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Bei Obst und Gemüse gibt es eine enorme Vielfalt – doch im Supermarkt sieht man davon nicht viel

Alte Sorten – wer will die schon haben?

Obst und Gemüse gibt es in unzähligen Varianten. Trotzdem werden nur einige wenige Sorten angebaut und verkauft. Was ist mit all den „alten Sorten“, die ein Gegenstück zu den Einheitsfrüchten mit ihrem Einheitsgeschmack bilden könnten? Wir befassen uns mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und gehen der Frage nach, was Verbraucher damit zu tun haben, dass gesunde (Feld-)Früchte vernichtet und alte Sorten kaum noch angebaut werden.

veröffentlicht am 05.07.2018 um 13:16 Uhr
aktualisiert am 05.07.2018 um 18:00 Uhr

Bauer Gerd Sundermeyer pflanzt im Kreis Hildesheim über 300 verschiedene Tomatensorten an. Foto: dpa
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Es gibt fast 5000 Apfelsorten, viele Hundert davon wachsen in Deutschland. Doch über die Hälfte aller Äpfel, die bundesweit verkauft werden, setzt sich aus gerade mal fünf Sorten zusammen. Tomaten haben an die 7000 unterschiedliche Sorten zu bieten (manchmal heißt es, es seien gar über 30 000) – eigentlich. Für den Handel zugelassen sind davon lediglich 43, angeboten werden noch weniger; und das, obwohl fast alle Tomatensorten besser schmecken als diejenigen, die man im Supermarkt erhält. Nicht viel anders sieht es bei anderen Obst- und Gememüsesorten aus. Die „alten Sorten“ lernt kaum jemand kennen, weil es sie einfach kaum zu kaufen gibt. Warum eigentlich nicht?

Die Rintelner Bioladen-Inhaberin Hella Kleindiek würde gerne viel mehr alte Obst- und Gemüsesorten anbieten. Sie besitzt selbst eine Streuobstwiese und liebt es, vom Frühjahr bis in den späten Herbst hinein die unterschiedlichsten Äpfel ernten zu können. „Meine Erfahrung ist aber leider die: Ungewöhnliche Sorten verkaufen sich nicht gut, weder beim Obst noch beim Gemüse.“ Ab und zu gibt es bei ihr auch gelbe oder violette Möhren, ganz selten mal die blaue Kartoffel, so gut wie nie selbst so gängige alternative Tomatensorten wie etwa die Ochsenherz-Tomate. Es ist eben immer ein Risiko für sie.

Biolandwirtin Sabine Zeller vom Marienhof in Esperde kennt das Problem und sieht die Sache mit den alten Sorten erstaunlich nüchtern. „Wirklich alte Gemüsesorten, wer will die schon haben? Sie verderben schneller, sind krankheitsanfälliger, wachsen langsamer und sehen oft so aus, dass die Kunden eher davon zurückschrecken.“ Es habe seine Gründe, warum da radikal aussortiert wurde und die meisten Sorten nicht mehr angebaut werden. „Wären alte Sorten wirklich so toll, dann würde man sich drum reißen. Aber das tut man nicht.“

Aufgeschnitten (v. li.): Linda, Blauer Schwede, Rote Emmalie und Rosa Tannenzapfen gehören zu den alten Kartoffelsorten. Foto: dpa
  • Aufgeschnitten (v. li.): Linda, Blauer Schwede, Rote Emmalie und Rosa Tannenzapfen gehören zu den alten Kartoffelsorten. Foto: dpa
Tomaten gibt es in schier unglaublicher Vielfalt – eigentlich. Doch nur wenige Gemüsebauern setzen auf diese Vielfalt. Foto: dpa
  • Tomaten gibt es in schier unglaublicher Vielfalt – eigentlich. Doch nur wenige Gemüsebauern setzen auf diese Vielfalt. Foto: dpa

Was sie auf ihrem Bioland anbaut, entsteht aus eingekauftem Saatgut, das wiederum aus biologisch angebauten Gemüse gewonnen wurde und außerdem selbst auch weder mit Herbiziden vorbehandelt oder gebeizt ist. „Wir sind auf neue Züchtungen angewiesen, solche, die auch immer wieder neu auftauchenden Krankheiten oder neuen Schädlingsvarianten widerstehen können. Schließlich dürfen und wollen wir ja keine Spritzmittel einsetzen.“

Und ja, sie kauft auch Hybridsorten ein, aus denen man kein eigenes Saatgut gewinnen kann, weil das nicht „sortenrein“ entsteht, sondern in der nachfolgenden Generation – da kommen die Mendelschen Gesetze zum Tragen – ganz unterschiedliche Exemplare hervorbringen würde. Da gäbe es dann wieder Probleme mit den EU-Handelsnormen, die verlangen, dass man nur registrierte Sorten in den Handel bringt. „Man sollte Hybridsorten nicht verteufeln“, meint sie. Biogemüse darf sowieso nur aus quasi „alten“ Hybridsorten erwachsen, die nicht gentechnisch verändert wurden. Diese alten Sorten müsse man unbedingt erhalten, weil sie – durch herkömmliche Züchtungsmethoden – den jeweiligen lokalen Umweltbedingungen angepasst sind. „Wenn man nur alte Sorten anbauen würde, dann gäbe es zum Beispiel in ganz Norddeutschland keinen Mais“, sagt sie. Aus Sabine Zeller spricht natürlich eine Landwirtin, die wirtschaftlich denken muss. Prinzipiell ist sie schon dafür, dass alte Gemüse- und Obstsorten angebaut werden, allein um die genetische Vielfalt zu erhalten. „Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn wenige Saatgutkonzerne den Markt beherrschen. Die Gentechnik ist nicht umsonst in Verruf geraten, weil sie Pflanzen eine Resistenz gegen Pestizide anzüchtet. Das ist für die biologische Landwirtschaft, die ohne Pestizide arbeitet, und für die Menschheit insgesamt die falsche Richtung.“

Mein Gemüse schmeckt so gut, dass es mich und meine Familie glücklich macht.

