er.

Nach einer Zeit des Jobbens als ungelernter Arbeiter machte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann und arbeitete dann bei einer Firma in der Abteilung für Absatz- und Produktionsplanung. Eigentlich eine sehr schöne Zeit, wie er findet, nur habe es irgendwann Ärger mit einem Aufseher gegeben, der ihn „gelinkt“ und ihm falsche Abrechnungen unterstellt habe. Da wollte er nicht mehr bleiben.

Später war er als Reifenverkäufer in einer Rintelner Firma tätig, wo es aber irgendwann zur Kündigung kam. „Ich war ja schon älter und denen zu teuer“, sagt Walla. Wie auch immer, nach 25 Arbeitsjahren rutschte er in den Hartz-IV-Bezug und kam dort bis zu seiner Verrentung nicht mehr raus. Seine Rente beträgt 700 Euro, den Rest schießt die Grundsicherung vom Landkreis Schaumburg zu. Da er raucht und da seine Stromheizung 129 Euro pro Monat frisst, bleibt nur ein ziemlich kleiner Betrag fürs tägliche Leben übrig.



Immerhin konnte er bisher sein Auto behalten – sehr wichtig, denn gut zu Fuß ist er ganz und gar nicht mehr. Seine beiden Freunde finden das schade, weil sie ihn gern viel öfter zu Spaziergängen mitnehmen würden. So trifft er sich zweimal im Monat zum Kaffee mit einem der beiden, der ihn dazu einlädt. „Und dann hab ich ja noch Telefon und Internet“, sagt er. „Manchmal ist es schon bitter, aber ich beklage mich nicht. Ich wurschtel mich so durchs Leben.“

Gefragt, ob er sich als „arm“ bezeichnen würde, überlegt er eine Weile. Dann antwortet er weder mit Ja noch mit Nein, sondern erzählt plötzlich von seinem Sohn, zu dem er den Kontakt verloren hat. Und von seiner Scheidung. Die Freunde lächeln zu ihm herüber. Sie haben die ganze Zeit aufmerksam zugehört und ein paar Einwürfe gemacht, auch die beiden Schachspieler am Fenster.

Was Freundschaften betrifft, da ist Walla jedenfalls nicht arm. Das Ultimo-Frühstück ist für alle fünf in erster Linie ein guter Ort, um sich ohne große Verabredung zu treffen, ohne dass Geld eine Rolle spielt, dabei zu plaudern und zu erfahren, wie es den anderen geht. Was wirklich schwierig ist: eine Frau kennenzulernen. „Ja“, sagt er, „das würde vieles zum Guten verändern.“

Marianne Kampe ist eine lebhafte Frau, der man ihr Alter von 67 Jahren kaum ansieht. Bis vor kurzem hat sie immer noch halbtags als Verkäuferin gearbeitet. Sie liebt es nämlich, zum Friseur zu gehen, einmal die Woche. „Das wollte ich mir auf keinen Fall nehmen lassen“, sagt sie.

Obwohl sie ihr ganzes Leben lang berufstätig war, beträgt ihre Rente nach Abzug der Sozialabgaben gerade einmal 900 Euro. Das liegt noch unter Hartz-IV-Niveau „Ich war eben immer wieder auch unter Tarif angestellt“, erklärt sie. „Dabei habe ich gar nicht darüber nachgedacht, dass dadurch auch meine Rente kleiner ausfallen wird.“ Da sie schon mit 63 Jahren Rentnerin werden konnte – die Beitragsjahre hatte sie da bereits erfüllt –, lag es für sie nahe, noch dazuzuverdienen und sich ein kleines finanzielles Polster aufzubauen.

Inzwischen ist eine Halbtagsarbeit nicht mehr möglich, weil sie sich um ihre alte Mutter kümmert. Immerhin, es klappt noch, dass sie einmal in der Woche eine ehrenamtliche Aufgabe übernimmt. „Ich will ja auf jeden Fall unter Menschen sein“, sagt sie. „Die Freude daran hört schließlich nicht auf, nur weil man Rentnerin ist.“ Mit ihrer Mutter versteht sie sich gut, und da sie selbst alleinstehend ist, wohnen die beiden zusammen. Die Rente ihrer Mutter ist ähnlich hoch wie ihre eigene, so kommen sie zusammen bisher einigermaßen gut durch den Alltag. Demnächst will Marianne Kampe aber doch Pflegegeld beantragen.

Es sei klar, dass sie es finanziell wesentlich schwerer haben werde, wenn die Mutter sterbe. „Mein Glück ist, dass ich mich in meinem sozialen Umfeld sehr wohl fühle“, sagt sie. Sie ist Mitglied in Vereinen, singt in einem Chor, und ab und zu macht sie eine kleine Reise mit einer Freundin. „Ich war schon immer ein sparsamer Mensch“, sagt sie. „Ich schaffe das schon.“ Hauptsache, es bleibt weiterhin immer so viel übrig, dass sie sich den wöchentlichen Friseur-Besuch leisten kann. „Das muss sein. Sonst wäre ich unglücklich.“

Information

Immer mehr Rentner mit Minijob

Bundesweit zeichnet sich in den Statistiken ab, dass immer mehr Menschen im Alter von 65 Jahren und mehr einen Minijob annehmen. Im Landkreis Hameln-Pyrmont haben zum Stichtag im Juni 2018 2002 Bürger einen solchen Job angenommen. Bis zu 450 Euro verdienen sie so dazu.

Bei entsprechenden Umfragen würden immer zwei Gründe für die Annahme eines Minijobs genannt, sagt dazu Wolfgang Buschfort, Pressesprecher der Minijob-Zentrale: „Entweder heißt es: ‚Ich brauche das Geld’ oder ‚Ich will weiterhin unter Menschen sein‘.“ Auch wenn es lokale Schwankungen hinsichtlich der Anzahl von Minijobbern gebe, so stiegen die Gesamtzahlen kontinuierlich an und dafür seien hauptsächlich die Rentner verantwortlich.

Unter den jüngeren Minijobbern überwiegt ganz eindeutig der Anteil der Frauen. Das gilt auch für den Landkreis Hameln-Pyrmont. 3601 Frauen im Alter zwischen 25 und 55 Jahren sind hier registrierte Minijobberinnen, dagegen nur 2145 Männer. Bei den Rentnern mit Minijob sieht das anders aus: Hameln-Pyrmont verzeichnet da für den Juni 2018 insgesamt 1073 männliche und 929 weibliche Minijobber. Warum das Zahlenverhältnis hier einigermaßen ausgeglichen sei, darüber könne er nur Vermutungen anstellen, so Buschfort. Es liege wohl daran, dass Männer seltener gebrochene Erwerbsbiografien aufweisen als Frauen. Erst im Rentenalter kämen sie überhaupt in die Situation, Minijobs anzunehmen, weil sie bis dahin voll berufstätig gewesen seien. Aussagekräftige Untersuchungen gebe es dazu aber nicht. Insgesamt sind im Kreis Hameln-Pyrmont 12 219 Minijobber registriert, 4999 Männer und 7220 Frauen. Die meisten Minijobber arbeiten nach Angaben der Agentur für Arbeit als Helfer (5433) und als Fachkraft (5152). 1545 sind in Reinigungsberufen beschäftigt, 1432 im Tourismus-, Hotel- und Gaststättengewerbe. 1415 jobben in Berufen der Unternehmensführung und -organisation.



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