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Absolute Sicherheit vor Zecken gibt es nicht

Jetzt beißen sie besonders hungrig zu, die Zecken auf Wiesen, am Waldesrand und unter Bäumen. Meistens ist so ein Zeckenbiss ja harmlos, doch wer Pech hat, wird dabei mit einer besonders heimtückischen Bakterienart infiziert, den Borrelien. So unheimlich und diffus die Krankheiten sind, die sie im Körper auslösen können, so unfassbar sind auch die Bakterien selbst, die sich geschickt verstecken und auf der Flucht vor Antibiotika und Körperabwehr sogar ihre Form wandeln können.

veröffentlicht am 08.07.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.01.2019 um 09:04 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

„Man weiß einfach, dass sie immer noch irgendwo im Körper stecken und jederzeit wieder ihren Spuk treiben können“, sagt Heinrich Fitzke, der als ein Betroffener die Selbsthilfegruppe für Borreliosekranke in Obernkirchen leitet. „Im Moment geht es mir ganz gut, aber besiegt sind die Borrelien noch nicht. Wahrscheinlich halten sie gerade ihren Winterschlaf und warten nur darauf, dass meine Widerstandskräfte schwächer werden.“ Zusammen mit seiner Frau Brunhild, die unter einer in den Auswirkungen nicht unähnlichen Krankheit, der Multiplen Sklerose leidet, lässt er sich regelmäßig von einer Heilpraktikerin behandeln, deren Methoden vor allem auf die Stärkung körpereigener Abwehrkräfte zielen.

Normalerweise begegnet man den Borrelien mit einer geballten Ladung an Antibiotika. Wird die Infektion rechtzeitig entdeck – eine rund um den Biss auftretende breitflächige Rotfärbung der Haut, die sogenannte „Wanderröte“, ist da ein Anzeichen – dann bestehen gute Chancen, weitere Krankheitsfolgen gleich im Keim zu ersticken. Doch tritt diese Wanderröte nur in etwa 60 bis 70 Prozent der Infektionsfälle auf, und häufig wird die Krankheit erst viel zu spät diagnostiziert. Menschen gehen zum Arzt mit unerträglichen Gelenkschmerzen, geschwollenen Gliedern, Fieber- und Schüttelfrostanfällen und können sich dann vielleicht gar nicht mehr erinnern, dass es Wochen oder gar Monate zuvor mal einen Zeckenbiss gab.

Hinzu kommt, dass viele Hausärzte zunächst andere Krankheitsursachen vermuten. Je länger die Borrelien unbekämpft im Körper verbleiben, desto häuslicher richten sie sich dort ein, verteilen sich weiträumig und nutzen ihre spiralförmigen Körper, um sich direkt durch Zellwände hindurchzubohren. Kommen Antibiotika-Attacken, ziehen sie ihre längliche Gestalt zu einer Kugelform zusammen und können so dem Angriff leichter entgehen. Sie verharren dann in einer inaktiven Phase – gar nicht viel anders, als die Zecken selbst, wenn sie nur durch einen Duftreiz auf ein Opfer aufmerksam werden – und sind dann praktisch unaufspürbar.

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Heinrich Fitzke und seine Frau Brunhild

Daher kommt es, dass so viele Menschen in der Schaumburger Selbsthilfegruppe von jahrelangen Krankheitsgeschichten erzählen können. Zwischen zwölf und 20 Teilnehmer treffen sich einmal im Monat in Obernkirchen, bei Vorträgen können es auch schon mal über 100 sein.

Ein Mann ist darunter, der bei zwölf verschiedenen Ärzten war, um sein unerklärliches Leiden behandeln zu lassen. Als er schließlich in der Schweiz auf einen Fachmann traf, saß er bereits im Rollstuhl. Eine jüngere Frau, von der Heinrich Fitzke berichtet, nimmt seit vielen Jahren Antibiotika ein, die ihr aber nicht wirklich helfen, sodass sie ständig unter Schmerzen und Schlaflosigkeit leidet. Ein anderer hat sich gerade entschlossen, sich der Naturheilkunde zuzuwenden, weil er allergisch auf Antibiotika reagiert und die wandlungsfähigen Borrelien bei ihm längst eine Resistenz entwickelt haben.

„Meine Zeit der Krankheit war eine Hölle“, erzählt auch Beatrice Schönhardt, Heilpraktikerin in Rinteln, die Glück hatte, dass ihr Hausarzt aufgrund ihrer rätselhaften Beschwerden eine Blutprobe einsendete, in der sich dann Antikörper auf Borrelien befanden. „Mein ganzer Körper kribbelte, meine Hände und Füße schwollen dick an, ich konnte nicht mehr liegen, ohne verrückt zu werden vor Schmerzen, und an Schlaf war kaum zu denken“, sagt sie. Ganz auf die Naturheilkunde eingeschworen und mit ihrem Heilpraktikerwissen im Hintergrund, las sie sich durch die Literatur, begann schließlich eine Behandlung mit den Säften einer Distelblume, der Karde, und setzte auf eine Reinigung des Körpers, auf Rohkosternährung und Kräuter zur Stärkung der Abwehrkräfte. Nach einem dreiviertel Jahr ging es ihr wieder gut, Tests auf den Nachweis von Borrelien blieben negativ.

