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Theaterchefin verlässt Hameln — eine Bilanz

Acht starke Jahre

Das sprichwörtlich „verflixte siebte Jahr“ – traditionell vor einer Scheidung – trifft hier nicht ganz. Eher mehr, denn eigentlich sind es acht, die Dorothee Starke als Chefin die Geschicke und Geschichte des Hamelner Theaters in starken Händen hielt. Dem so beeindruckend schönen aalto-blauen Haus ihren Stempel aufdrückte.

veröffentlicht am 02.05.2016 um 17:44 Uhr

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Autor:

Richard Peter

Abzüglich des ersten Jahres, als der Spielplan noch von ihrem langjährigen Vorgänger, Rainer Steinkamp, gestaltet und damit auch geprägt wurde, bevor er sich, zumindest pekuniär, nach Wolfsburg verbesserte. Also doch so ein bisschen die ominöse Sieben, die im richtigen Leben längst auf die so anders spektakuläre Drei geschrumpft ist. Fakt allemal: nach acht Jahren ist Schluss, die Frau Kapitänin – gibt’s das eigentlich, wie das Wort Bundeskanzlerin – verlässt Hamelns Theaterschiff, geht am 1. Mai sozusagen von Bord, um in Bremerhaven das Kulturamt zu übernehmen. Immerhin: eine Hafenstadt, um das mit dem Kapitän mit dem angehängten „in“ zu rechtfertigen. Für Starke bedeutet das: wieder zu Hause zu sein, von wo aus sie den Locktönen des Rattenfängers folgte. Und endlich auch den Status Wochenendehe aufgekündigt. Sozusagen: wieder im heimatlichen Hafen gelandet und festgemacht.

Die Kapitänin verlässt das Theaterschiff

Was Hameln betrifft – immerhin: auch Weser – kein Groll, kein Zerwürfnis. Schlicht: genutzte Gelegenheit. Noch einmal das eigene Leben – die Karriere – umzukrempeln. Die Seite zu wechseln. Allemal spannend von pro zu kontra gewechselt und so grundsätzlich verschiedenen Herren – die auch Frauen sein können – gedient. Überraschend kovertiert von der Kunst zu ihrer Verwaltung. Keine nur erfreuliche Geschichte. Das könnte sogar so als „G’schmäckle“, fast wie Verrat erscheinen – und ist es bei unserer Starke, und das „unser“ wie einen Orden angeheftet, garantiert nicht. Weil sie nicht einmal so denken könnte. Weil ihr Kunst – Bühne sicher noch mehr als Literatur und bildender Kunst – schlicht Bedürfnis ist, die künstlerisch, aber auch verwaltungstechnisch versorgt werden soll, muss – und für Starke: auch kann. Es muss viel zusammen kommen, um der Kunst zu dienen. Und genau das will sie. Dienen – soll ja auch mal eine Maxime für Beamte gewesen sein. Und ganz sprichwörtlich preußisch der „olle Fritz“ als „erster Diener“ seines Staates. Lang lang ist’s her – aber für eine Starke schlicht Gegenwart. Und natürlich keine „alte Starke“ analog „Alter Fritz“, weil sie verdammt jung geblieben ist – auch als Rotary-Präsidentin und joggend in der Gemarkung.

Und die Frage „Hameln schon weit weg?“ schiebt sie lächelnd weg – und antwortet eindeutig: „Überhaupt nicht.“ Voller Einsatz, weil einfach noch zu viel zu entscheiden war, ein Termin den nächsten verdrängte. Ein bisschen Euphorie ist spürbar. Balance zwischen neuem Job, der so anders sein wird und sicher die Gedanken beherrscht – und das vertraute Verhältnis. Man kennt sich – weiß, was nötig ist. Quasi ein altes, aufeinander eingespieltes Ehepaar.

Dennoch die Frage: „Was bleibt von acht Jahren Rattenfängerstadt“? Und eine letztlich überraschende Antwort – weil ja auch konkrete Erfolge, Erfolgszahlen zu bilanzieren wären. Und typisch Starke, deren Stärke nicht im spektakulären Erfolg, im spontanen Applaus – natürlich auch! – zu suchen ist. Schlicht und bescheiden: „Die Öffnung des Theaters für neue Publikumsschichten.“ Das sagt sich so leicht – und nichts ist so schwierig. Vor allem in Hameln. Der, wie sie sagt, anfängliche Schock über die Altersstruktur der Abonnenten und die nicht ganz unbegründete Angst, das Publikum könnte ihr wegsterben – was es naturgesetzlich auch tut, wenn auch immer später – die Erkenntnis, dass die Alten nachwachsen. Es sind nun mal nicht die Jungen, die sich aufs Abo einlassen.

