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Markus Götz fotografiert tot geborene Babys

Abschied vom Sternenkind

Ein schlichter Umschlag aus Pappe, verschnürt mit einer Kordel, so überreicht Markus Götz die Fotos an seine Auftraggeber. „Ich mache immer eine Kordel um den Umschlag“, sagt er. „Die Bilder, die ich übergebe, sind ja nicht so was wie Urlaubsfotos, die man sich aus der Drogerie abholt.“ Die Kordel muss man aufschnüren. Will man das Bild wirklich sehen? Das Bild vom „Sternenkind“, vom erhofften Kindchen, das aber nicht lebt? Das Foto eines winzigen toten Wesens.

veröffentlicht am 15.01.2018 um 08:41 Uhr
aktualisiert am 15.01.2018 um 13:50 Uhr

Die Bilder sollen Trost spenden und helfen, den Schmerz zu verarbeiten. Foto: Dein-Sternenkind.org
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Sternenkinder“, dieser poetische Ausdruck ersetzt so nüchterne Begriffe wie „Fehlgeburt“ oder „Abort“. Das entsprach offenbar dem tiefen Bedürfnis vieler Eltern, die es hinnehmen mussten, dass niemand den Tod eines Fötus, der keine 500 Gramm wiegt, wirklich ernst nehmen wollte. Erst seit dem Jahr 2013 ist es möglich, solche „Sternenkinder“ standesamtlich registrieren zu lassen, erst seitdem besteht das Recht, sie regulär zu beerdigen. Damit wurde auch der Trauer um das Ungeborene Raum gegeben. Und genau da bieten Fotografen wie der Hamelner Markus Götz ihre Hilfe an.

Er gehört zur Organisation „Dein Sternenkind“, ein Zusammenschluss von insgesamt etwa über 500 Fotografen, die ehrenamtlich dafür bereitstehen, ein professionelles Foto vom toten Kind zu machen. Manchmal werden sie tatsächlich zu Eltern gerufen, die den Anblick eines nur wenige Monate alten „Sternenkindes“ nicht vergessen wollen. Markus Götz zeigt das Foto eines fast außerirdisch wirkenden Winzlings, der ohne Weiteres Platz auf einer Handfläche findet. Die meisten Betroffenen aber nehmen das Angebot für solche „Sternenkinder“ an, die bereits ein Alter erreicht haben, in dem sie theoretisch auch hätten überleben können.

Es fällt nicht leicht, sich diesem Thema zu stellen. Dass Kinder tot geboren werden und ihre Eltern so unglücklich sein müssen, ist traurige Vorstellung genug. Dazu aber kommt, dass die meisten dieser Babys keineswegs niedlich aussehen. Man sieht ihnen oft an, dass sie gelitten haben, Missbildungen aufweisen und ganz und gar nicht „fertig“ sind. „Ja, so ist das“, sagt Markus Götz. „Genau deshalb sollte auch nicht irgendwer einfach ein Foto knipsen. Das würde vermutlich ein Horror-Bild ergeben.“

Eltern wollen den Anblick ihrer Sternenkinder nicht vergessen. Foto: Dein-Sternenkind.org
  • Eltern wollen den Anblick ihrer Sternenkinder nicht vergessen. Foto: Dein-Sternenkind.org
Verschnürt mit einer Kordel werden die Fotos den Eltern überreicht. Foto: Götz
  • Verschnürt mit einer Kordel werden die Fotos den Eltern überreicht. Foto: Götz
Vier Sternenkinder hat Markus Götz bereits fotografiert. Foto: cok
  • Vier Sternenkinder hat Markus Götz bereits fotografiert. Foto: cok

Fotografen wie er behandeln die „Sternenkinder“ wie ein Model, das in Szene gesetzt wird. Nicht nur das Licht, die Haltung, der Blickwinkel sollen stimmen, die ganze Inszenierung des Bildes soll dazu geeignet sein, Trost zu spenden und eine Erinnerung zu gestalten, die hilft, den Schmerz zu verarbeiten. „Das Foto muss schön werden. Sonst würde man es ja nie ansehen“, so Markus Götz. Das „Sternenkind“ liegt dann im Arm der Eltern oder in einem Weidenkörbchen, oder es ist so von Decken umhüllt, dass man meinen könnte, hier schlafe ein Baby, das gleich die Augen aufschlagen wird.

