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Militärisches Material aus Frankreich und Belgien wurde an der Weser gelagert / Geburtsstunden eines neuen Industriegebiets

Als der Hafen als Beutelager diente

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg, in dem über 17 Millionen Menschen ihr Leben verloren. Rund 60 Kilometer nordöstlich von Paris, im Wald von Compiègne, wurde das Waffenstillstandsabkommen zwischen Deutschland und den Alliierten unterzeichnet. In einer siebenteiligen Serie sollen unterschiedliche Aspekte dieser „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) beleuchtet werden. In unserer heutigen Folge geht es um den Ausbau des Hafenbereichs und die dortige Ansiedlung von Unternehmen.

veröffentlicht am 08.11.2018 um 12:44 Uhr

Der Hamelner Hafen um 1930. Er war während der Kriegsjahre erheblich ausgebaut worden, diente zunächst als Beutelager. Diverse Unternehmen siedelten sich hier an, darunter eine Werft (Friedrich Richardt, ab 1919 Kaminski) und die Norddeutschen Automo

Autor:

Wilfried Altkrüger und Bernhard Gelderblom
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Über die Entwicklung der Hamelner Industrie während des Krieges liegen nur uns wenige Informationen vor. Nachdem die Vergrößerung der Garnison von 1500 auf 5000 Mann und der Bau des riesigen Kriegsgefangenenlagers zunächst befruchtend gewirkt hatten, dürfte die weitere Entwicklung in derselben Richtung verlaufen sein wie auch sonst im Reich. Zahlreiche Unternehmen stellten sich auf die Erzeugung von Waffen und Munition um. In den Betrieben, die weiter Konsumgüter herstellten, sank die Produktion und herrschten Rohstoff- und Arbeitskräftemangel. Alles, was nicht der Rüstung diente, wurde auf „Verschleiß gefahren“, namentlich die völlig überlastete Eisenbahn.

So nimmt es nicht Wunder, dass auch die wirtschaftliche Entwicklung Hamelns während des Krieges stagnierte. Es gibt indes eine Ausnahme. Der Hamelner Schutz- und Handelshafen hatte nach diversen Erweiterungen im Jahre 1914 seine heutige Form erreicht. Eine stadteigene Hafenbahn gewährleistete den Anschluss an das Eisenbahnnetz. Am Hafeneingang hatten sich erste Firmen wie die Wesermühlen und die Hauptgenossenschaft angesiedelt.

Die Fluthamel war 1906 bis 1909 auf Betreiben von ansässigen Industriellen von der Ohsener Straße bis zur Einmündung in die Weser zu einem schiffbaren Kanal ausgebaut worden. Aus dem Aushub hatte man am Nordufer der Hamel und parallel zum Hafen einen Hochwasserschutzdeich gebaut. Auf diese Weise wurde ein 50 Hektar großes Gelände erschlossen, das zur Ansiedelung von Industrie genutzt werden sollte. Am Südufer des Hamel-Kanals war auf 800 Meter Länge der Bau von Kaianlagen möglich.

Bürgermeister Ado Jürgens. Foto: Stadtarchiv hameln
  • Bürgermeister Ado Jürgens. Foto: Stadtarchiv hameln
An der Werftstraße lagen die Schiffswerft und die Automobilwerke; das Denkmal erinnert an Ernst Lehmann, den Direktor der Selve-Automobilwerke. Foto: Dana
  • An der Werftstraße lagen die Schiffswerft und die Automobilwerke; das Denkmal erinnert an Ernst Lehmann, den Direktor der Selve-Automobilwerke. Foto: Dana

Bis Kriegsbeginn hatten sich dort eine Werft (Friedrich Richardt, ab 1919 Kaminski) und die Norddeutschen Automobilwerke (später Selve) etabliert. Der Ausbruch des Weltkriegs unterbrach vielversprechende Pläne.

Noch während des Krieges bemühte sich Bürgermeister Ado Jürgens um die Ansiedlung von Industrie. Er hatte 1916 Professor Süchting aus Hannover einen entsprechenden Auftrag erteilt, der unter anderem Verhandlungen mit der AEG in Berlin führte.

