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Alles im grünen Bereich

Von außen sieht alles ganz normal aus, fast unscheinbar: ein altes Haus, mindestens einmal umgebaut, dazu kommt ein Anbau.

veröffentlicht am 20.07.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2017 um 17:39 Uhr

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Dahinter liegt das Paradies.

2600 Quadratmeter Garten, die Besitzer Alfred Pech so erklärt: Als die Tochter aus dem Hause war und er selbst in Rente, da hat er zu seiner Frau gesagt, jetzt machen wir den Garten, den wir immer haben wollten.

Fünf, sechs Jahre ist das nun her, und wenn der 70-Jährige heute die Besuchergruppen durch sein grün-blühendes Idyll führt, schwingt immer noch ein fadenfeiner Unterton mit, so als, könne er es selbst nicht glauben.

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Plätzchen bei Alfred Pech.

Vielleicht erklärt es sich durch den biografischen Hintergrund: Der Loccumer Alfred Pech war Forstwirtschaftsmeister in Schaumburg, und nach 50 Jahren Arbeitsleben konnte und wollte er sich nicht vorstellen, künftig die Hände untätig in den Schoß zu legen, außerdem war er an ein Leben in der Natur gewöhnt. Also hat er mit seiner Frau zusammen losgelegt.

Das größte Problem war die Nässe: Tiefwurzelige Pflanzen sterben spätestens nach zehn Jahren in diesem Garten ab, also hat das Ehepaar erst einmal alle die Beete höher gelegt, dann ging es. Es ist ein zutiefst demokratischer Garten, den Pech den Besuchern zeigen kann: Alles ist möglich, in der Mitte steht ein fünf Meter hoher Trompetenbaum mit den Blüten vom letzten Jahr, hier ist ein kleiner Bach, dort ein Teich, da steht ein Beet, dort ein anderes mit genau den gleichen Pflanzen, aber anders angeordnet. Und drei Schaukeln wehen leise im Wind: Vor allem eine große Partnerschaukel verrät viel über die Philosophie, mit der Pech seinen Garten angelegt hat: Sie steht ganz am Ende des langen Gartens und sie hat keine Rückenlehne. Tja, sagt Alfred Pech, damit vergrößert man die Möglichkeiten: Man kann sich hierher setzen und den Garten betrachten, man kann aber dem Garten auch den Rücken kehren und auf eine Wiese mit Pferden blicken. Hier sitzen wir immer, sagt er, wenn wir uns was zu erzählen haben.

Es ist ein Garten, der vor allem Spaß macht. Und Lust, selbst ein Gartenbeet zu besetzen und endlich anzufangen. Viel braucht man nicht, wenn man Pech glaubt: Hier, sagt er, hat er eine Tüte japanischer Blütensaat ausgestreut, die gab es bei Aldi. Und weil viele Kinder nicht mehr wissen, was ein selbst gebastelter Gartenzaun ist, hat er selbst einen gebaut, als Anschauungsmaterial. Und mitten in der Sichtachse steht eine einsame Tür, ganz allein im Garten. Ein nettes Accessoire, vielleicht ein bisschen groß und exzentrisch, aber warum nicht. Oder? Nein, ganz anders, das ist die Tür zur Toilette, sagt Pech, geht zwei Schritte zur Seite und deutet auf einen dahinter liegenden Komposthaufen. Tatsächlich.

Das Gartenbild hat sich gewandelt, und zwar dramatisch. War vor zwei, drei Jahrzehnten der Garten noch ein Bereich, im dem eine deutsche Blockwartmentalität herrschte und alles in einer Linie stand, Koniferen, Hecken, Rasen, alles ein einziges Ödland, aber so ausgerichtet, dass sich die Bundeswehrkompanie von nebenan noch ein Beispiel an der tadellosen Aufstellung nehmen konnte, so darf oder muss es heute wuschelig sein: Alles muss aussehen, als käme es direkt von der Wiese, als wäre es im Vorbeigehen kurz gerupft und gezupft.

