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Warum Waldmäuse in Häusern auftauchen und im Wald nicht immer gern gesehen werden

Ach wie süß – oder doch nicht?

In Britta Raabes Garage hat sich ein Mäuschen eingerichtet. Meistens hält es sich versteckt, aber die angeknabberten Blumensamentüten, die nur noch Spelzen enthalten, verraten trotzdem die Gegenwart des Tierchens. Es ist eine Gelbhalsmaus mit großen Knopfaugen. Das weiß Britta Raabe, denn die Maus war auch im Sommer ihr Gast und wuselte im Garten herum.

veröffentlicht am 22.03.2018 um 18:54 Uhr

Foto: Bilderbox
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite
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Gelbhalsmäuse sind eigentlich Waldmäuschen. Doch die Winterskälte treibt sie immer wieder auch in Gebäude. Nicht mehr lange, und die Maus wird sich wieder nach draußen begeben, unter anderem, um mit der Fortpflanzung zu beginnen. Theoretisch kann eine einzige weibliche Maus die Urmutter von bis zu einer Million Familienmitgliedern werden. Dass es aber wirklich dazu kommen könnte, davor hat Britta Raabe keine Angst.

Obwohl Mäuse Kulturfolger sind und sich schon seit der Jungsteinzeit gern in Menschennähe aufhalten, sind sie in Dorf und Stadt eher selten geworden. Nicht nur moderne Giftköder und Fallen machen ihnen den Garaus, sie finden auch nicht mehr den Lebensraum vor, der ihnen früher selbst in der Stadt geboten wurde: weder Scheunen noch Dachböden mit Getreide, weder Ställe noch verwinkelte Häuser, in deren Zwischendecken sie es sich gemütlich machen könnten. Hauskatzen tun ihr Übriges und dazu die Steinmarder und Raubvögel, die sich vermehrt in Dorf und Stadt aufhalten und gierig auf das Erscheinen einer Maus warten, ihrer Lieblingsspeise. Aus Britta Raabes Gelbhalsmaus entsteht also sicher keine Millionenpopulation.

Es ist ja im Gegenteil so, dass man mancherorts Mäuse geradezu ansiedeln will, nicht unbedingt deshalb, um den Mäusen damit etwas Gutes zu tun, sondern als Futterquelle für Schleiereulen und Greifvögel. Britta Raabe hatte als Leiterin des Regionalbüros des Naturschutzbundes Weserbergland unmittelbar mit so einem Projekt zu tun. Ihr Team baute zusammen mit der Naturschutzjugend Rinteln in einer Bauernscheune eine „Mäuseburg“, ein durchaus gemütliches Heim für Mäuse in Form einer großen Kiste, angefüllt mit weichem Füllmaterial für den Nestbau. Diese „ökologische Futterstelle“ hilft der Schleiereule über den Winter, lässt aber den Mäusen auch noch eine kleine Überlebenschance.

Eine Rötelmaus erkundet aufmerksam die Umgebung. Foto: fn
  • Eine Rötelmaus erkundet aufmerksam die Umgebung. Foto: fn
Eine Gelbhalsmaus knabbert an einem Meisenknödel. Foto: dpa
  • Eine Gelbhalsmaus knabbert an einem Meisenknödel. Foto: dpa

Befragt man Christian Weigel, den Leiter des niedersächsischen Forstamts in Hessisch Oldendorf, zum Mäusethema, so erweist sich, dass er speziell in der kalten Jahreszeit nicht besonders gut auf die Mäuse zu sprechen ist. Anders als in menschlichen Siedlungen sind Mäuse im Wald ganz und gar nicht von Unterbevölkerung bedroht. Sie stellen selbst eine Art Bedrohung dar, nämlich für die jüngeren Bäume, deren Rinde sie auf der Suche nach Nahrung wegknabbern und damit ganze Anpflanzungen vernichten können. Speziell die Rötelmaus, die Bäume erklettern kann, richtet regelmäßig großen Schaden an. Sie benagt die Baumrinde, um an die Zuckerleitungsbahn der Bäume heranzukommen. „Das bringt die Bäume um“, sagt Christian Weigel, der deshalb seinerseits dazu beiträgt, die Population an Waldmäusen zu reduzieren, indem er, sobald das Gras wieder wächst, dort vergiftete Sonnenblumenkerne versteckt. Die befinden sich in einer Plastikfolie, die einen Duftstoff enthält, der die Mäuse anzieht, andere Tiere aber vom Fressen der Kerne abhält.

„Wir wollen die Waldmäuse natürlich nicht ausrotten“, so der Förster. „Sie sind ein wesentlicher Teil des Ökosystems und Beute für Eulen, Greifvögel und Wildkatzen.“ Aber von netten kleinen Begegnungen mit Mäuschen, wie sie Britta Raabe zu erzählen hat, davon will er nichts wissen. „Über Mäuse habe ich wahrhaftig nichts Lustiges zu erzählen“, sagt er. Dr. Nick Büscher, Vorsitzender des Nabus in Rinteln, muss ihm da bis zu einem gewissen Grad zustimmen. Beim Stichwort „Mäuse“ fällt ihm zu allererst die „Große Wühlmaus“ ein, auch „Schermaus“ genannt. „Wühlmäuse sehen so niedlich aus wie fast alle Mäuse“, sagt er. „Aber man kann sie nicht mögen, wenn man einen Garten hat oder sonst wie Land bebaut“, so Büscher.

Er selbst engagiert sich leidenschaftlich für Streuobstwiesen und kann allen, die Obstbäume pflanzen, nur den Rat geben, die Anwesenheit von Wühlmäusen nicht zu ignorieren. Sie lieben Baumwurzeln und knabbern selbst mehrjährige Bäume noch von ihren unterirdischen Gängen aus an. Vergiften würde er die Mäuse nun nicht, aber sein dringender Rat besteht darin, Obstbäume schon bei der Pflanzung durch einen Wühlmauskorb im Wurzelbereich zu schützen. Dann können sie ruhig auf den Streuobstwiesen leben, nebenbei als Leckerbissen für Vögel und kleine Raubtiere, die das Ökosystem insgesamt bereichern.

Britta Raabe mag nicht daran denken, dass ihre Gelbhalsmaus einem Raubtier zum Opfer fallen könnte. „Ich würde sie wirklich vermissen, wenn ihr etwas geschieht“, sagt sie. Das könnte sogar ihren beiden Meerschweinchen so gehen. Die leben in der warmen Jahreszeit in einem kleinen Gartengehege, wo sie einen Außenstall besitzen. Das Gehege erschien auch der Gelbhalsmaus ein sehr reizvoller Aufenthaltsort zu sein. „Im letzten Sommer zog sie kurzerhand bei den Meerschweinchen ein“, erzählt Raabe. Sie fraß deren Futter, baute sich ein Nest aus deren Stroh und durchstreifte von diesem Unterschlupf aus den Garten. „Die Meerschweinchen hatten nichts dagegen, die Vermieter zu spielen – und ich habe es auch nicht.“



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