Eine stadteigene Hafenbahn sicherte den Anschluss an das Eisenbahnnetz

Da der Stadt vom neu erschlossenen Gebiet lediglich 4,8 Hektar gehörten, nahm Jürgens die 1913 mit dem Ziegeleibesitzer Rese abgebrochenen Verhandlungen über den Ankauf seiner Ziegeleien an der Ohsener Straße mitsamt der Rese gehörenden Ländereien wieder auf. Als Jürgens die städtischen Kollegien im November 1917 um Zustimmung zum Ankauf der Reseschen Liegenschaften bat, führte er zur Begründung an, die Stadt könne mit der Ziegelei nach Ende des Krieges vom erwarteten wirtschaftlichen Aufschwung profitieren. Auf den unbebauten Flächen könne Gemüse angebaut und eine Teilfläche vom städtischen Waisenhaus genutzt werden.

Bald darauf gingen die Grundstücke zwischen Ohsener Straße, Altenbekener Bahn und Hafen mit insgesamt 40,4 Hektar die seit Kriegsbeginn stillgelegten Ziegeleien sowie die Wohnhäuser Ohsener Straße 17 und 37 nebst lebendem (vier Pferde) und totem Inventar zu einem Gesamtpreis von 840 000 Mark in den Besitz der Stadt über.

Der Hauptgrund für den Grundstückskauf war allerdings ein anderer. Seit Sommer 1917 hatte Jürgens mit der Kriegswirtschafts-AG verhandelt, die einen geeigneten Standort für ein Sammellager für Beutegut suchte. Nachdem die Verhandlungen zu einem „raschen und glücklichen Abschluss“ gebracht worden waren, konnte die Stadt im Mai 1918 der Kriegswirtschafts-AG ein großes Gelände im Hafengebiet verpachten und den Bau eines Anschlussgleises zur Hafenbahn zusagen.

Am 21. Juni 1918 beschlossen die städtischen Körperschaften, dafür bei der Sparkasse Anleihen über 422 179 Mark aufzunehmen. Damit konnten auch der Bau eines Anschlussgleises, die Beschaffung von Kränen und einer Eisenbahnwaage, die Erweiterung eines Schuppens sowie der Ankauf eines weiteren Grundstücks finanziert werden. Ein Vollportalkran mit fünf Tonnen Tragfähigkeit war für den Umschlag von Massengütern vorgesehen und ein kleinerer Kran von etwa anderthalb Tonnen Tragfähigkeit für den Stückgüterladeplatz am Hafen. Die Waage sollte ihre Kosten durch die anfallenden Gebühren decken, da „das Sammellager jeden Wagen wiegen lassen wird“.

Auf dem Gelände der Ziegelei an der Ohsener Straße übernahm die Kriegswirtschafts-AG das Ringofengebäude, den auf 65 Meter vergrößerten Ziegelschuppen, ein Wohnhaus und eine Freifläche von 35 000 Quadratmetern. Dort wurden Fässer und andere Leergüter gelagert, instand gesetzt, sortiert und verkauft. Auch Lokomobile und Landmaschinen sollten dort „aufbewahrt, ausgebessert und verkauft werden“. Am 1. Dezember 1918 wurde das „Demobillager“ um weitere 86 000 Quadratmeter erweitert.

Die jährliche Pacht in Höhe von 33 000 Mark in den ersten anderthalb Jahren (danach 24 000 Mark) erbrachte weitaus mehr als die Nutzung durch Ziegelei und Landwirtschaft. Vom Pachtertrag wurden 15 000 Mark für Lagerschuppen und Anschlussbahn verwendet, während der Rest für Verzinsung und Tilgung der aufgenommenen Anleihe diente.

Der Betrieb des Sammellagers wurde von einem Major und Hilfspersonal, darunter auch Frauen, gewährleistet. Der im November 1918 von der Demobilisierungs-Zentrale aufgelistete „Beauftragte des Kriegsministeriums nebst Metallbergetrupp Maubeuge“ war ebenfalls hier tätig.

Das in Hameln gelagerte Beutegut stammte aus Nordfrankreich und Belgien.

