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Die Überreste der Hingerichteten waren für allerlei Geschäfte gut

Aberglaube am Galgenberg

Die Hinrichtungsstätten vor den Toren der Städte waren seit alters her von Magie und Aberglauben umgeben. Solche Plätze errichtete man gern auf vorgeschichtlichen Grabhügeln, weil so die Seelen der Gehenkten den dort umgehenden heidnischen Dämonen anheimfallen sollten. Da sie in nicht geweihter Erde ruhten, waren sie nach Ansicht der Zeitgenossen auf ewig verdammt. Jede Stadt, jeder Ort, hatte bis in die frühe Neuzeit eine Richtstätte. In Hameln erinnert der Straßenname „Am Galgenberg“ daran, in Groß Berkel der „Todenberg“.

veröffentlicht am 17.11.2018 um 10:20 Uhr

Dieses 1622 erschienene Flugblatt zur Hamelner Rattenfängersage zeigt deutlich auch den Galgenberg östlich von Hameln. Foto: Archiv

Autor:

Victor Meissner
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Flur- oder Straßennamen wie Galgenberg, Galgenbühl oder Rabenstein weisen noch heute auf Richtplätze hin. Stets waren sie mit Attributen wie Galgen, Schafott und Rädern auf landschaftlich erhöhten, weit sichtbaren Stellen errichtet. An den Handelsstraßen stadtauswärts dürften diese Galgenhügel mit den im Winde schaukelnden Verbrechern ein bildhaftes Zeugnis aktiver Strafjustiz abgegeben haben. Ihr Anblick sollte allen zur Mahnung und als Abschreckung dienen.

In C.F. Feins „Entlarvter Fabel vom Ausgang der Hämelschen Kinder“ von 1749 gibt ein handschriftlicher Zusatz einen Hinweis auf die Lage der Hinrichtungsstätte: „Dieser Durchschnitt (durch den Koppenberg von Hameln kommend) machet zween mäßige Hügel, welche mit Büschen bewachsen sind. Auf dem zur Rechten, wenn man gegen Abend nach der Stadt hin siehet, ... hat ehedem ein Galgen, der itzt umgefallen, gestanden, auf dem zur linken aber stehet ein Pfahl.“ Ein weiterer Hinweis findet sich in der Stadtgeschichte von Friedrich Sprenger in der 1861 von Reitzenstein überarbeiteten Auflage: „Der städtische Galgen hat in der Nähe der Chaussee nach Hannover bei der Wallbaumschen Kalkbrennerei, also kurz vor dem späteren Güterbahnhof, auf einer Anhöhe gestanden, welche jetzt noch der Galgenberg genannt wird.“ Es wird noch erwähnt, dass dort wohl seit mehr als 100 Jahren keine Hinrichtung mehr stattgefunden hat und der Galgen gänzlich verschwunden ist – als das Gebiet nach dem Zweiten Weltkrieg bebaut wurde, fand sich auch im Boden nichts mehr, was auf die einstige Stätte hinwies. Lediglich der Straßenname ist geblieben.

Erhängen ist eine der ältesten und bis heute gebräuchlichsten Tötungsarten für Straftäter. In vorchristlicher Zeit war sie gleichzeitig Strafe und Abschreckung, aber auch als sühnende Opfergabe des Missetäters an die Götter. Daraus entwickelte sich im Laufe ein Aberglauben. Der „Opferplatz aus alter Zeit“ wurde zum Versammlungsplatz für Hexen, nächtens spukten dort die Geister der Erhängten umher. Wer den Mut aufbrachte, nachts unter dem Galgen zu schlafen, dem sagten die dort allgegenwärtigen Raben, Unglücksbringer im Gefolge des Teufels, im Traum die Zukunft voraus. Die einst dem Göttervater Odin geweihten schwarzen Vögel verkamen ab dem Mittelalter zu „Galgenvögeln“; sie brachten dem verrufenen Ort auch den Namen „Rabenstein“ ein.

