weather-image
10°
Zwei Geschichten über Erfolg und Misserfolg

Als „Klettermaxe“ Arnim Dahl ein Hamelner Modehaus eröffnete

Jedes Kind kannte ihn: Arnim Dahl, der mit tollkühner Artistik und seinem Markenzeichen, einem grob gestrickten roten Schal, ein Medienstar der jungen Bundesrepublik war. 1973 kreuzte sich sein Weg mit dem des Hamelner Unternehmers Jobst Lohmann, Geschäftsführer des Textil- und Modehauses C. W. Lohmann.

veröffentlicht am 28.02.2018 um 13:28 Uhr
aktualisiert am 28.02.2018 um 19:10 Uhr

Eine spektakuläre Geschäftseröffnung in der Hamelner Altstadt: Der Filmartist Arnim Dahl machte 1973 Werbung für das Modekaufhaus C. W. Lohmann – und für sich selbst. Foto: Archiv

Autor

Ernst-Michael Stiegler Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Das hatte man in Hameln noch nicht gesehen: Arnim Dahl, der populäre Sensationsdarsteller, stand in der Altstadt hoch oben auf einem Hausgiebel und seilte sich dann scheinbar mühelos an einer Neubaufassade ab. Mehrere hundert Menschen in der engen Ritterstraße verfolgten diese Aktion vor 45 Jahren am 1. März 1973.

Arnim Dahl riskierte in den 50er und 60er Jahren Kopf und Kragen mit atemberaubender Artistik. Er fuhr in Dachrinnen Fahrrad, machte auf Wolkenkratzern und Fabrikschornsteinen Handstand oder sprang von einer 38 Meter hohen Brücke in die Elbe. Sein Motto war: „Lieber zehn Minuten Angst, als einen Monat arbeiten!“

Dahls Gastspiel in Hameln galt der Neueröffnung des Textil- und Modehauses C. W. Lohmann. Das 1843 gegründete Familienunternehmen und der Sensationsdarsteller: Beide sind heute fast vergessen, obwohl sie mal ein „Begriff“ waren. Damit ist auch eine Facette Hamelner Wirtschaftsgeschichte in Vergessenheit geraten, die den veränderten Zeitgeist zu Beginn der 70er Jahre atmete: nämlich risikobereit und offen für neue Ideen zu sein.

Viele weitere spektakuläre Bilder und Geschichten gibt es in diesem Buch.
  • Viele weitere spektakuläre Bilder und Geschichten gibt es in diesem Buch.

Nach zehnmonatiger Bauzeit war ein Gebäude in der Ritterstraße entstanden, das „beispielhaft für die sinnvolle Erneuerung vorhandener Bausubstanz“ und „richtungsweisend für die Zukunft“ sei. Die „spektakuläre Fassade“ von C. W. Lohmann bot „Hamelner Bürgern Diskussionsstoff“. So schrieb die Dewezet und zitierte Bürgermeister Friedel Leunig, der in dem Neubau – mit seiner nun fünfmal größeren Verkaufsfläche – ein „Schwungrad für ein künftiges Einkaufszentrum des Weserberglandes“ sah.

Werbefilme von Arnim Dahl

Die Hamelner Modehauseröffnung war für Dahl – man verzeihe den Kalauer – ein routinierter „Griff in die Klamottenkiste“. Mit dem Film „Klettermaxe“ aus dem Jahr 1952 war Dahl deutschlandweit bekannt geworden. Mit „Schaukletterei“ in 22 Großstädten warb er für diesen Film, manchmal im Konflikt mit der Polizei der jungen Bundesrepublik. Seine nicht genehmigte Kletterei an einem siebenstöckigen Kaufhaus am Münchner Stachus endete mit dem Faustschlag eines wutentbrannten Wachtmeisters ins Gesicht von Arnim Dahl.

Diese Gefahr bestand in Hameln nicht. Arnim Dahl genoss ganz offensichtlich die Schaulust der Menschen sowie den Jubel, als er von oben bunte Bälle und Autogramme in sein Publikum warf. Dahl wirkte so, wie man ihn aus dem Fernsehen und den Wochenschauen der Kinos kannte: ungemein sympathisch, immer gut aufgelegt, mit jungenhaftem Lächeln. Und das wenige Tage vor seinem 51. Geburtstag.

C. W. Lohmann-Geschäftsführer Jobst Lohmann schien den Nerv der Hamelner getroffen zu haben und konnte darauf hoffen, für seinen unternehmerischen Mut belohnt zu werden. Doch bereits dreieinhalb Jahre später kam das Ende. „Der Name C. W. Lohmann ist aus der Hamelner Handelswelt verschwunden. Opitz heißt der neue Hausherr in dem repräsentativen Kaufhaus an der Ritterstraße“, so lautete eine Bildunterschrift im Dewezet-Bericht vom 19. Oktober 1976.