Starkes Erfolg: Vierzigjährige, die mittlerweile zu den Konzerten kommen. Und noch Jüngere, die das Tanztheater besuchen, auch die beliebten Aufführungen der Maskentheater, die sie etablierte. Vor allem aber ihr „Kind der Liebe“, die speziellen Tanztheatertage, zuletzt mit der Sieben im Titel. Da hat, wie die scheidende Chefin feststellt, ein Wandel stattgefunden. Aber auch – fast ein bisschen bitter, zumindest verwundert, dass Neuerungen in Hameln extrem lange Zeit beanspruchen. Einen langen Atem voraussetzen. Als Starkes Vorgänger Steinkamp überfällig Aufführungen am Wochenende auf den Spielplan setzte – was bei Theatern ganz selbstverständlich ist, aber über 30 Jahre unter Günther Hoinka Hamelner Tabu – blieben zunächst die meisten Stühle leer. Was sonst Selbstläufer und sonntags mit zwei Vorstellungen war hier Neuland. Auch heute noch, so Starke, ist es nicht einfach, die Wochenenden theatertauglich zu gestalten. Auch wenn sich da viel gebessert hat – und mit dem Spielplan sanft nachgeholfen wird. Mit Stars vor allem, die vom Fernsehen bekannt sind, oder Nischen, die ihr Publikum auch an Sonn- und Feiertagen anziehen.

Ein wichtiges Thema auch: geschrumpfte Etats. Fritz Kortner, der große Schauspieler und Regisseur nannte die Münchner Kammerspiele einmal ein „jüdisches Theater“, weil, wie er sagte, der Etat beschnitten würde. Was Starke ärgert: das probable – anscheinend so gerechte – Gießkannenprinzip. In Prozenten gerechnet: was bedeuten zehn Prozent, einfach so, ohne praktische Erfahrungswerte einzubeziehen. Natürlich wird auch sie, wie sie einschiebt, als Kulturchefin in Bremerhaven die eine oder andere bittere und auch unpopuläre Entscheidung treffen müssen – so sehr sie dafür kämpfen wird, dass kulturelle Leistungen nicht eingeschrumpft werden müssen. Kein einfaches Thema. Wenn beispielsweise in Amerika von Anfang an auf Sponsoring gesetzt wurde – Starke durfte das in Seattle mit einem Symposium zu Kindertheater hautnah miterleben – hat Deutschland die Kultur als staatstragend unter die Fittiche des Bundesadlers genommen. Mit der Vorgabe, dass damit auch unsere Klassiker auf unseren Spielplänen zu finden sind. Kulturauftrag als Zauberwort und Begründung für Subventionen. Als die Dewezet ihr vor zwei Jahren in einem Kommentar vorgeworfen hat, den Kulturauftrag schmählich vernachlässigt zu haben mit einem Spielplan, der in erster Linie populär und kassenträchtig war, hat sie sich zwar, wie sie sagt, furchtbar geärgert – aber: den jetzt letzten Spielplan mit Klassik nur so zugepflastert. Unter dem Generaltitel „starke Frauen“ tummelte sich von „Antigone“ über „Minna“ die „Courage“ bis „Nora“ so ziemlich alles, was klassisch relevant ist. Auch bei den Männern von „Lear“ bis „Danton“. Und bis auf Antigone vorgeführt, dass Klassik auch nicht alles ist und heutige Inszenierungen so ihre Probleme damit haben. Die Crux: Vieles, was vom Hamelner Theater eingekauft wird – frühzeitig geordert werden muss – ist zunächst nur als Absichtserklärung vorhanden. Und Starke bekennt, dass sie einiges, hätte sie es vorher gesehen, nie auf unserer Bühne gelandet wäre. Aber auch das: Das Live-Erlebnis muss, wie sie sagt, das Scheitern aushalten. Sozusagen das Debakel als natürliche Folge lebendigen Theaters. Bleibt für die Kritik immer die Frage nach der Art des Scheiterns, das ja durchaus respektabel engagiert oder einfach nur modernistisch dumm sein kann. Auch ungekonnt.

