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Altstadt hatte in den 1960er Jahren mehrere Retter: Wolfgang Steiniger war einer von ihnen

Als Hameln der Abriss drohte

Man stelle sich kurz vor, Hameln wäre nicht diese kleine, niedliche, historische Puppenstube. Kaum noch jahrhundertealtes Fachwerk. Dafür Betonburgen mit dem zweifelhaften Charme der 1970er Jahre. Es gab Menschen, die geholfen haben, dass die Hamelner Altstadt gerettet und bewahrt wurde. Einer von ihnen war Wolfgang Steiniger.

veröffentlicht am 14.04.2018 um 09:17 Uhr

Ursula Steiniger hält das Andenken an ihren verstorbenen Mann Wolfgang hoch: Er sei einst einer der Retter der Hamelner Altstadt gewesen, erzählt sie. Er sei in den 1960er Jahren aktiv gewesen. Foto: Wal
Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Es gibt viele Geschichten und vor allem zahlreiche Anekdoten über diese Frau, seit jüngstem nun auch ein Chor-Musical, das ihren Namen trägt: Elsa Buchwitz gilt gemeinhin als „Retterin der Hamelner Altstadt“. So hat sich das ins kollektive Gedächtnis der Hamelner hineingebrannt, so wird es erzählt und, nun ja, mittlerweile auch besungen. Doch es wäre vermessen, behauptete jemand, „Trümmer-Elsa“ hätte die Altstadt ganz allein gerettet. Es waren einige Köpfe und Geistesblitze notwendig, damit die Geschichte zu einer gut endenden Sanierung werden konnte – und nicht in einen verheerenden Abriss weiter Teile der Altstadt münden musste. Was es aber geworden wäre, wären couragierte Hamelner nicht auf die Barrikaden gegangen.

Eine, die damals mittenmang war, ist Ursula Steiniger. Die heute 90-Jährige erzählt von dem Kampf gegen den Plan der damaligen Politik, die Hamelner Fachwerkhaus-Historie plattzumachen, als sei es gestern gewesen: „Mein verstorbener Mann Wolfgang Steiniger war einer der Retter der Altstadt. Als die Politiker beschlossen, die Altstadt abzureißen, sagte mein Mann damals: ,Das müssen wir verhindern.‘ “ Und Wolfgang Steiniger, der einst mit seinen Brüdern Eberhard und Reinherz am westlichen Ende der Osterstraße ein Schreibwarengeschäft führte und den Hamelnern als Briefmarken-, Münz- und Pilzkenner ein Begriff war, hatte dafür auch eine Idee: „Mein Wolfgang war Mitglied der fotografischen Gesellschaft, fotografierte also gerne. Nun ging er nach Geschäftsschluss durch die Stadt, fotografierte die Häuser, jedes einzeln, und sagte dann den Eigentümern und Politikern, dass die Häuser erhalten werden müssten.“

Mein verstorbener Mann Wolfgang Steiniger war einer der Retter der Hamelner Altstadt.

Ursula Steiniger, Witwe

So habe alles angefangen, erzählt Ursula Steiniger und schaut dabei auf die alten Fotos, die ihren Wolfgang zeigen. Im Geschäft. Beim Fotografieren. Privat. Von der einstigen Fotoaktion gibt es keine Bilder mehr. Ursula Steiniger: „Die Fotos sind damals in mühevoller Handarbeit gemacht worden. Wir haben sie dann in der Stadt verteilt. Behalten haben wir nichts davon.“ So sei die Aktion vielleicht auch ein bisschen in Vergessenheit geraten. Und Ursula Steiniger geht es auch nicht darum, etwa die Bedeutung von Elsa Buchwitz zu schmälern. Doch dass der Name ihres Mannes immer vergessen oder verschwiegen werde, wenn von der Altstadtrettung in Hameln erzählt wird, das ärgert die Dame schon ein bisschen.

