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Allerheiligen, Allerseelen und Allerhasen

Ginge es nach Karl dem Großen, so hieße der November immer noch Windmond. In den Niederlanden wurde der Monat auch Schlachtmond oder Schlachtenornat genannt, da zu dieser Zeit das Einschlachten der Schweine üblich war. Im römischen Kalender war der November ursprünglich der neunte Monat, Nove heißt auf Latein neun.

veröffentlicht am 01.11.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:13 Uhr

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Etwas scherzhaft: Vielleicht hat ja auch die Kirche ihren gerüttelt Anteil am schlechten Ruf des Novembers. Schließlich gilt er als ein Monat der Besinnung und des Gedenkens. An Angeboten mangelt es nicht: An Allerheiligen gedenkt die römisch-katholische Kirche aller ihrer Heiligen am heutigen 1. November; morgen ist Allerseelen, an dem die römisch-katholische Kirche der Verstorbenen gedenkt; der Martinstag; der Volkstrauertag wird immer zwei Sonntage vor dem 1. Advent begangen und ist der Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten der beiden Weltkriege. Am Mittwoch zwischen Volkstrauertag und Totensonntag liegt der Buß- und Bettag, an dem man sich wieder mehr Gott zuwenden soll; einen Sonntag vor dem 1. Advent liegt der Totensonntag, an dem die evangelische Kirche der Verstorbenen gedenkt. Naturgemäß sieht Superintendent des Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg, Andreas Kühne-Glaser, das mit der Schuld der Kirche am schlechten Ruf ein bisschen anders: Natürlich befasse sich der November mit den letzten Dingen, natürlich spiele auch die immer dunkler werdende Witterung eine Rolle, aber, und hier will er nur für sich sprechen: „Ich fühle auch die Kraft des Glaubens, die über den Tod hinaus geht.“ Der November als Monat, der von Tod und Vergänglichkeit geprägt sei, das sei vielleicht die eine Seite, die andere sehe dann so aus: Jeder Tod sei ein Geheimnis des Lebens. Kühne-Glaser zitiert den unlängst verstorbenen Apple-Gründer Steve Jobs: Der Tod sorgt dafür, dass es weitergeht.

Für die Landwirte ist der November ein recht entspannter Monat. Der Ackerbau neigt sich dem Ende entgegen, vielleicht stehen die Rüben noch und die – etwas frostempfindlichen – Kartoffeln, aber ansonsten beginnen drei eher ruhige Monate, erklärt Gabi von der Brelie vom niedersächsischen Landvolk-Pressedienst: „Es sei denn, man hat Vieh.“ Ein Kuh macht muh, viele Kühe machen Mühe? „Genau“, sagt die Pressesprecherin.

Und wie sieht es beim Niedersächsischen Forstamt Oldendorf aus, das sich mit seinen 15 Revierförstereien über die Landkreise Schaumburg, Hameln-Pyrmont und Holzminden erstreckt? Ist der November dort ein wichtiger Monat? „Aber sicher“, erklärt Forstamtsleiter Christian Weigel, „schließlich ist am 3. November Hubertustag, der dem heiligen Hubertus von Lüttich, dem Schutzpatron der Jagd, gewidmet ist“. Und mit diesem Tag beginne für die Jäger die Jagdsaison, die Reduzierung des Wildes aus waldbaulichen Gründen, wie es Weigel formuliert.

Für Naturfotografen kann der November-Nebel zuweilen ein reizvolles Motiv darstellen, das es in anderen Monaten so nicht gibt. Foto: rnk

Sehr viele Jagden stehen jetzt an, vor allem auf das Schwarzwild, schon allein, um der Wiederausbreitung der Schweinepest im Vorfeld Herr zu werden. Ein bisschen drängt die Zeit, denn spätestens zu Weihnachten sollen die Jagden beendet sein, erklärt Weigel: Dann beginne in aller Regel eine schwierige Zeit für das Wild, mit hohem Schnee und klirrender Kälte, dann sei eine Jagd unter diesen Witterungsverhältnissen nicht mehr tierschutzgerecht.

Apropos Hubertustag: Unter Klerikern und Jägern wird er gern scherzhaft Allerhasen genannt. In Verbindung mit den ersten beiden Novemberfeiertagen feiert man also Allerheiligen, Allerseelen und Allerhasen – in dieser Reihenfolge. Außerdem, so Weigel, steht auch der Holzeinschlag an.

Der November ist für die Kraniche alles andere als ein normaler Monat: Die Tiere warten auf den winterlichen Startschuss, sie suchen günstige Schlafplätze und landwirtschaftliche Nutzflächen, insbesondere weiträumige Maisanbaugebiete, die ein reichhaltiges Nahrungsangebot garantieren. Beim ersten Kälteeinbruch, so erklärt es Dr. Holger Buchmann, Vorsitzender des niedersächsischen Naturschutzbundes, starten sie in Richtung warmer Süden. Je nach Witterung erreichen die Kraniche Ende November ihre Winterquartiere in Spanien, im östlichen Mittelmeerraum oder Nordafrika.