Woher kommt das bloß, diese alles und jeden umfassende Schwärmerei für alles, was grün ist und bunt? Neu ist sie ja nicht, schon die Romantik war eine kulturgeschichtliche Epoche, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis weit in das 19. Jahrhundert hinein dauerte und von Naturseufzern und blauen Blumen und sich sehnenden Herzen nur so wimmelte (der Rest war Chopin), aber vielleicht ist es mit der Natursehnsucht so, dass sie proportional zum Ozonloch wächst. Man kann sich nicht dagegen wehren, dass in diesem Land Tag für Tag 50 bis 60 Hektar Natur verschwinden, aber im eigenen Garten soll es schön aussehen? Ist das so? Vielleicht hilft das eigene Beispiel: Hier schreibt jemand, der vor sieben Jahren sein Erweckungserlebnis hatte: Nach einem beruflich besuchten Vortrag der Landfrauen zum Thema „Mein schöner Staudengarten“ fiel daheim im Garten der Beschluss: Hier wird sich einiges ändern. Und heute ist der kleine, rund 600 Quadratmeter große Garten eine meistens blühende Insel in einer Berufswelt, die da draußen immer hochgetakteter wird und den Menschen so maximal ausbeutet, wie es die körperlichen Grenzen erlauben. Wenn schon alles den Bach runter geht, dann will ich wenigstens den Uferbereich des Baches noch ein bisschen mit schönen Pflanzen aufhübschen. Garten ist der komplett sinnstiftende Gegenentwurf zum Büroleben: Durch Rumwursteln und Jäten und Gießen und Anpflanzen entsteht mit ein bisschen Sonnenlicht reines Glück.

Es muss ja nicht gleich der ganz große Wurf wie bei Andreas Wickbold sein. 6000 Quadratmeter ist sein Garten groß, davon sind zwei Drittel Rasenfläche. Aber der Rest ist der schiere Wahnsinn: Rondelle aus Buchsbaum, die mit einem Stahlgerüst und einer Bank in Form und Größe korrespondieren, griechische Statuen und eine halb verfallene Ruine, die er mithilfe seines Schwiegervaters woanders ab- und hier wieder aufgebaut hat – Romantik pur.

Natürlich, sagt Wickbold mitten in seinem englisch angehauchten Garten, natürlich schütteln Experten den Kopf, wenn sie das hier sehen, diese Buchsbaumquadrate und Rondelle, das geht doch hier gar nicht, aber ihn stört das nicht: Sieht doch gut aus, oder?

Stimmt, der Gesamteindruck ist schlicht überwältigend, zumal sich an den Rändern und an drei Teichen alles findet, was der herkömmliche Wald- und Wiesengärtner auch daheim stehen hat: Johanniskraut, Funkien, Sonnenbraut, solche Sachen. Aber der beste Moment, kommt, wenn man den Loccumer fragt, ob er eine Gartenphilosophie hat: „Nöö“, sagt der gelernte Gärtner, „ich kann mich da nie entscheiden.“ Und so wuselt er so vor sich hin, tobt sich auf seinem Areal aus, bis der Arzt kommt, legt ein Rosenbeet an und dann ein Heckenbeet und dazwischen Funkien vor verfaulendem Holz – und freut sich einfach: Wickbold ist ein Mensch, der immer ein Lächeln im Gesicht trägt. Andere freuen sich auch, manchmal kommen die Besucher busweise. Und wenn bei der nächsten Fußball-WM ein Spielplatz ausfallen sollte, einfach bei Wickbold nachfragen.

Alfred Pech und Andreas Wickbold, die übrigens fast Nachbarn sind, nehmen die gleichen Pflanzen und mögen auch Rasen, aber wie beide das mischen, könnte unterschiedlicher nicht sein. Und ein Besuch bei ihnen macht Mut: Erlaubt ist, was gefällt, und wenn jemand dieses Beet nicht mag, so kann er einfach drei Meter weitergehen: Vielleicht mag er das nächste.

Entdeckt hat der Schreiberling der Landpostille die beiden Gärten bei einer Busfahrt, die die Schaumburger Landschaft anbot. Vielleicht 50 Schaumburger sind mitgefahren, fast alle waren im Rentenalter. Und sie wirkten, als würde sie am Ende der Fahrt aus dem Bus steigen und daheim sofort den Garten ansteuern: Neue Ideen umsetzen. Und das sollten Sie auch tun, lieber Leser, liebe Leserin. Gehen Sie hinaus, graben Sie ein bisschen! Fünf Minuten im Garten vertreibt jede Depression und ersetzt jeden Therapeuten. Warum lesen Sie das hier noch? Da draußen, in Ihrem Garten, da wartet das Glück.

Jeder Tag ist der erste, und jeder Tag ein Leben.

Und nehmen Sie die Kinder mit.

Die Liebe zum eigenen Garten ist an jeder Ecke zu sehen: Überall wird gepflanzt, gegossen, gejätet und geerntet. Und dieses Gartenglück, es wird geteilt: Im Rahmen der Offenen Pforte ist die Öffentlichkeit eingeladen, fremde Gärten kennenzulernen. Unsere Redaktion hat sich drei Gärten angeschaut und wird in zwei Teilen davon berichten. Erstaunlich waren sie alle – und ihre Besitzer auch.



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