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Abwärts am Seil aus 108 Metern

Oldendorf. Realistische Bedingungen für die Höhenretter aus Oldendorf und Hannover: Die Feuerwehrleute trainierten für ihre Einsätze an einer großen Windkraftanlage. Ein kräftiger Windstoß macht das Abseilen da schnell zu einer unfreiwilligen Karussellfahrt…

veröffentlicht am 21.07.2011 um 00:00 Uhr

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Sie sind Spezialisten der besonderen Art: die Höhenretter der Feuerwehren. Derartige Rettungsgruppen gibt es in Deutschland zumeist bei den Berufsfeuerwehren, aber eben auch bei der Freiwilligen Feuerwehr Oldendorf im Landkreis Hameln-Pyrmont. Wer diesen Job übernimmt, muss stets im Training sein, um fachgerecht helfen zu können, wenn jemand in großer Höhe – oder auch Tiefe – in Not geraten ist. Die freiwilligen Höhenretter aus Oldendorf und ihre Kollegen der Berufsfeuerwehr Hannover nahmen jetzt die Gelegenheit wahr, gemeinsam für den Ernstfall zu üben – und das natürlich unter extremen Bedingungen: an einer großen Windkraftanlage bei Oldendorf.

Seit gut drei Jahren hat sich eine enge Zusammenarbeit zwischen der Höhenrettungsgruppe der Ortsfeuerwehr Oldendorf und den Höhenrettern der Berufsfeuerwehr Hannover gebildet. „Wir haben seither öfter Übungen und Ausbildungen zusammen durchgeführt. Erst in diesem Jahr haben vier Höhenretter von uns an einem zweiwöchigen Lehrgang ,Retten aus Höhen und Tiefen‘ bei der Berufsfeuerwehr teilgenommen“, erklärt Oldendorfs Ortsbrandmeister Dirk Habenicht. Jetzt bestand also wieder Gelegenheit, zum Training am großen Windrad – ermöglicht von der Firma Landwind. Dafür könne man nur Dank sagten, betonte Habenicht: Strom liefert die Anlage an solchen Tagen für Stunden nicht. Die Flügel stehen still. Mit einer Nabelhöhe von 108 Metern sei die Windkraftanlage „ein besonderes Objekt, das für eine solche Übung nicht häufig zur Verfügung steht“, sagte der stellvertretende Leiter der Höhenrettungsgruppe der Berufsfeuerwehr Hannover, Nils Urban.

Zunächst standen ein gegenseitiges Kennenlernen der Höhenretter und einige Grundlagen auf dem Programm. Dabei ging es um dynamische und starre Seile, Karabinerhaken und Rollen, provisorische Flaschenzüge und vieles mehr. All dies gehört an Spezialausrüstung bei der Höhenrettung dazu. „Das ist nicht ganz billig, und wir müssen sehen, wie wir diese zusätzliche Ausrüstung finanzieren, zumal sie nicht zur Norm-Ausstattung der Feuerwehr gehört“, bemerkte Dirk Habenicht. Dann teilten sich die Höhenretter in zwei gemischte Gruppen auf. Eine stieg bis zur Gondel in 108 Meter Höhe auf. Nils Urban: „Beim Aufstieg muss der Retter darauf achten, seine Kräfte einzuteilen. Es nutzt nichts, die Leiter im Inneren hochzustürmen und oben bei einem möglichen Patienten vollkommen erschöpft anzukommen. Schließlich wartet dort erst die eigentliche Aufgabe der Rettung auf uns.“ Keine Frage: Für die Höhenretter ist absolute Fitness Pflicht.

