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Als die bösen Jungs die Bürger erschreckten

Es war die große Zeit der Jugendlichen, sagt Rainer Dulas. Pubertät sei zwar immer mit einem Umbruch verbunden, weil man dann alles neu entdeckt: „Aber damals war der Umbruch einfach ungeheuerlich – in der Musik, aber auch politisch“, erinnert sich der Rockmusiker: „So starke Umwälzungen hat es seither, mit Ausnahme der Wende, in Deutschland nicht mehr gegeben.“ Dulas hat die Zeit voll ausgekostet. „Stones, Beatles, Kings, Small Faces – die ganze Art von Musik war einfach faszinierend“, sagt er rückblickend und erzählt: „Ich war 14 und gehörte zu einer Clique. Wir hatten nur wenig Geld und teilten uns die Musik auf. Wenn einer eine Beatles-Scheibe gekauft hat, musste der andere die Platte von einer anderen Gruppe nehmen, damit wir nicht alles doppelt und dreifach hatten. Und dann haben wir uns zusammengesetzt und die Scheiben gemeinsam gehört.“ Seine erste Platte sei von den Kings gewesen, weiß der Musiker noch ganz genau: „Weil die Stones- und Beatles-Platten schon vergeben waren.“ Bis Ende der 60er habe es in Hameln keine Discos mit DJs gegeben: „Und wenn getanzt wurde, dann nicht zu Platten, sondern nur zur Musik von Live-Bands.“ Aus der Glaubensfrage „Beatles oder Stones?“ habe er sich immer rausgehalten: „Das Erdige der Stones war klasse, aber das Ausgefeilte der Beatles war auch faszinierend.“

veröffentlicht am 12.07.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Karin Rohr

Doch nicht nur die Musik hat Bob Dulas beeinflusst, auch das Aussehen der neuen Pop-Stars wurde kopiert: „Die Haare mussten lang sein.“ Allerdings habe damals in Hameln schon ein Beatles-Pilzkopf ausgereicht, um von der Schule zu fliegen: „Und die Musik, die wir hörten, war für die Erwachsenen einfach nur Dschungel-Musik.“

Die Mädchen trugen Mini-Röcke, die Jungs Schlaghosen – „da drehten die braven Hamelner Bürger ab“, sagt Dulas. Die ältere Generation habe die Kleidung und die langen Haare als flippig und bedrohlich empfunden: „Die kannten ja nur Zucht und Ordnung.“ Zoff mit den Eltern war an der Tagesordnung. Um den ständigen Auseinandersetzungen zu entgehen, zogen sich viele Mädchen auf dem Schulweg um: „Sie wollten cool aussehen.“ Und dazu gehörten eben damals Minis, die knapp den Po bedeckten, und hautenge Rippenpullis in Neonfarben. Das britische Magermodell Twiggy avancierte zum Schmink-Idol unzähliger weiblicher Teenager: Augen wurden mit schwarzem Lidstrich dick umrandet und mit Wimperntusche „Fliegenbeine“ gepinselt. Wenn das Taschengeld für den weißen Lippenstift nicht reichte, musste Penaten-Creme herhalten. Erwachsene gruselten sich bei dem Anblick. Die elterliche Ohnmacht entlud sich in zornigen Sprüchen wie „So lange du deine Beine unter unseren Tisch stellst, läufst du nicht rum wie vom Strich.“ Vergebens. Die Jugend rebellierte. Sie wollte sich absetzen von der spießigen Behaglichkeit, die in den 50er Jahren mit Nierentischen, Tütenlampen und Häkeldeckchen Einzug in die Wohnstuben gehalten hatte, und den strebsamen Bürgern mit ihren engen Regeln Contra geben: Große Freiheit statt miefiger Häuslichkeit.

