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Am Samstag startet die Tour de France zum zweiten Mal auf deutschem Boden – warum eigentlich?

Als ein Pole den Tour-Start vermasselte

Die Tour de France startet am Samstag zum vierten Mal in ihrer Geschichte auf deutschem Boden. Während sich der „Grand Départ“ in Düsseldorf wohl vor allem eine Verneigung vor den vielen Erfolgen deutscher Tour-Etappenjäger in der jüngeren Vergangenheit ist, hatte die letzte Ausgabe vor 30 Jahren in Berlin eine starke politische Komponente.

veröffentlicht am 30.06.2017 um 16:17 Uhr
aktualisiert am 03.07.2017 um 11:47 Uhr

Als die Tour de France erstmals in Deutschland startete, war der Bereich um das Brandenburger Tor noch Sperrzone. Foto: dpa

Autor:

Guido Scholl
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Die damals noch geteilte Metropole feierte 1987 ihr 750-jähriges Bestehen. Als Zeichen der Verbundenheit des Westens mit den Berlinern entschied sich die Tour-Organisation, den Start dorthin zu verlegen – und zwar nicht nur für eine Etappe. Gleich drei Teilstücke sollten in West-Berlin über die Bühne gehen und mit reichlich Polit-Symbolik angereichert werden.

Um dies alles trotz der Erschwernisse, die der Eiserne Vorhang mit sich brachte, zu bewerkstelligen, wurde die Tour de France in jenem Jahr sogar verlängert – statt der üblichen 21 dauerte sie 26 Tage. Das Prologzeitfahren zum Auftakt wurde am Morgen des 1. Juli, einem Mittwoch, gestartet. Es folgte am Nachmittag eine 105,5 Kilometer lange Flachetappe. Am Donnerstag stand dann noch ein 40,5 Kilometer langes Mannschaftszeitfahren auf dem Programm.

DDR-Staatschef Erich Honecker hatte einen Besuch der Tour abgelehnt. Überhaupt waren sich auch manche Beobachter im Westen nicht ganz sicher, ob der Start der Frankreichrundfahrt ausgerechnet in West-Berlin im Sinne der damals bereits beginnenden Entspannungspolitik zwischen Ost und West glücklich gewählt war.

Andy Hampsten und die Tour 1987. Foto: Archiv
  • Andy Hampsten und die Tour 1987. Foto: Archiv

Zwar stand das Stadtjubiläum im Vordergrund, und die Tour-Granden bezeichneten den Abstecher auch als eine Art symbolisch ausgestreckte Hand der Annäherung. Doch viele wähnten darin auch eine Provokation. Schließlich zog sich der Eiserne Vorhang auch durch den Radsport. Osteuropa hatte mit Fahrern wie Olaf Ludwig, Dschamolidine Abdouschaparov, Piotr Ugrumov, Uwe Ampler, Zenon Jaskula und Lech Piasecki damals eigene Stars, die sich bei Amateurrennen wie der Friedensfahrt miteinander maßen. Der Weg in den Profisport blieb ihnen jedoch bis auf wenige Ausnahmen versperrt.

Eine dieser Ausnahmen war Piasecki, der für das italienische Del-Tongo-Team an der Tour 1987 teilnahm. Seine Mannschaft musste dem polnischen Sportverband 50 Rennräder stiften, damit Piasecki in Berlin am Start stehen konnte, erklärte er in einem damaligen Interview. Und diese Spende sollte sich auszahlen.

Nachdem bereits der Jugoslawe Milan Jurco im Prolog eine Spitzenzeit hingelegt hatte (er wurde am Ende Fünfter), machte Piasecki mit seinem Auftritt den westlichen Beobachtern geradezu Angst, als er sich an die erste Stelle setzte. Nacheinander scheiterten die übrigen Profis an seinem Wert, ehe der Niederländer Jelle Nijdam die sportpolitische Katastrophe auf den letzten Drücker abwenden konnte und Piasecki das erste Gelbe Trikot der 1987er Frankreichrundfahrt noch um drei Sekunden wegschnappte.

Doch da war ja noch die Flach-Etappe am Nachmittag, bei der sich der Pole in eine Fluchtgruppe begab. Trotz aller Anstrengungen schafften es die Verfolger nicht, auf dem winkligen Stadtkurs an die Ausreißer heranzukommen. Piasecki musste zwar im Finale alle Führungsarbeit allein machen, doch die Gruppe erreichte 23 Sekunden vor dem Feld das Ziel, sodass der Pole Gelb übernahm – die Etappe ging an Nico Verhoeven.

Oft wird im Sport von geschichtsträchtigen Momenten gesprochen, und häufig ist die Formulierung übertrieben. Diesmal aber sicherlich nicht. Der Pole Piasecki bekam das Führungstrikot von Frankreichs Premierminister Jacques Chirac überreicht, Berlins damaliger regierender Bürgermeister, Eberhard Diepgen, zog ihm den Reißverschluss zu, daneben stand Deutschlands Außenminister Hans-Dietrich Genscher, einer der Wegbereiter der Einheit, der Piasecki ebenfalls herzlich gratulierte. Und das alles im Angesicht der Berliner Mauer.

Die Organisatoren versuchten bewusst, die Historie Berlins in das Rennen einzubeziehen. So startete die erste Etappe dort, wo einst Hitler in seiner Reichskanzlei residiert hatte. Sie endete an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, einem wichtigen Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung, und streifte auch das Rathaus Schöneberg, wo John F. Kennedy seinen wohl berühmtesten Satz gesprochen hatte. Den Akzent, den Piasecki hinzufügte, indem er als erster Osteuropäer Gelb überstreifte, hatte sich bei den Tour-Verantwortlichen wohl nicht zwingend dazu gewünscht.