Uta Fahrenkamp, Hobbygärtnerin

Der Anbau wirklich alter Sorten und auch das züchterische Experimentieren mit ihnen bleibt allerdings hauptsächlich den Hausgärtnern überlassen. Zwar lässt das „Saatgutverkehrsgesetz“ im Rahmen der „Erhaltungssortenverordnung“ unter bestimmten Bedingungen auch alte Sorten zu, dann, wenn sie traditionelle Bedeutung haben und an ihre Region besonders gut angepasst sind. Das Saatgut dieser „Erhaltungssorten“ darf aber nur mit Erlaubnis und in beschränkter Menge angebaut und nur in den jeweiligen Regionen verkauft werden. Man will damit unter anderem verhindern, dass zugelassene Sorten für den großen Markt sich unkontrolliert mit alten Sorten vermischen.

In seinem Hausgarten nun ist man frei, und kann selbst entscheiden, welche Gemüsesorten man anbauen will. Es darf dann sogar in Hofläden und auf Märkten verkauft werden, allerdings nur unter der Bedingung, dass die Käufer die Samen nicht zur eigenhändigen Vermehrung verwenden, denn der Handel mit den in der Pflanze enthaltenen Samen ist verboten. „Also aufpassen und das Saatgut nicht in fruchtbare Erde fallen lassen und gießen“, scherzt Britta Raabe, Leiterin der Naturschutzbund-Regionalgeschäftsstelle Weserbergland (Nabu). Der Nabu engagiert sich verstärkt für Streuobstwiesen, auf denen, wie etwa in Hohenrode, viele alte Obstsorten gedeihen, in erster Linie Äpfel, die dann gerne kostenlos und in Maßen privat geerntet werden dürfen. Die meisten Früchte werden zu Saft verarbeitet. Will man alte Apfel- oder Birnensorten in den Handel bringen, müssen sie gewissen Mindestansprüchen genügen, dürfen also zum Beispiel keine Schädlingsspuren aufweisen. Da sie fast immer Form- und Farb-„Fehler“ aufweisen, werden sie in Supermärkten, wenn überhaupt, meistens in der Handelsklasse II angeboten.

Wenn Hobbygärtnerin Uta Fahrenkamp, Stadträtin für die Grünen in Rinteln, über die Sortenvielfalt in ihrem Obst- und Gemüsegarten spricht, leuchten ihre Augen. Ebenso wie viele kleine örtliche Bio-Landwirtschaften bezieht sie ihr Saatgut von der Firma „Dreschflegel“. Diese arbeitet schon seit 1990 mit regionalen Biobauernöfen zusammen, um für jeden Interessierten genau die passenden alten Sorten bieten zu können, abgestimmt auf die jeweilige Region, wo sie angebaut werden sollen. Das große Ziel dabei: Eine Pflanzenvielfalt zu entwickeln, die vernachlässigte Sorten wieder zum Leben erweckt, für Neuzüchtungen verwendet und insgesamt den genetischen Pool von Obst und Gemüse zu erhalten und zu erweitern.

„Mein Gemüse schmeckt so gut, dass es mich und meine Familie glücklich macht“, sagt Uta Fahrenkamp. Die Geschmacksvielfalt ihrer duftenden Tomaten sei überwältigend, von sehr süß bis hin zu fruchtig sauer. „Es ist jedes Mal eine Überraschung.“ Zudem sind die Schalen vieler Früchte nicht so fest wie diejenige von Obst und Gemüse, das gute Transporteigenschaften aufweisen muss. Ihre Gurken haben richtig würzigen Geschmack, weil man sie problemlos mit der Schale essen kann, wo die Aromen sitzen. „Und die grünen Bohnen – so lecker!“

Mindestens genauso wichtig ist es ihr, die Arbeit von Saatgutfirmen wie „Dreschflegel“ zu unterstützen und damit zugleich die kleine Bio-Landwirtschaft. „Konsum ist für mich immer auch ein Politikum“, sagt sie. „Ich will bei Menschen einkaufen, die mit ihrer Hände Arbeit die Lebensmittel auf ökologische Weise für uns produzieren, und nicht bei Riesenfirmen, die andere unter oft fürchterlichen Bedingungen für sich arbeiten lassen und ihre Macht im Saatguthandel immer mehr ausweiten.“

Da Obst und Gemüse im großen Stil aber weiterhin marktkonform angebaut werden wird, bleiben den alten Sorten nur kleine regionale Refugien. Wer zum Erhalt der Sortenvielfalt beitragen will, wird in den örtlichen Gartenbau-Vereinen immer Ansprechpartner finden, die ihn beraten. Entsteht dann eine sogenannte „Amateursorte“, die gute Eigenschaften aufweist, kann man sie gegen eine Gebühr von 170 Euro beim Bundessortenamt registrieren lassen. Damit ist diese Sorte geschützt und darf – allerdings mit großen Einschränkungen – in den Verkehr gebracht werden.



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