Viel miteinander geredet wurde damals nicht, erinnert sich Dulas: „Von den Eltern und Großeltern kam in den 60ern nur ein unheimliches Schweigen“, sagt der Musiker: „Es ging gerade erst wieder bergauf. Der Krieg war noch nicht so lange her. Und wenn erzählt wurde, dann vor allem von dem schönen Soldatenleben“, weiß er aus eigener Erfahrung, zeigt aber heute Verständnis: „Das musste wohl so sein, sonst wären unsere Eltern wahrscheinlich wahnsinnig geworden.“

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Eine große Sorglosigkeit haben die Jugendlichen in den 60ern empfunden: „Wir lebten einfach nur in den Tag hinein. Es gab ja keine Zukunftsängste. Einen Job fand man immer. Aber wir hatten keine Ambitionen, etabliert zu werden.“ Als Dulas in der Realschule gefragt wurde, was er denn einmal werden wolle, antwortet er kurz und knapp: „Hobo“. Der Lehrer hatte keine Ahnung. Als ihm aber klar wurde, dass Hobos zur amerikanischen Subkultur zählen, meist heimatlos sind und Güterzüge nutzen, um durchs Land zu reisen und sich hier und dort mit kleineren Tätigkeiten etwas zu verdienen, war der junge Rainer bei seinem Lehrer untendurch: „Kein Ehrgeiz, hat er gesagt. Aber ich wollte nicht eingesperrt werden.“ Das will er auch heute, mit 61 Jahren, noch nicht: „Eigentlich fühl’ ich mich immer noch so wie in den 60ern.“

Am 31. Oktober 1951 in Hameln geboren, hat Rainer Dulas nach der Schule erst eine Lehre zum Industriekaufmann absolviert und ist danach in die USA gegangen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat wurde er Dolmetscher bei den Briten: „Bis die Mauer fiel.“ Musik hat er immer gemacht. Allein. Mit Consul Crayfish and the Blackouts. Oder anderen Musikern. Bob Dulas ist ein Begriff. Seine Konzerte sind legendär und immer ausverkauft. Auch heute noch. Er gilt als Urgestein der heimischen Musikszene. Das amüsiert ihn: „Ein Urgestein war ich schon mit 25.“

Die Stones. Die Beatles. Die Musikszene. „In den 60ern hab ich noch geglaubt, das alles ist schnell vorbei, weil es auch so schnell kam“, sagt Dulas: „Ich dachte, in zehn Jahren sind die fertig. Aber man ist belohnt worden dafür, dass man sich Mühe gegeben hat.“ Das gilt auch für den Musiker Bob Dulas. Was für ihn den Reiz der Musik von damals ausmacht? „Sie war innovativer, abwechslungsreicher, vielseitiger, kreativer. Heute wird alles schnell zum Einheitsbrei. Aber in den 60ern waren die Jugendlichen auch noch keine wirtschaftliche Macht. Auf diesen Wirtschaftsfaktor hat sich die Plattenindustrie eingestellt und produziert jetzt viel Mainstream. Was anderes hat kaum eine Chance.“ Das gilt, findet Bob Dulas, auch für die Kids: „Es ist schwer, sich heute abzugrenzen.“

Heute vor 50 Jahren gaben die Rolling Stones ihr erstes Konzert. Und setzten neue Maßstäbe. Anders als die Beatles galten sie als schmutzig, böse und

aggressiv. Die „bad boys“ erschreckten die Bürger, rebellierten, provozierten und randalierten, legten Feuer mit ihren Songs und trugen entscheidend zum Lebensgefühl der 60er Jahre bei. Das Hamelner Rock-Urgestein Rainer „Bob“Dulas verspürt es heute noch.

In jüngeren Jahren: Bob Dulas bei einem seiner Konzerte in der Sumpfblume mit Consul Crayfish and the Blackouts.

Bob Dulas heute: Der Rock- und Blues-Musiker ist sich selbst treu geblieben. Von dem Lebensgefühl der 60er Jahre hat sich das Hamelner Urgestein viel bewahrt.



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