Ein Gesellschafter der Kurt Opitz KG Bielefeld behauptete, dass „die Talfahrt des eingesessenen Hamelner Unternehmens mit der Verwirklichung des Neubaus begonnen“ hätte. Jobst Lohmann konnte hingegen keine „unternehmerische Fehlleistung erkennen“. Im ersten und zweiten Jahr hätten sich seine Erwartungen erfüllt; die „Stagnation“ trat erst mit einer „Hochzinspolitik“ sowie der „Energiekrise und steigenden Textilpreisen“ ein. Die neue Zeit, mit der Lohmann gehen wollte, trug mit ihren Problemen zum Scheitern des Unternehmens bei.

Stuntman Arnim Dahl

Arnim Dahl hatte die Zeichen der Zeit rund 20 Jahre zuvor erfolgreicher erkannt und in diese Zeit investiert – mit seiner Gesundheit, sogar mit seinem Leben. Die Zahl der Knochenbrüche lag bei ungefähr 40, einmal brach er sich sogar die Wirbelsäule, was ihm ein Jahr Krankenhaus einbrachte. Arnim Dahl stünde „im Dienst der stark amerikanisierten ‚plastischen Firmenwerbung‘“, so sah es 1953 der „Spiegel“. An einem Hubschrauber hängend, machte er unter anderem Werbung für Margarine. Noch spektakulärer war eine Werbeaktion für die Goliath-Autowerke in Bremen. Dafür sprang er durch eine Fensterscheibe im zweiten Stock in ein vorbeifahrendes Goliath-Kabrio. Die Botschaft an potentielle Käufer lautete: „So prächtig sind unsere Sitze gepolstert, dass Sie aus x Meter Höhe getrost darauf springen können.“

Dahl war ein talentierter Selbstvermarkter, bei allem ein „fröhlicher Bursche“. 1922 in Stettin geboren, sollte er 1940 an den Olympischen Spielen im Turmspringen teilnehmen. Der Zweite Weltkrieg ließ diesen Traum platzen, stattdessen wurde er Soldat. Nach dem Krieg und einer Episode als Zirkusartist war er Double von Hollywood-Größen wie Clark Gable und Errol Flynn. Aber er wollte nicht unerkannt bleiben, er wollte als Arnim Dahl bekannt werden: in Spielfilmen, in Wochenschauen, in Werbefilmen. Sein Show-Talent beeindruckte: „Irgendwo runterspringen können viele, aber Dahl macht auch noch den nötigen Wind dazu.“ Ihm selbst hat es nie an gesundem Selbstvertrauen gefehlt: „Es gibt gewiss eine Menge tollkühner Hunde. Aber meine Sachen machen mir höchstens fünf Leute auf der Welt nach.“

Nicht wenige hielten ihn für einen Verrückten. Als Dahl 1959 den Handstand von King Kong auf dem Empire State Building nachmachte, trat er auch international ins Rampenlicht und wurde als Ausnahmeerscheinung unter den Filmartisten und Sensationsdarstellern bekannt. Nur das zählte für ihn. Auf jeden Fall hatte er Kinder und Jugendliche auf seiner Seite: Diese saßen gespannt vor den heimischen Fernsehern und ließen sich von Dahls Nachmittagssendungen wie „Hier stimmt was nicht“ (1960/61), „Gefährlich leben. Das Einmaleins der Filmartistik“ (1963/64) und „Zirkus Dahl“ (1965) fesseln.

Auf Youtube sind einige seiner verwegenen Aktionen zu sehen. Und vielleicht stockt noch heute manchem der Atem, wenn man Arnim Dahl in 30 Meter Höhe an einer Fahne hängen sieht, die sich plötzlich Stück für Stück vom Fahnenmast abtrennt. „Krrrr machte es. Ein Ruck ging durch meinen Körper.“ So schildert er die Situation in dem 1964 erschienenen Buch „Arnim Dahl genannt Klettermaxe“. „Ich blieb wie leblos hängen. Das Entsetzen hatte mich gelähmt. Augenblicklich erkannte ich, dass das Fahnentuch gerissen war.“ Mit knapper Not und nur mit Hilfe von außen meisterte Dahl diese Situation. „Und die Burschen von der Wochenschau hatten eine Story, die ihre Erwartungen noch weit übertraf. Meine eigenen übrigens auch.“

Arnim Dahl starb im Alter von 76 Jahren vor fast genau 20 Jahren, im August 1998, in seinem Haus in Wedel. Freunde hatten ihm mit 30 prophezeit, dass er keine 40 Jahre werden würde.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt