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Breit angelegter Naturschutz im Sinne der Tiere: Über fünf Jahre wurden 6000 Amphibiengewässer angelegt

Alles für die Unke

Das Ziel ist noch nicht erreicht, aber es ist in Sichtweite: Thomas Kutter ist Projektleiter des Nabu-Gelbbauchunkenprojektes, im Februar läuft es nach sechs Jahren aus, auf der Zielgraden kann der Fachmann ein Fazit ziehen, es fällt kurz und knackig aus: „Die richtig großen Maßnahmen haben alle funktioniert.“ Schlimmstenfalls mal ein kleiner Tümpel, der nicht so reagiert habe, wie man sich das im Vorfeld vorgestellt habe, „aber es war nichts dabei, wo wir jahrelang Energie reingesteckt haben – und dann rauscht das ab.

veröffentlicht am 15.11.2017 um 19:04 Uhr

Vom Gelbbauchunken-Projekt profitieren nicht zuletzt die Konik-Pferde oberhalb von Hattendorf. Foto: Rnk
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Die Zahlen sprechen für sich: Im Rahmen des Nabu-Projektes wurden in fünf Jahren über 130 Projektgebieten über 6000 Amphibiengewässer angelegt, Winterquartiere geschaffen, zahlreiche Flächen entbuscht und offen gehalten. Einige Flächen werden nun dauerhaft beweidet. Als Trittsteine angelegte Tümpel sollen die Gelbbauchunkenhabitate miteinander verbinden.

Allein im letzten Jahr wurden in sechs von acht Projektregionen und 46 Projektgebieten Habitatmaßnahmen umgesetzt und dabei 602 Tümpel geschaffen sowie 530 revitalisiert. Dabei wurden im Weserbergland 1534 Kaulquappen und Juvenile, im Bergischen Land über 350 Juvenile ausgesetzt. Projektleiter Kutter hatte bei Kartierungen im letzten Jahr ermittelt, dass in mittlerweile 75 der 123 Projektgebiete Gelbbauchunken vorkommen: „Das bedeutet, dass die Maßnahmen greifen.“

Die Trittsteine waren ein zentraler Punkt des Projektes, denn die einzelnen Vorkommen der Gelbbauchunke sind oft zu klein, um überleben zu können und zu weit voneinander entfernt, um den genetischen Austausch aufrechtzuerhalten. Trittsteine helfen der wandernden Unke. Vereinfacht formuliert: Wenn sie sich aus dem Steinbruch Liekwegen aufmacht, findet sie in der Borsteler Tonkuhle Voraussetzungen, um dort zu leben und zu laichen,. Oder sie wandert weiter bis zum nächsten Trittstein, den sie an der Aue in Borstel findet, oder falls sie wanderlustiger ist, unterhalb der Paschenburg, wo auf einer Wiese Trittsteine angelegt wurden. Schon recht früh im Projektverlauf zeigt sich, dass diese Trittsteine nicht nur angenommen wurden, sondern das dies auch deutlich schneller passierte, als die Experten gehofft hatten. „Es war fantastisch“, erinnert sich Dr. Holger Buschmann gut und gern. Für den damals recht neuen Nabu-Landesvorsitzenden war es nach dem mit einer Millionen Euro budgetierten Life-Amphikult das zweite große Projekt, dass der Landesverband stemmen musste.

In Bernsen wird vor den Steinbruchtoren kurzerhand aufgeräumt. Foto: RNK
  • In Bernsen wird vor den Steinbruchtoren kurzerhand aufgeräumt. Foto: RNK
Wo der Nabu anrückt, da bringt er schweres Gerät mit: Bruno Scheel auf einer Großbaustelle. Foto: Rnk
  • Wo der Nabu anrückt, da bringt er schweres Gerät mit: Bruno Scheel auf einer Großbaustelle. Foto: Rnk
Riesenprojekt: In Borstel erhielt die Aue einen neuen Arm. Foto: RNK
  • Riesenprojekt: In Borstel erhielt die Aue einen neuen Arm. Foto: RNK

Man muss kommunizieren und Vertrauen aufbauen“

Dr. Holger Buschmann,, Nabu-Landesvorsitzender

Wie macht man das? Ganz einfach, sagt Buschmann: „Man muss kommunizieren und Vertrauen aufbauen.“ Am Schluss hatte der Landesvorsitzende alle unter dem berühmten Hut: Die abbauende Industrie mit ihren Dachverbänden, Einzelbetriebe, die Niedersächsischen Landesforsten, die Naturschutzverwaltung, Gemeinden, Naturschutzverbände und Ortsgruppen. Gerade die Ortsgruppen, sagt Buschmann, sind ein ganz wichtiger Stützpfeiler, und spätestens an diesem Punkt des Gespräches kommt der Name von Bruno Scheel ins Spiel, dem Schaumburger Ehrenamtlichen, der die Gelbbauchunke, wenn man so möchte, „entdeckte“. Buschmann selbst, der aus dem Schaumburger Land stammt, hat die Unke über Scheel kennen gelernt, der ihn über die kleinen Restbestände in den Steinbrüchen Liekwegen und Obernkirchen informierte, als Schüler hat Buschmann sie 1992 mal rufen gehört, erzählt er, aber erst im Studium in Würzburg hat er die erste Unke zu Gesicht bekommen. Mit Scheel hat er schon sehr lange sehr viele Umweltprojekte umgesetzt, Buschmann hat die Anträge geschrieben und die Kontakte hergestellt, Scheel war der Mann für die Arbeit draußen. Und so wurde, gleichsam nebenbei, Vertrauen aufgebaut, zu den Behörden, den Forsten, den Steinbruch-Betreibern.

Einfach war es nicht, erzählt Projektleiter Kutter, gerade in den aktiven Steinbrüchen hätten die Betreiber doch arge Bedenken gehabt – und manche hätten sie noch heute – ob der Naturschutz nicht den laufenden Betrieb stört, ob er nicht dazu führt, dass weniger abgebaut werden kann. „Wir wollen die Abbaubetriebe natürlich nicht um ihr Brot bringen“, sagt Kutter, sondern beweisen, dass man auch in bestehenden Betrieben etwas für den Naturschutz machen kann, „das man den Rohstoff gewinnen und die Natur stärken kann.“ Wenn diese Erkenntnis die Runde bei den Abbaubetrieben machen würde, so Kutter, wäre das ein schöner Nebeneffekt. Man kann sie ja nicht zwingen, mitzumachen, sagt er, „es basiert ja auf der Freiwilligkeit.“

Auch Kutter unterstreicht die Rolle der Ehrenamtlichen: Ohne ihre Arbeit, auf die man einfach aufgebaut habe, wäre das Projekt sehr viel schwerer umsetzbar gewesen: „Wir haben auf der Erfahrung von Jahrzehnten draufgesattelt. Denn was die Ehrenamtlichen können und wissen, lernt man nicht im Bio-Studium.“

Rohstoffe gewinnen und die Natur schützen – das geht beides.

Thomas Kutter, Projektleiter

Das sieht Buschmann ähnlich: Dass die größeren Projekte im Weserbergland zu finden waren, das liege daran, dass man hier die Ehrenamtlichen mit der meisten Erfahrung habe, „in vielen andern Regionen waren die Bedingungen nicht so gut“, sagt der Landeschef, dort sei man auf einem ganz anderen Stand in das Projekt „reingesprungen“. Daher habe man in Niedersachsen auch am meisten bewirkt. Natürlich habe das Ehrenamt Grenzen, und dann komme der Landesverband ins Spiel, sagt Buschmann: Er muss die Mittel ranschaffen und im großen Stil weitermachen.

Ketzerische Frage an Kutter: Warum muss man denn 3,2 Millionen in die Hand nehmen, um einer Unke zu helfen? Die Gelbbauchunke ist gerade in Deutschland eine besonders schützenswerte Art, denn hier ist ein bedeutender Teil ihrer Weltpopulation zu Hause, in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ist sie aber „vom Aussterben bedroht“. Denn der natürliche Lebensraum der Gelbbauchunke ist in Deutschland weitgehend zerstört, frei mäandernde Fließgewässer mit Überflutungsflächen finden sich kaum noch. Kutter also sieht s so: Wer heute versucht, die Biodiversität zu erhalten, der muss einfach Geld in die Hand nehmen. Und dann sucht man sich sogenannten Zielarten wie die Gelbbauchunke, von deren auch andere Arten im Fahrwasser der Maßnahmen profitieren. Soll heißen: Profitiert die Unke, dann geht es auch Molchen, Kreuzkröten und vielen Insekten gut, freigestellte Bereiche helfen der Vogelwelt, in der Offenlandschaft findet die Feldlerche, einst ein weitverbreiteter Vogel, heute ein seltener Gast - ein neues Zuhause.

Wie geht es weiter? Mitte Juli trafen sich in Rösrath die beteiligten Projektpartner aus den acht Projektregionen in fünf Bundesländern, um die Schlussphase des Vorhabens einzuläuten. Denn das Projekt endet im Februar 2018. Für jedes Gebiet wurde ein Arbeitsplan erstellt und mit den Fachbehörden und Landnutzern abgestimmt, um die Nachhaltigkeit der Maßnahmen zu sichern. Für Kutter und eine Handvoll Mitarbeiter beginnt nach dem Auslaufen des Projektes ein neues: Ab März 2018 wird durch den NABU Landesverband Niedersachsen das „Projekt „Bovar - Gelbbauchunke“ umgesetzt. Das Projekt wird in Niedersachsen, den Niederlanden und in Nordrhein-Westfalen in den Kreisen Minden-Lübbecke und Soest sowie im Stadtgebiet Aachen umgesetzt. Das Amphibienprojekt soll der Kreuzkröte, der Geburtshelferkröte, dem Kammmolch und natürlich der Gelbbauchunke helfen. Kutter freut sich auf die Aufgabe: Jede einzelne Art erfordert andere Maßnahmen, das wird eine echte Herausforderung.

Kleiner Nachtrag: Das Nabu-Projekt „Stärkung und Vernetzung von Gelbbauchunken-Vorkommen in Deutschland“ wurde am letzten Donnerstag als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt, der Initiative der Vereinten Nationen zum nachdrücklichen weltweiten Erhalt der biologischen Vielfalt, ausgezeichnet.

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