Andy Hampsten, ein Amerikaner in einem amerikanischen Team. Er versucht, das europäische System zu schlagen und die Tour de France zu stehlen.

Aus einer CBS-Reportage zur damaligen Tour de France

Besonders schwer tat sich der US-Sender CBS mit dem Umstand, das ein Pole die Tour anführte. Seit 1983 berichtete die TV-Station bereits in sonntäglichen Wochenrückblicken von der Großen Schleife. Nachdem der Amerikanische Sieger des Jahres 1986, Greg Lemon, wegen eines Jagdunfalls ausgefallen war, setzte man bei der CBS auf den Vierten des Vorjahres, Andy Hampsten. Der hatte gerade die Tour de Suisse gewonnen und war zum 7-Eleven-Team gewechselt. „Andy Hampsten, ein Amerikaner in einem amerikanischen Team. Er versucht das europäische System zu schlagen und die Tour de France zu stehlen“ – mit diesen Worten beginnt der erste Tour-Sendeblock der CBS im Juli 1987. Gemeint war präzise das westeuropäische Profisradsport-„System“. Und das hatte nun ein Osteuropäer „geschlagen“ und das Gelbe Trikot „gestohlen“.

Zu allem Überfluss verteidigte die Del-Tongo-Equipe das Leibchen auch beim Mannschaftszeitfahren. So nahm Piasecki die Trophäe mit auf die 4. Etappe, die nach einem Transfertag mit Grenzkontrollen, von Karlsruhe nach Stuttgart führte. Da schlug das „europäische System“ zurück. Niemand mochte Del Tongo bei der Arbeit unterstützen, um eine große Ausreißergruppe einzufangen.

Die Sprinter schenkten sogar eine abermalige Chance auf einen Massenspurt weg – das roch streng danach, als sollte Piasecki auf Biegen und Brechen aus dem Leader-Trikot gefahren werden. So nahm es die Konkurrenz schließlich in Kauf, dass mit Erich Maechler ein Schweizer den Etappensieg und das Gelbe Trikot übernahm. Und dass der nicht ungefährliche Franzose Charly Mottet plötzlich vier Minuten vor den übrigen Favoriten lag. Mancher Widersacher fürchtete, den Zeitfahrspezialisten auf der Grundlage nicht mehr einholen zu können.

Deutlich ärgerte sich aber Steven Roche, für viele der erste Anwärter auf den Gesamtsieg, über die Entwicklung. Denn Maechler war sein Teamkollege, und seine übrigen Helfer mussten nun in den Folgetagen Gelb verteidigen. Roche hatte wenige Wochen zuvor erst den Giro d‘Italia gegen Team-internen Widerstand gewonnen und war derlei Dinge eigentlich leid.

Erst am fünften Tag erreichte die Tour französischen Boden – am Morgen gab es noch eine 79 Kilometer kurze Etappe zwischen Stuttgart und Pforzheim. Nachmittags ging es dann über 112,5 Kilometer von Pforzheim nach Straßburg.

Ein so langes Deutschland-Gastspiel ist der diesjährigen Austragung nicht zugemessen worden. Nach dem Prolog am heutigen Sonnabend führt bereits das Teilstück am Sonntag, 2. Juli, von Düsseldorf ins belgische Lüttich.

Sämtliche Verwerfungen, die die Episode um Piasecki 1987 ausgelöst haben mochte, spielten im weiteren Verlauf der damaligen Tour kaum mehr eine Rolle. Abgesehen davon, dass Mottet tatsächlich sein bis dahin bestes Ergebnis mit Rang vier im Abschlussklassement einfuhr und sechs Tage lang Gelb trug.

Es blieb aber eine der spannendsten Frankreichrundfahrten überhaupt, bei der sich Roche, Pedro Delgado und Jean-Francois Bernard einen munteren Schlagabtausch an der Spitze des Gesamtklassements lieferten. Jeder trug mindestens einen Tag lang das Gelbe Trikot, es gab lange Fluchten und Attacken am laufenden Band. Bei der Bergankunft in La Plagne musste Roche mit reinem Sauerstoff beatmet und in eine Wärmedecke gewickelt werden, weil er sich so heftig verausgabt hatte, um den enteilten und in Gelb fahrenden Delgado nicht zu weit wegzulassen. Im Zeitfahren gewann Roche drei Tage später seine erste und einzige Tour de France.

Hampsten wurde bei seinem Versuch, „das europäische System“ zu besiegen, übrigens nur 16. Ein Jahr später gewann der US-Boy den Giro d’Italia, bei der Tour sollte es nie zum Gesamtsieg reichen. Piasecki hatte die Tour 1987 vorzeitig aufgeben müssen – es sollte seine einzige Teilnahme bleiben. Immerhin gewann mit Jeff Pierce noch ein US-Amerikaner die prestigeträchtige Etappe auf den Champs Elysees. Also alles wieder beim Alten – die klassischen Radsport-Nationen machten die Dinge weitgehend unter sich aus.

Doch weit gefehlt: Der Umbruch im Profiradsport hatte längst eingesetzt. Die Nord- und Südamerikaner sowie die Australier feierten damals bereits zunehmend Erfolge. Und mit dem Riss des Eisernen Vorhangs wenige Jahre später erhöhten Russen, Ex-DDR-Sportler, Ukrainer, Letten, Polen und andere Fahrer aus Osteuropa den Konkurrenzdruck. Die Tour hat bislang erst einer aus dem ehemaligen Ostblock gewonnen: Ein gewisser Jan Ullrich aus Rostock.

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