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Serie zur Jugendanstalt: Teil 4

Aggressionsforscher Jens Weidner über die Zeit in der JA

Aggressionsforscher Jens Weidner ist ein erfolgreicher Mann. In Manager-Seminaren und Karriereratgebern wie „Hart aber unfair“ oder dem Bestseller „Die Peperoni-Strategie (33 Wochen Platz 1 im Wirtschaftsbuch-Ranking der Financial Times Deutschland) gibt der Hamburger Professor Führungskräften Tipps, wie sie weniger nett doppelt so erfolgreich sind. Dass Weidner auch deshalb so gut ist, weil er sich mit harten Jungs gut auskennt, wissen die wenigsten. Tatsächlich hat der Professor für Kriminologie und Erziehungswissenschaften in der Jugendanstalt Hameln lange mit Gewalttätern gearbeitet.

veröffentlicht am 06.08.2018 um 14:44 Uhr
aktualisiert am 07.08.2018 um 18:48 Uhr

War maßgeblich Antiaggressionstraining (AAT) der JA beteiligt: Erziehungswissenschaftler und Kriminologen Prof. Dr. phil. Jens Weidner. Foto: Michael Kottmeier
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Angefangen hat es mit Gangschlägern in Philadelphia für eine Forschungsarbeit. Allerdings fehlte ein Praktikum. Das verschlug Weidner 1986 in die Jugendanstalt Hameln, und aus drei Monaten wurden knapp 10 Jahre. Aus dem Praktikanten wurde der Leiter einer Abteilung, und das Antiaggressionstraining (AAT) das er zusammen mit Dr. Michael Heilemann entwickelte, machte deutschlandweit Furore.

Es gab eine Menge Filme über die JA damals, meist für den WDR und die ARD, sagt Weidner. Von der Produktionsfirma hat Weidner vor zwei Jahren alle Filmrechte gekauft. Sie sind ihm wichtig, denn als Miteigentümer des „Deutschen Instituts für Konfrontative Pädagogik“bildet er bis heute AAT-Trainer aus. Die Basis sei noch immer dieselbe wie damals, nur etwas modifiziert und der Zeit angepasst. Ob man in der JA nach dem Modell von damals arbeitet, weiß er nicht.

Damals, Mitte der 80er, erhitzte insbesondere der „heiße Stuhl“ die Gemüter. Dabei saß ein Gewalttäter in der Mitte eines Stuhlkreises und war dem Kreuzfeuer der Kritik ausgesetzt.

Die Symbole an den Unterkünften der Gefangenen sollten dazu beitragen, dass die Insassen sich mit ihrem Haus besser identifizieren, so der Gedanke der Gründer. Foto: Dana
  • Die Symbole an den Unterkünften der Gefangenen sollten dazu beitragen, dass die Insassen sich mit ihrem Haus besser identifizieren, so der Gedanke der Gründer. Foto: Dana
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Die Symbole an den Unterkünften der Gefangenen sollten dazu beitragen, dass die Insassen sich mit ihrem Haus besser identifizieren, so der Gedanke der Gründer. Foto: Dana
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Foto: Dana
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Aber nicht nur die. Auch Weidner und sein Team waren unter Beschuss. „Entweder die Leute liebten oder hassten den Stuhl“, sagt Weidner. Diejenigen, die ihn hassten, sprachen von Gehirnwäsche, Willen brechen oder schwarzer Pädagogik. Weidners größter Kritiker war sein alter Professor, der Plewig, der auch Richter am Hamburger Landgericht war und gegenüber Justiz, Polizei und Staat eine kritische Haltung eingenommen habe. „Hauptauslöser war, dass die konfrontative Pädagogik ein schönes solides Gegenmodell zur antiautoritären Pädagogik war“, glaubt Weidner.

Hauptauslöser war, dass die konfrontative Pädagogik ein schönes solides Gegenmodell zur antiautoritären Pädagogik war.

Professor Jens Weidner, Erziehungswissenschaftler und Kriminologe

Der Erziehungswissenschaftler war damals spezialisiert auf Mehrfachgewalttäter. Zwei Drittel habe man mit dem AAT, das früher den Namen „Antagonistentraining“ hatte, erreicht. Natürlich gebe es auch Täter, an die man überhaupt nicht herankomme.

An einen Grenzfall zwischen Justiz/Psychiatrie erinnert er sich: „Da war ein junger Mann, der in der ersten Sitzung bei der Frage nach seinem Namen aufsprang und schrie „was wollt ihr von mir“ und übergriffig zu werden drohte. Das war insofern interessant, weil die anderen acht Gewalttäter, die auch dort saßen, aufstanden und sagten: Es ist klüger, wenn du dich hinsetzt, das macht hier keinen Sinn“ erzählt Weidner und lacht.

„Aber es gibt auch Menschen, die sind nicht behandelbar, da kann man sagen, die kommen ins Gefängnis, sitzen ihre 6 Jahre ab und werden wieder entlassen“, sagt Weidner. Und dann können wir alle beten, dass die nicht in unsere Nachbarschaft gehen.“

Insofern sei Sicherheit und Behandlung kein Widerspruch. Sicherheitsmäßig aufzurüsten, sei damals der richtige gewesen.

Das mit dem AAT zwei Drittel der Gewalttäter erreicht werden, wird in einer wissenschaftlichen Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstitut in Niedersachsen bezweifelt. Die Untersuchung besagt, dass Rückfallraten von AAT-trainierten und untrainierten Gewalttätern nahezu identisch sind. „Das ist eine „Studie, die ich sehr schätze“, sagt Weidner, einen Faktor lässt sie aus seiner Sicht außer Acht: Die 100 Gewalttäter, die ich untersucht habe, brauchten eine Kontrollgruppe. Nur: Es gab in der JA keine nichtbehandelten Aggressiven. Sie seien entweder beim Psychologen Weiß in der sozialtherapeutischen Bereich gewesen oder im Gesprächskreis Tötungsdelikte von Dr. Otto. „Er hat eine irritierende politische Karriere gemacht“, bemerkt Weidner, „aber damals hat er ein soziales Trainingsprogramm entwickelt, dass ich heute noch meinen Studenten als Basisprogramm zu lesen gebe, das ist nicht nur intelligent, sondern auch praktikabel.“

Weidners und Heilemanns Modell war eines, das ins Hameln der 80er Jahre passte. Innovativ, aber keine 70er-Jahre-Kuschelpädagogik mehr. „Ich war überrascht damals über den Reformwillen in der JA, dass man an die Erziehung von Kriminellen geglaubt hat, dass man unbedingt mit der Zeit gehen wollte. Dass man etwas auf den Weg bringen wollte, um Opfer zu vermeiden, hat mir sehr imponiert“ sagt Weidner. „Es gab viele innovative Programme, interessante Kollegen und Jugendliche, die sich darauf einließen, das war mein erster Eindruck.“

Der Kontakt mir Heilemann, der ihn damals unter die Fittiche genommen habe, hat sich verlaufen. „Ich habe viel von ihm gelernt, er ist ein kreativer Vulkan.“

Je länger der Erziehungswissenschaftler in der JA war, desto deutlicher sei ihm die stete Gratwanderung geworden: „Es war ein Pendeln zwischen Sicherheitsinteressen und Resozialisierung.“

„Den heißen Stuhl gibt es immer noch, allerdings sprechen wir mittlerweile lieber von konfrontativen Feedbackrunden.“ Das hört sich ein bisschen an wie in einem Managerseminar.

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