Sein Metier: Münzen, Briefmarken, Schreibwaren. Archiv
  • Sein Metier: Münzen, Briefmarken, Schreibwaren. Archiv
Seine Leidenschaft: Wolfgang Steiniger und die Pilze. Archiv
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Sein Wirken: Steiniger und Dr. Böhmer. Archiv
  • Sein Wirken: Steiniger und Dr. Böhmer. Archiv

Schon nach kurzer Zeit sei ihrem Mann Wolfgang klar geworden, dass das Projekt Altstadtrettung so groß und so wichtig werden würde, dass er selbst für den Stadtrat kandidierte. Ursula Steiniger: „Damals kam sogar Hans-Dietrich Genscher zum Wahlkampf.“ Offenbar half es, dass das damalige politische Schwergewicht von Bonn nach Hameln kam: Wolfgang Steiniger saß fortan im Hamelner Stadtrat, konnte Einfluss nehmen, mitgestalten, politisch aktiv sein.

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Die Hamnelner Altstadt verändert sich
Quelle: Archiv

256 Millionen DM wurden in Hamelns Altstadtsanierung investiert

Sein großes Thema sei dann „natürlich der Kampf für den Erhalt der Altstadt“ gewesen, erzählt seine Witwe heute. Die Postkartenaktion mit Bildern von Hamelner Altstadthäusern setzten die Steinigers fort – „wir haben über Wochen fotografiert, um eine möglichst große Aufmerksamkeit zu erregen“. Im Grunde klapperte Wolfgang Steiniger jede Hausnummer im gesamten Altstadtkern ab, ob nun die Kleine Straße, die Neue oder Alte Marktstraße, die Baustraße, die Bäckerstraße, alles eben.

Und dann sei auch der Kontakt zwischen Wolfgang Steiniger und Elsa Buchwitz entstanden. Ursula Steiniger erzählt es so: „Elsa Buchwitz hat sich dann drangehängt und wollte mitmischen, um die Altstadt zu retten.“ Und warum ist der Name Steiniger dann wohl so in den Hintergrund gerückt? Tochter Bettina Rudge erklärt es so: „Opa wollte nie so sehr im Mittelpunkt stehen.“ Nun aber ist es Ursula Steiniger wichtig, dass die Geschichte ihres Mannes erzählt wird: „Ich möchte, dass das Erbe meines Mannes bezüglich der Altstadtrettung nicht vergessen wird. Das ist alles.“

Information

Chronik

In den 1960er Jahren war die Hamelner Altstadt durch eher klein parzellierte Grundstücke mit engen Hinterhofbebauungen und häufig unzureichenden Platzverhältnissen gekennzeichnet.

Im Jahr 1964 wurde Hamelns Altstadt zum Sanierungsgebiet nach Bundesbaugesetz ernannt und somit zum Studien- und Modellvorhaben für Altstadtsanierungen in Deutschland. Die Bundesregierung bezeichnete die Altstadt damals als „stadthistorisches Denkmal von überregionalem Stellenwert“.

Am 15. Dezember 1967 beschloss der Stadtrat, Grundstücke aufzukaufen, Häuser abzureißen, ein Kaufhaus und einen Busbahnhof zu errichten. Anstelle der Pfortmühle sollte ein neungeschossiges Rathaus errichtet werden. Eine Fußgängerzone sollte entstehen, über die Wallstraßen moderne Parkbrücken gebaut werden.

Als die ersten Abrisse erfolgten und die Menschen vorgeführt bekamen, was Sanierung bedeuten kann – nämlich Abriss von alter Bausubstanz und Neubauten im modernen Stil –, ging die Bevölkerung auf die Barrikaden. Zahlreiche alte Häuser sollten der Sanierung zum Opfer fallen – dagegen bildete sich eine Bürgerinitiative. Elsa „Trümmer-Elsa“ Buchwitz ließ sich medienwirksam auf den Trümmern schon abgerissener Häuser fotografieren.