„Meine Hausärztin hat mich bei all diesen Maßnahmen wunderbar unterstützt“ so Beatrice Schönhardt. „Aber später sagte sie mir, sie habe nicht daran geglaubt, dass man die Borreliose nur mit Naturheilkunde in den Griff bekommen könne.“ Der Rintelner Allgemeinmediziner Otfried Müller, der von der Selbsthilfegruppe zu einem Vortrag eingeladen worden war, er hätte das wohl auch nicht anders gesehen als seine Kollegin.

„Man sollte die klassische Antibiotika-Kur und naturheilkundliche Behandlungsmethoden nicht gegeneinander ausspielen“, sagt er. „Sie können sich, im Gegenteil, gut ergänzen.“ Sollte eine Borreliose schnell identifiziert worden sein, sei es gefährlich, auf die Bekämpfung durch Antibiotika zu verzichten. Dazu würde er niemals raten. Doch wenn die Krankheit verschleppt wurde, und die Bakterien sich in für die Schulmedizin unerreichbare Körperräume zurückgezogen hätten, könnten die Methoden der Naturheilkunde erheblich dazu beitragen, körpereigene Abwehrkräfte zu reaktivieren.

„Das ist hier so ähnlich wie bei Krebserkrankungen“, meint er. „Das Immunsystem muss gestärkt werden, positives Denken ist sehr hilfreich. Je mehr man von den Hilfemöglichkeiten überzeugt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch wirklich anschlagen.“

Das eigentliche Problem bei der Borreliose läge in der großen Schwierigkeit, sie überhaupt als solche zu diagnostizieren. Wenn keine Wanderröte vorgelegen habe – die sicherste aller Diagnosen – sei man auf Testverfahren angewiesen, die alle ihre Nachteile hätten. Es könne vorkommen, dass man eine Borreliose dort identifiziere, wo es sich in Wirklichkeit um eine Allergie oder andere Vorerkrankungen handle; oder man verkenne die Infektion und erhielte einen negativen Befund, obwohl es sehr wohl Borrelien im Körper gäbe. „Hier sehe ich Unterstützungsmöglichkeiten durch naturheilkundliche Verfahren wie zum Beispiel die Bioresonanztherapie, die durchaus Aussagen über pathogene Prozesse im Körper liefern kann.“

Beatrice Schönhardt und Heinrich Fitzke verzichteten auf Antibiotika. Die eine scheint geheilt zu sein und bietet ihren Behandlungsweg jetzt auch in ihrer Praxis an, der andere muss weiterhin darauf gefasst sein, einen erneuten Krankheitsschub zu verkraften. Die meisten Mitglieder der Selbsthilfegruppe in Obernkirchen sind weiterhin auf der Suche nach endgültiger Heilung.

So eigenartig und undurchschaubar sind die Borrelien, dass sich längst Verschwörungstheorien gebildet haben und so mancher annimmt, die Bakterien seien in den 1970er Jahren in einem amerikanischen Forschungszentrum auf der Insel „Plum Island“ für Kriegszwecke gezüchtet worden und von dort entwichen.

Hilfreich sind solche Theorien gewiss nicht. Die beste Methode, sich gegen eine Borreliose zu wehren, ist diejenige, es gar nicht erst zu einer Infektion kommen zu lassen. Eine Impfung wie gegen die ebenfalls von Zecken auf den Menschen übertragbare Hirnhautentzündung (FSME – Frühsommer-Meningoenzephalitis) gibt es nicht. So kann man allen, die viel im Garten arbeiten, die gerne Waldwanderungen unternehmen oder sich überhaupt oft in der Natur bewegen, nur anraten, sich gegen Zeckenbisse zu schützen.

Helle Kleidung anziehen, die möglichst keine Hautpartien freilässt und auf der man die dunklen Krabbeltiere leichter erkennen kann; feste Schuhe statt Sandalen tragen; ätherische Öle nutzen, durch die Zecken abgeschreckt werden können – das sind Möglichkeiten, die Wahrscheinlichkeit eines Zeckenbisses zu verringern.

Zudem suchen die Sauger sich erst eine geeignete Körperstelle, bevor sie sich festbeißen. Nach einem Spaziergang also den Körper gut absuchen, vor allem unter den Armen, an den Kniekehlen, in der Halsbeuge und zwischen den Beinen. Hat sich ein Tier bereits verbissen, ist die Zeckenzange ein geeignetes Werkzeug, um es zu entfernen, ohne dass es im Todeskampf sein gesamtes Gift und damit auch die Bakterien in den Körper entlässt.

Muss man nun Borreliose-Panik bekommen und sollte man sich lieber gar nicht mehr in Wald und Feld hinauswagen? Das niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit geht davon aus, dass durchschnittlich etwa neun Prozent aller Zecken in Niedersachsen die Borreliose übertragen können. Dabei würden etwa drei bis sechs Prozent der Betroffenen infiziert, bei nur etwa 0,3 bis 1,4 Prozent breche die Krankheit dann auch wirklich aus.

Auf der Internetseite www.laves.niedersachsen.de finden sich Hinweise, wie man im Fall einer vermuteten Infektion vorgehen sollte. Auch die Selbsthilfegruppe Borreliose-SHG, die sich in Obernkirchen in den Räumen der BKK 24, Am Ziegeleiweg 3, trifft, steht unter (0 57 24) 97 10 für Fragen zur Verfügung.

Ein Zeckenbiss, den hatte wohl jeder schon mal, der gerade im Sommer viel in der Natur unterwegs ist. Doch so ein Biss kann große Auswirkungen haben – wenn Bakterien übertragen werden, die die Krankheit Borreliose übertragen. Zu den Selbsthilfetreffen in Schaumburg kommen schon einmal Hunderte Betroffener.



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