„Ich weiß, dass viele Menschen diese Art der Fotografie abwegig finden“, sagt Götz. „Aber man muss die Eltern gesehen haben, die Frauen, in deren Leib das Kind heranwuchs. Das Fotografieren ist eine Art des Abschiednehmens. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod, dem man sich stellt.“ Seine Erfahrung sei durchweg die, dass die Eltern froh sind über die Fotos von ihrem „Sternenkind“.

Nochmal zeigt er eine seiner Aufnahmen, ein Schwarz-Weiß-Bild von winzigen Händen, die von den großen Händen der Eltern gehalten werden. Man erkennt, dass die Händchen nur zu einem toten Baby gehören können. Und doch bringt die Aufnahme die Beziehung der Eltern zu dem Totgeborenen so zum Ausdruck, dass von dem Bild tatsächlich etwas Tröstendes ausgeht. Als sei es besser, dieses Erlebnis gehabt zu haben, als wenn das „Sternenkind“ niemals existiert hätte.

Markus Götz, von Beruf Mediengestalter, stieß vor zwei Jahren durch Zufall über Facebook auf die Organisation „Dein Sternenkind“, die bundesweit nach Fotografen suchte (und wegen der großen Nachfrage immer noch sucht). Da Freunde von ihm zur selben Zeit ein Kind verloren hatten und es sehr bedauerten, dass sie nur einen Fußabdruck, aber kein Bild des Kindes besaßen, entschloss sich der leidenschaftliche Hobbyfotograf, sich für „Dein Sternenkind“ zu bewerben. Damit wurde er Teil eines weit gespannten Fotografen-Netzes, welches ermöglicht, dass alle Eltern, die ein Foto wünschen, innerhalb des engen Zeitfensters, in dem das Fotografieren noch sinnvoll ist, versorgt werden.

Jeder der Fotografen gehört, zusammen mit Kollegen, zu einem „Alarmkreis“ von etwa hundert Kilometern Durchmesser. Durch eine Handy-App werden sie über den Fototermin informiert. „Seit 2015 läuft das perfekt durchorganisiert ab und so, dass die Eltern sich um nichts kümmern müssen“, betont Götz. Immer mehr Hebammen, Ärzte, Krankenschwestern und Bestatter wissen über „Dein Sternenkind“ Bescheid und erzählen den Betroffenen davon. Über tausend Fotos wurden allein im letzten Jahr gemacht.

Markus Götz selbst war bisher vier Mal der Fotograf für ein „Sternenkind“, und ein weiteres Mal wurde er zur Beerdigung eines Winzlings gerufen, dessen Körper noch vor wenigen Jahren als Krankenhaus-Sondermüll entsorgt worden wäre. „Nein, es ist kein normaler Job“, sagt er. Immer wieder neu muss er sich bemühen, die nötige Distanz zu wahren und sich nicht in die Trauergefühle hineinziehen zu lassen. „Nur so kann ich wirklich hilfreich sein, auch bei den Gesprächen mit den Eltern“, erklärt er. „Man ist der ruhende Pol und hofft, dass etwas von dieser Ruhe auf die Eltern übergeht.“

Wie alle anderen „Dein-Sternenkind“-Fotografen auch, gibt Markus Götz die Rechte an den Fotografien an die Eltern ab, die aber manchmal eine Veröffentlichung gestatten. Niemals würde er um eine Spende bitten, auch wenn viele von sich aus etwas spenden und so meistens die unmittelbaren Unkosten gedeckt werden können.

Kontakt: Über die Internetseite „Dein Sternenkind“ können sich interessierte Fotografen melden und Eltern oder Fachpersonal einen Fotografen beauftragen.

Das Fotografieren ist auch eine Auseinander-setzung mit dem Tod.

Markus Götz, Fotograf

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