weather-image
21°

Alt genug für den „Ernst des Lebens“?

Im Umfeld der PISA-Debatte werden landauf landab Überlegungen angestellt, das Einschulalter auf fünf Jahre herabzusetzen. In einigen Bundesländern ist das bereits geschehen, in anderen wird der Eintritt der Mädchen und Jungen in den viel zitierten „Ernst des Lebens“ im Verlauf einer sich über mehrere Jahre erstreckenden Übergangsregelung nach und nach um einige Monate nach vorn verlegt. In Niedersachsen galt im vergangenen Jahr noch der 31. Juli als Stichtag, in diesem Jahr ist es der 31. August. Das bedeutet, dass alle Kinder, die bis zu diesem Datum das sechste Lebensjahr vollendet haben, schulpflichtig sind. Sie werden heute auch an den Grundschulen des Landkreises eingeschult. Für kommendes Jahr ist eine Verlegung dieses Tages auf den 30. September vorgesehen.

veröffentlicht am 20.08.2011 um 00:00 Uhr

Nur wenn Kinder wirklich bereit für die Schule sind, sollten sie eingeschult werden. Sonst droht Überforderung.  Fotos: Fotolia

Autor:

Herbert Busch

Das niedersächsische Schulgesetz räumt Eltern aber auch die Möglichkeit ein, ihre Kinder schon ein Jahr früher, also mit fünf Jahren einschulen zu lassen. Voraussetzung dafür ist, dass die Kinder „die für den Schulbesuch erforderliche körperliche und geistige Schulfähigkeit besitzen und in ihrem sozialen Verhalten ausreichend entwickelt sind“, heißt es in dem Gesetz.

Laut bundesweitem „Bildungsbericht 2010“ ist der Anteil der vorzeitigen Einschulungen in Niedersachsen von 2,5 Prozent (1995) auf 8,4 Prozent (2005) gestiegen und 2008 dann wieder auf 7,6 Prozent leicht zurückgegangen. In einigen Regionen wird trotzdem sogar von einem Trend zur Einschulung mit fünf Jahren gesprochen. Das könnte auch mit der allgemeinen Bildungsdebatte zusammenhängen. Bereits vor zwei Jahren stellte Bundesbildungsministerin Annette Schavan fest: „Die Altersgrenze von sechs Jahren führt dazu, dass viele Kinder in Deutschland für ihre Verhältnisse zu spät in die Schule kommen.“ Unterforderung am Ende der ersten Klasse sei die Folge. Deshalb dürfe es keinen „starren Stichtag“ für die Einschulung geben. Kinder sollten früher mit dem Lernen beginnen, „etwa im Alter von vier statt erst mit sechs Jahren“, forderte die Bundesbildungsministerin.

Ein Trend zur vorzeitigen Einschulung ist in Schaumburg derzeit aber noch nicht zu erkennen. Zwar werden, wie Landkreis-Schulamtsleiter Friedrich-Wilhelm Dehne erläutert, hierzulande keine speziellen Statistiken hinsichtlich des Einschulungsalters erhoben, eine stichprobenhafte Umfrage unter Schaumburgs Grundschulen ergibt allerdings keine generelle Tendenz.

„In diesem Jahr sind es nicht so viele wie sonst“, beschreibt Manfred Asche sogar einen Rückgang der 5-jährigen Schulanfänger. Der Leiter der Grundschule Süd in Rinteln betont aber, dass es sich hierbei lediglich um eine Momentaufnahme handele und daraus keine Regelmäßigkeiten abzuleiten seien. „Wir laden die sogenannten Kann-Kinder in der Regel ein, wenn sie bis zum Oktober das Alter von sechs Jahren erreichen“, erläutert der Pädagoge. Dann werde gemeinsam mit der Schulärztin genau darauf geachtet, ob die Schulreife gegeben ist und Aussicht auf eine erfolgreiche Beschulung besteht. „Bislang haben es alle Kann-Kinder geschafft“, berichtet Asche.

Auch an der Grundschule Am Stadttor in Stadthagen wird ein Trend zur Verjüngung der Schultütenträger verneint. Dass deren Zahl sprunghaft angestiegen sei, könne „nicht wirklich“ gesagt werden, heißt es in einer Stellungnahme. In die gleiche Richtung tendiert eine von der Obernkirchener Grundschule Am Kammweg erteilte Auskunft. „Das können wir pauschal nicht bestätigen“, lautet die dort gewonnene Erkenntnis. „Das hält sich im Rahmen“, meint ebenfalls Antje Kronenberg, die in Bückeburg die Grundschule Am Harrl leitet, und komme „relativ selten“ vor. In den Reihen der aktuell eingeschulten 78 ABC-Schützen befinde sich nur ein einziges fünfjähriges Kind.

Vor- und Nachteile der Herabsetzung des Einschulungsalters werden gegenwärtig kontrovers diskutiert. Einige Wissenschaftler warnen vor einer Überforderung zu früh eingeschulter Kinder. „Fünfjährige sind für die Schule zu jung“, meint etwa der Bielefelder Psychologe Rainer Dollase. In diesem Entwicklungsalter bräuchten Kinder sichere Bindungen zu wenigen Bezugspersonen. Die Schule vermittle jedoch Unsicherheit und die Beschäftigung mit ständig Neuem überfordere Fünfjährige.

Markus Hasselhorn vom Zentrum für individuelle Entwicklung und Lernförderung in Frankfurt plädiert für eine Veränderung der Einschulungspraxis. „Wenn die Einschulungstests früher, also schon bei viereinhalbjährigen Kindern, gemacht würden, könnten im letzten Kindergartenjahr diejenigen gefördert werden, die über spezifische Mängel in für das Lesen, Schreiben oder Rechnen wichtigen Verarbeitungskompetenzen verfügen“, sagt der Psychologe.

Bildungsökonomin Andrea Mühlenweg vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung weist auf einen weiteren Nachteil hin. Eine in Hessen angesiedelte Studie habe ergeben, dass die Chance, nach der Grundschule ein Gymnasium zu besuchen, bei früh eingeschulten Kindern im Schnitt um 13 Prozentpunkte geringer ausfalle, als bei ihren später eingeschulten Kameraden. Die Expertin rät, jedes Kind mit seinen individuellen Stärken und Schwächen zu betrachten und dementsprechend eine Entscheidung über den Einschulungszeitpunkt zu treffen.

Bei der Einschulung spielt nach Auffassung des Diplom-Psychologen Wilfried Griebel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München die soziale Kompetenz eine größere Rolle als die schulische. Sind sich Eltern und Lehrer einig, dass das Kind so weit ist, spreche nichts gegen eine frühe Einschulung. Ein Kind sollte dann in die Schule kommen, wenn alle Beteiligten sich darüber einig sind, dass es in die Schule gehen sollte. Also wenn das Kind in die Schule möchte und wenn Eltern, Erzieher und zukünftige Lehrer meinen, dass es das Richtige für das Kind ist. „Kinder lassen sich nicht in Normen zwingen. Die Einteilung in Altersstufen suggeriert, dass Gleichaltrige alle gleich sind“, sagt Griebel. Was aber nicht stimme. Auch Gleichaltrige entwickelten sich unterschiedlich und brächten ganz unterschiedliche Bedingungen mit.

„Die Kinder sollen sich im Kindergarten nicht mehr langweilen müssen“ oder „mit fünf Jahren sind die Mädchen und Jungen unglaublich lernfähig, das darf man doch nicht brachliegen lassen“ oder „Deutschlands Lehrlinge und Studenten sind zu alt“, lauten einige Argumente der Befürworter. Viele Pädagogen fordern eine verstärkte Vorschulerziehung und eine bessere Verzahnung zwischen Grundschulen und Kindergärten.

In Nordrhein-Westfalen ist im März dieses Jahres eine Novelle außer Kraft gesetzt worden, die das Einschulungsalter schrittweise von sechs auf fünf Jahre vorziehen wollte. Das neue Gesetz erlaubt Eltern aber weiterhin den Antrag, unter Vorlage eines schulärztlichen Gutachtens die Einschulung um ein Jahr vorzuziehen oder sie zu verschieben. Der gesamteuropäische Vergleich zeigt auf, dass nur ganz wenige Länder in Europa Kinder bereits mit fünf Jahren einschulen. Im Pisa-Siegerland Finnland muss der Nachwuchs sogar erst vom siebten Geburtstag an die Schulbank drücken.

Rektor Asche von der Rintelner Grundschule Süd weiß um die individuell unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten der i-Dötzchen: „Wir haben auch schon Fünfjährige nachträglich eingeschult - mit Erfolg.“

Die meisten Erstklässler, die heute eingeschult werden, sind sechs Jahre alt. Doch es gibt auch fünfjährige ABC-Schützen. Zum einen, weil der Stichtag der Einschulungen nach hinten verschoben wurde, zum anderen, weil auch „Kann-Kinder“ unter den neuen Erstklässlern sind. Aber welches Alter ist das Richtige? Experten sind sich uneinig. Sind Kinder mit fünf Jahren noch zu jung für die Schule? Oder mit sechs Jahren sogar schon zu alt?



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?