„Gott schütze unsere Stadt vor Brand und vor der Ratsherren Hand“: Auch wenn der genaue Wortlaut dieses Plakat-Reims heutzutage umstritten ist – das städtische Sanierungskonzept wurde auf öffentlichen Druck hin geändert. Anstelle der Parkbrücken entstanden Tiefgaragen, und die Restaurierung historischer Häuser rückte in den Mittelpunkt der Altstadtsanierung.

Im Jahr 1975 wurde mit dem Bau der Fußgängerzone die erste konkrete Baumaßnahme begonnen. Insgesamt wurden 117 öffentlich geförderte Modernisierungsmaßnahmen durchgeführt.

Plattenbauten statt Altstadt?

Auch wenn die Altstadtsanierung mittlerweile in die Jahre gekommen ist, so ist sie eine der markantesten Maßnahmen im Rahmen der Entwicklung der Stadt Hameln. Dass die alte Substanz erhalten wurde, ist einigen Hamelnern zuzuschreiben: Wolfgang Steiniger, Dr. Hermann Kater und Elsa Buchwitz zum Beispiel.

Elsa Buchwitz tat sich innerhalb einer Bürgerinitiative zur Rettung der Altstadt hervor und trägt ihren Anteil daran, denn das eigentliche Sanierungskonzept sah anderes vor: Plattenbauten statt Altstadt. Damals bekam sie den Spitznamen „Trümmer-Elsa“, weil sie regelrecht auf die Barrikaden gegangen sein soll … Die Kraft zum Protest bezog sie angeblich aus „Zwiesprachen“, die sie mit ihrer verstorbenen Oma per Gläserrücken abgehalten haben wollte. Die neue Erlebnisführung „Trümmer-Elsa rettet die Altstadt“, die von einem Team langjähriger Gästeführer entwickelt wurde, richtet nun den Fokus auf die Persönlichkeit: Die Altstadtsanierung sei nach wie vor in Stadtführungen ein Thema und dabei fällt auch der Hinweis auf Elsa Buchwitz, doch mit der neuen Führung soll stärker zum Ausdruck gebracht werden, welchen Wert ihr Engagement für die Stadt Hameln hatte. Ihr wurde dafür sogar das Bundesverdienstkreuz verliehen, sie erhielt die Auszeichnung Silberne Halbkugel des nationalen Denkmalkomitees und vor einigen Jahren wurde eine Straße nach Elsa Buchwitz benannt. Die Namen Steiniger und Kater tauchen weder in der neuen Hamelner Stadtführung noch bei Preisverleihungen auf.

„Während der Führung erfahren die Gäste nicht nur mehr aus dem Leben einer Hamelner Persönlichkeit, sondern auch aus dem Zeitgeist der 60er und 70er“, sagen die Gästeführer Kerstin Rodenberg, Anke Siegmüller, Gabi Lingen, Sabine Hirsch und Martin Wedekind. Während der Führung werden die Gäste auch das einstige Restaurant von Elsa Buchwitz, das Pfannekuchenhaus – das Haus wurde 1620 erbaut – besuchen. Die Führung hat übrigens ihren Preis: für einen Gruppe zwischen 2 und 20 Personen 90 Euro für 90 Minuten.

Gästeführerin Anke Siegmüller: „Mir gefällt es, einfach mal zu zeigen, was Hameln für ein Flair hat, die kleinen Gassen, das macht Hameln ja so aus. Das Verwunschene, das Verwinkelte – dieses Schöne halt – das wirklich Persönliche ist in den Gassen zu finden. Und was da weggekommen wäre, wenn man da nicht aufgepasst hätte …“

Und Gästeführerin Kerstin Rodenberg fragt: „Welchen Reiz hätte Hamelns Innenstadt heute?“

Mehr historische Bilder aus Hameln gibt es auf zeitreise.dewezet.de. 

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