In den letzten Jahren hat sich das Zugverhalten aber verändert. Zunehmend wird beobachtet, dass eine wachsende Zahl von Kranichen in Nord- und Mitteleuropa ausharrt und überwintert. Grund dafür sind der verstärkte Maisanbau und die milderen Winter, die ein Weiterziehen nicht mehr nötig machen. Denn Kraniche können sich relativ schnell an Veränderungen in der Landnutzung anpassen. Konkret: Sie profitieren heute besonders vom intensiven Maisanbau. Kraniche haben gelernt, dass Mais eine energiereiche Nahrung ist, die in großen Mengen vorhanden ist. Die großen Maisanbauregionen auf ihrer Zugroute haben sich inzwischen zu den Hauptrastgebieten entwickelt. Doch kein Licht ohne Schatten: Wie die Kraniche durch das gute Nahrungsangebot in maisreiche Regionen gelockt werden, so folgen ihnen dort immer mehr Menschen, um die imposanten Vögel aus der Nähe zu beobachten. Aber häufiges Aufscheuchen der scheuen Vögel führt zu erheblichen Störungen und zur Schwächung der Kraniche – und gefährdet den Weiterflug ins Winterquartier. Dann kann es schnell sein, dass der Monat zum Sterbemonat des Tieres wird.

Ein weiteres Gerücht, das als unbestreitbare Tatsache gehandelt wird, trägt zum schlechten Ruf des Monates November bei: Es ist die Zeit der Selbstmorde. Auf den ersten laienhaften Blick passt das auch: Das schlechte Wetter in dieser Jahreszeit verdunkelt die leidende Seele. Aber wahr ist es nicht, das recht hartnäckige Gerücht stimmt nicht, denn die meisten Selbstmorde werden im späten Frühling und zu Sommerbeginn verzeichnet. Ein Blick in die Statistik belegt es: Im angeblichen Wonnemonat Mai ist die Selbstmordrate am höchsten. Warum das so ist, ist nach wie vor ungeklärt. Eine Vermutung: Selbstmordgefährdete Menschen setzen sich stärker unter Druck, wenn sie sehen, dass die Natur zu neuem Leben erwacht – und es anderen Menschen deutlich besser geht.

Schaut man in die Wetterstatistiken, so nimmt der Monat November im Reigen der Monate Oktober bis Februar in der Kategorie „miesester Monat“ allenfalls eine Mittelstellung ein. Bei der Nebelhäufigkeit belegt der Oktober mit durchschnittlich neun Tagen mit Abstand den ersten Rang. Erst auf Platz zwei folgt der November vor dem Dezember. Der Dezember ist es auch, der mit 30 Stunden die geringste Sonnenscheindauer aufweist, erklärt der Wetterexperte Reinhard Zakrzewski alias „Zaki“: Auf den Plätzen folgen der Januar mit 41 und dann erst der November mit 50 Sonnenstunden.

Dezember ist mit durchschnittlich 56 Liter pro Quadratmeter der feuchteste der vier Monate, vor dem November mit gewöhnlich 50 Liter.

Nimmt man die Sturmhäufigkeit dazu, so hat der Dezember am meisten davon im ganzen Jahr zu bieten. Allerdings ist ihm der November in dieser Hinsicht dicht auf den Fersen, was an den Luftdruckunterschieden über dem Nordatlantik liegt, die sich in dieser Jahreszeit durch die Abkühlung der Polarregion massiv verschärfen. Das Fazit von Zakrzewski: „Nach den Messdaten ist der November nicht so schlecht wie vermutet. Der wettermäßig mieseste Monat ist der Dezember.“

Ein letzter Blick gilt einer alten Bauernregel: „Wirft herab Andreas (30. November) Schnee, tut’s dem Korn und Weizen weh“, heißt es. Denn in der heidnischen Zeit wurden in der Andreasnacht vor allem die Dämonen abgewehrt und die Fruchtbarkeitsbräuche des kommenden Winters begannen. Für die Witterungsprognose gilt: Einem kalten November mit unterdurchschnittlicher Bewölkung folgt in sieben von zehn Fällen ein milder und wolkenreicher Januar. Und wem das Wetter im nächsten Januar dann nicht passt, der weiß ja ganz genau, woran es lag: Der November hatte Schuld.

Sicher, den besten Ruf genießt er nicht: Der November gilt allgemein als kühl, neblig, regnerisch, grau, nasskalt, stürmisch, düster und trist, trostlos, kahl und natürlich sonnenarm. Aber ist das wirklich so? Ist der November ein Monat, den man am besten aus dem Kalender streichen sollte? Unsere Redaktion hat eine Handvoll Experten um Auskunft gebeten: Kirchenvertreter, Naturschützer, Forstamtsleiter und natürlich der Wetterexperte erklären, was der elfte Monat des Jahres für sie bedeutet.



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