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Die zweite Gruppe übte derweil die Rettung eines Verletzten in rund 15 Metern Höhe an der Leiter. In solch einem Fall hat die Sicherung sowohl des Retters als auch des Patienten oberste Priorität, bei den Seilen gibt es dann ein Last- und ein Sicherungssystem. Der Feuerwehrmann oder die Feuerwehrfrau – in Oldendorf gibt es unter den zwölf Mitgliedern zwei Frauen als Höhenretterinnen – muss dann zunächst an dem Patienten, der eventuell bewusstlos in der Leiter hängt, vorbeiklettern, um diese Systeme oberhalb anzubringen. Eine Aufgabe, die viel Sorgfalt erfordert. Dann muss der Verunglückte aus dem eigenen Sicherungssystem, das Techniker beim Besteigen eines solchen Turms immer mitführen müssen, befreit werden. Erst danach kann er zusammen mit dem Retter sicher zu Boden gebracht werden. Mindestens drei, besser fünf Höhenretter sollten ein Team bei der Rettung bilden, erklären die Experten. Und noch etwas kommt hinzu: Der möglicherweise Verletzte muss von den Feuerwehrleuten vor Ort medizinisch erstversorgt werden. „Wir können nicht auch noch den Rettungsdienst oder Notarzt zum Patienten bringen. Das ist für ungeübte Kräfte viel zu gefährlich“, erklärte Nils Urban. Erst wenn der Patient am Boden ist, können Notarzt und Rettungsdienst ihn versorgen.

Auch für die Retter etwas Besonderes war letztendlich das Abseilen außen am Windkraftrad aus 108 Metern Höhe. Zwei Mann hingen hier quasi am „seidenen Faden“. Ein kräftiger Wind machte diese Aufgabe nicht einfacher. „Wir haben uns die ersten zehn Meter kräftig im Kreis gedreht, bis wir in den Windschatten des Turms kamen“, berichtete Michael Matzat von der Berufsfeuerwehr. Doch am Ende hatten wieder alle Beteiligten sicheren Boden unter den Füßen. Gefährlich wurde es nicht. Die Rettung im Inneren nahm am Ende rund 30 Minuten in Anspruch. „Das ist eine akzeptable Zeit, zumal wenn der Verunfallte nicht ernsthafte Gesundheitsprobleme hat. Man muss sich bei solch einer Rettung aber auch immer auf ein sogenanntes Hänge-Trauma gefasst machen, das entstehen kann, wenn jemand längere Zeit in einem Gurtsystem bewegungslos hängt“, erklärte Brandamtmann Günter Schmitz, Ausbilder in Sachen Höhenrettung bei der Berufsfeuerwehr. Dann muss es schneller, aber dennoch sicher vorangehen.

Als sehr lehrreich bewerteten die Höhenretter aus Oldendorf und Hannover die Übung abschließend. Schließlich entspricht sie ihren tatsächlichen Einsätzen: Die Höhenretter rücken hierzulande nämlich nicht nur aus, um Bergsteigern zur Hilfe zu eilen, sondern auch, um Personen von Gebäuden, Industrieanlagen, Kränen und eben auch Windkraftanlagen zu retten.

Die Höhenrettungsgruppen sind dabei rar gesät im südlichen Niedersachsen: Es gibt sie bei den Berufsfeuerwehren Hannover, Göttingen und Braunschweig – und eben bei der Ortswehr Oldendorf. Gruppen beim Technischen Hilfswerk, dem DRK Clausthal-Zellerfeld und der Werkfeuerwehr K+S Kali GmbH kommen hinzu.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1996 war die Feuerwehr Oldendorf schon mehrfach bei Bergrettungen im Ith und am Hohenstein bei Zersen im Einsatz – zum ersten Mal am 20. Mai 2001 am Hohenstein. Dort hing ein abgestürzter Kletterer in der Wand. Seitdem wurden die Höhenretter immer wieder zu Einsätzen auch über die Gemeindegrenzen hinaus angefordert. Dazu gehört allerdings auch die Bergung von Leichen.

Zu einem eher kuriosen Einsatz kam es im Juli 2003, als im Hamelner Hafen junge Turmfalken von den Getreidesilos der Wesermühlen gerettet werden mussten. Zu den spektakulärsten Einsätzen der Oldendorfer gehört sicherlich die Rettung einer jungen Frau im Oktober 2008, die mit ihrem Segelflugzeug nach einem Absturz am Ith bei Bisperode in rund 15 Meter Höhe in Baumwipfeln festsaß und von den Spezialisten sicher zu Boden gebracht wurde. Die Bilder der Rettungsaktion wurden damals auch über die Region hinaus bekannt.

Eine gute Sicherung ist das A und O: letzte Vorbereitungen vor dem luftigen Einsatz.

Mark Bode (l.) und Gerd-Dieter Eggers bei der Übung im Inneren des Windrades.



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