Mit dem Rückzug der deutschen Truppen ab März 1917 aus dem Frontbogen zwischen Arras – Bapaume – Péronne in die von belgischen und französischen Gefangenen und Zwangsarbeitern gebaute „Siegfriedstellung“ auf dem rechten Sommeufer konnten die Deutschen 13 Divisionen aus der vordersten Linie abziehen. Unter dem Decknamen „Alberich“ wurden 140 000 Einwohnern „evakuiert“ und 430 Ortschaften nach der Devise der „verbrannten Erde“ systematisch zerstört, ebenso wichtige Eisenbahn- und Straßenkreuze, Brücken und Brunnen. Alles militärische Material, Viehbestände und sämtliche landwirtschaftlichen Vorräte wurden abtransportiert.

Der tagebuchführende Schriftsteller Ernst Jünger schilderte seine Beobachtungen dazu am 11. März 1917: „Alle Dörfer, durch die man kam, sahen aus wie große Tollhäuser. Leute stießen und rissen Mauern ein, saßen oben auf Dächern und schlugen alles kurz und klein. Obstbäume wurden gefällt, gesengt und vernichtet, Scheiben eingeschlagen, rings stiegen Rauchwolken hoch, kurz, es wurde eine Orgie der vollkommenen Zerstörung gefeiert. Überall wurde planmäßig nach dem Grundsatz gewütet, dass man dem Feinde nicht nur das Notwendige vernichten müsse, sondern auch alles, was überhaupt durch Menschenhand vernichtet werden kann.“

Ein Jahr später, am 30. Oktober 1918, veröffentlichte die Dewezet einen vermutlich von der Obersten Heeresleitung formulierten Artikel, der sich gegen die „Greuelhetze“ in der ausländischen Presse über die Verwüstungen 1917 in Frankreich richtete und in dem nicht in Abrede gestellt wurde, „daß unsere Truppen bei dem freiwilligen Rückzug auf die Siegfriedstellungen aus rein militärischen Rücksichten namhafte Zerstörungen an feindlichen Werten vornehmen mußten“.

Das „Demobilisierungs-Lager“ wurde im April 1921 geschlossen. Ein Teil der Fläche längs der Kuhbrückenstraße wurde ab 1. September 1920 an die „Weserwerke F. & G. Kaminski“ verpachtet, die hier eine Reparaturwerkstatt für Eisenbahnwaggons einrichtete. Im April 1921 pachtete Franz Kaminski eine weitere Fläche von 6600 Quadratmeter für den Waggonbau an. Kaminski ist bis heute auf dem Gelände ansässig. Die Werft hingegen musste nach einem Weserhochwasser, das riesige Schlickmengen in die Fluthamel spülte, aufgegeben werden.

Obwohl sich die sehr hohen finanziellen Investitionen der Stadt in das Gelände kurzfristig nicht auszahlten, wurden doch die Grundlagen für das bis heute wichtigste Hamelner Industriegebiet gelegt. Auf einem sehr großen Teil des Geländes entstand seit 1936 die Rüstungsfabrik Domag (heute Volvo). Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich die ABG (heute Volvo), die Stahlkontor Weser Lenze KG, die Stephan-Werke, Vogeley und andere Firmen an.

Das geplante Industriegebiet ist nach Süden von der „schiffbaren Hamel“ begrenzt. Am Südufer liegen „Schiffswerft“ und „Automobilfabrik“. Im Osten bildet die Altenbekener Bahn die Grenze. Diagonal durchschneidet die Ohsener Straße das Gebiet.

Der „Neue Hafen“, der 1914 fertig gestellt wurde, ist auf dem Plan schon als vorhanden eingezeichnet, darunter ein zweites Hafenbecken, das nie realisiert wurde. Der 1907/08 gebaute Hochwasserschutzdamm verläuft längs des Hafens und nördlich der Hamel. Er war Voraussetzung dafür, dass sich Industrie ansiedeln konnte. Abgesehen von der im Winkel zwischen Kuhbrücken- und Ohsener Straße liegenden Ziegelei F. W. Rese, die 1914 stillgelegt wurde, und der Schiffswerft sowie der Automobilfabrik war das Gelände 1910 noch unbebaut.


Die Feldpostkarten stehen im Mittelpunkt der letzten Folge unserer Serie zum Weltkriegsende. Sie wird auf der Seite Feierabend zu finden sein.



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