Was das Sponsoring in deutschen Landen betrifft, ist es zurzeit, wie Starke bedauert, rückläufig, so sehr die Wirtschaft floriert und die Geschäfte brummen. Dabei, davon ist Starke überzeugt, ist Sponsoring auch im Marketing-Bereich Erfolg versprechend. Ein investierter Euro schlägt, so Berechnungen, mit 1,50 Euro zu Buche – positiv. Ein kleines Hotel kann in Hameln vom Theater leben. Was Kunst für eine Stadt bedeutet, müsste einmal – vom Friseur, Kleidung, Essen, Taxen und was sonst noch – konkret berechnet werden. Und eines ist für die scheidende Theaterleiterin ganz klar: „Was wäre Hameln ohne die Kunst. Kunstkreis, arche, Sumpfe, Lalu, die Kirchenkonzerte – natürlich das Theater – und vieles mehr eingeschlossen.

Und natürlich für ihr Theater Höhepunkte erinnert. In ihrer letzten Saison beispielsweise „Schmerzliche Heimat“ – auch von der Dewezet bedingungslos bejubelt – auch wenn nur rund 200 Besucher es sahen, die aber reich belohnt wurden. Dabei – so Starke: So schmerzlich das Thema berührt, war es auch ein unterhaltsamer Abend. Selbst in seinen bittersten Stücken reklamierte ein Brecht 90 Prozent Unterhaltung.

Ganz wichtig für Starke, weil Unterhaltung das Stichwort liefert: das Innenverhältnis des Theaters, das wie selbstverständlich auch nach außen wirkt. Ein gutes Team – nicht, weil man sich nett fände: Wie beim Fußball, gutem zumindest, übernimmt jeder Verantwortung. Es ist das Team, das überzeugt. Und der Fisch beginnt alleweil am Kopf zu stinken. Was dagegen hilft: Man muss zuhören können, Gesprächspartner sein. Theater, so verspielt es natürlich ist: ernstnehmen. Das gilt, so Starke, auch für die Verwaltung als Bindeglied zwischen Amt, Politik und den Kultur-Institutionen.

Rattenfänger hat mehr Potenzial

Sorgen bereitet Starke die Tendenz, Landesbühnen aufzugeben. So sehr Bespielbühnen ohne eigenes Ensemble, wie auch Hameln, „nassauern“, weil ihr Vier-Sparten-Betrieb nur einen Bruchteil dessen kostet, was ein Theater mit eigenem Ensemble für den Betrieb braucht – auch die Landesbühnen, auch Detmold, das für uns gar nicht zuständig ist und dennoch als „Hausbühne“ länderübergreifend fungiert, braucht uns, so Starke. Und der Theaternachwuchs ganz besonders. Die heutigen Fernsehstars sind es, weil sie an Stadt- und Landesbühnen Erfahrungen sammeln konnten.

Brisante Frage an die scheidende Theaterleiterin: „Wenn Sie Dezernentin in Hameln wären, was würden Sie ändern?“, die sie eindeutig beantwortet: „Ich würde die Gesprächskultur ändern.“ Was Starke für sich entschieden anders machen wird, allerdings in Bremerhaven.

Der Rattenfänger – so kulturträchtig von den Grimms über zahlreiche Opern wie Hillers Komposition zu, immerhin, Ende-Libretto, Cerhas Rattenfänger, Zuckmayers Schauspiel, das immer noch auf seine Entdeckung wartet, der Pfeiffer als Musical, dazu Gedichte von Goethe bis Brecht. Und über allem: Brownings so hartnäckig von Hameln ignoriertes Gedicht „The Pied Piper of Hamelin“. Omnipotenz, die nicht abgerufen wird. Weil es, wie Starke ganz schlicht und praxisorientiert sagt, vor allem touristische Bedeutung hat.

Positive Nachricht – die sie allerdings nicht mehr live genießen wird: Die immer noch so grün grünenden Klos werden dem Aalto-Blau angeglichen. Pinkeln wird auf alle Fälle ästhetisch schöner werden.



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