as Straßenschild „Galgenberg“ in Hameln erinnert an die alte Richtstätte. Erklärungen zur Alraune im „Kreutterbuch“ von Andreas Matthioli (1590). Foto/Repro: V. Meissner
  • as Straßenschild „Galgenberg“ in Hameln erinnert an die alte Richtstätte. Erklärungen zur Alraune im „Kreutterbuch“ von Andreas Matthioli (1590). Foto/Repro: V. Meissner
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Um die Geister der Toten zu bannen, denen die ewige Ruhe verwehrt blieb – Selbstmörder und Verbrecher –, verstümmelte man ihre Leichen, ehe man sie begrub, häufte Steine über sie oder pfählte sie. Diente früher ein einfacher Ast, vorzugsweise der einer Eiche, als Galgen, gab es etwa beginnend mit der Regierungszeit Karls des Großen (747-814) meist zwei-, drei- und vierschläfrige Galgengerüste. Der aus Westernfilmen bekannte Kniegalgen war eher selten anzutreffen, da an ihm nur eine Person hängen konnte. Die Säulen, aus Holz oder Stein, standen häufig auf einer Plattform. Es gab auch hoch gemauerte Galgenfundamente mit Eingangstüren. Dahinter verbargen sich Knochengruben, angefüllt mit den herabgefallenen Resten der Erhängten. Tatsächlich war das lange Hängenlassen der Delinquenten Bestandteil der Strafe; das vorzeitige Abnehmen streng verboten. Im Sachsenspiegel, dem Rechtsbuch des Mittelalters, heißt es: „Den Dieb soll man hängen.“ Das Erhängen war eine „unehrliche“ Strafe, die ein christliches Begräbnis in geweihter Erde ausschloss. So wurden die „armen Sünder“ entweder auf dem Richtplatz verscharrt oder ihre Körperteile in die Knochengruben geworfen.

Die Henker benutzten ein Hanfseil oder eine Kette. Der Verurteilte wurde mit verbundenen Augen und gefesselten Händen von einer Leiter gestoßen, wobei sich die Schlinge durch die Körperschwere ruckartig zusammenzog, Luftröhre und Blutgefäße verschloss und der Tod relativ schnell eintrat. Manchmal halfen der Scharfrichter oder seine Gehilfen durch Ziehen an den Füßen nach. Der Verurteilte konnte jedoch auch langsam von den Scharfrichterknechten oder einem Pferd „aufgezogen“ werden, was den Eintritt des Todes hinauszögerte. Da hatte also wieder einer mit „des Seilers Tochter Hochzeit halten“ müssen. Ein älteres Werk gibt Auskunft über die weitere „Verwendung“ des toten Missetäters: „An dem Galgen hängt seit ein paar Monaten ein Dieb, der bald keinen Fetzen mehr an sich hat, und ganz verstümmelt ist. Der Fuhrknecht zwickt ihm die Theile der Finger ab, woran die Nägel sitzen, und läßt sie in den Handgrif der Peitsche einflechten, woraus, wie er glaubt, die gewisse Wirkung erfolgt, daß wenn die Pferde mit dieser Peitsche getroffen werden, sie den Wagen auch in dem tiefsten Morast nicht stecken lassen, sondern die letzten Kräfte anwenden, ihn heraus zu heben. Mit dem Diebesdaumen eines Erhängten sollen sich jegliche Schlösser mit Leichtigkeit öffnen lassen, was besonders für Diebe und Einbrecher von Nutzen sein sollte. Außerdem schütze er vor Entdeckung, glaubte man. Der Schankwirt legte ihn heimlich ins Bierfass, um den Umsatz zu steigern. Und gewinnsüchtige Spieler tragen ihn in eben der Absicht mit sich herum.“

Das Armesünderfett war Bestandteil vieler Hexensalben, aus den Fingerknöchelchen schnitzten die Glücksspieler unfehlbare Würfel und mit dem Totenschädel eines Verbrechers konnte man mit Blei von Friedhofskreuzen oder aus den Fassungen der Kirchenfenster durch die leeren Augenhöhlen eine nie fehlende Freikugel gießen. Das auf dem Schädel wachsende Moos war Bestandteil für ein Unsichtbarkeitselixier. Überhaupt dienten alle möglichen Leichenteile wie Hirnschale, ganze Hände, einzelne Finger, die Haut und auch die inneren Organe, gegen Krankheiten, Schutz- und Schadenzauber aller Art. Und ein Span vom Galgenholz sollte gegen die Verzauberung des Viehs helfen.

Neben dem einfachen Volk interessierte sich auch die Wissenschaft sehr für die baumelnden Verbrecher. Den medizinischen Fakultäten der Universitäten wurden nur wenige Leichen für die Anatomie zugestanden. So suchte man dieses Manko auszugleichen, indem man entweder frisch Verstorbene heimlich ausgrub oder, was einfacher war, sie nach der Exekution in der darauffolgenden Nacht vom Galgen abschnitt und stahl.

Manch wundersame Pflanze war auf dem Galgenberg zu finden, etwa das „Galgenmännlein“. Die Alraune (Mandragora), ein Nachtschattengewächs, das genau dort unter dem Galgen wuchs, wohin die letzten Samen- oder Urintropfen des durch den Strang Hingerichteten auf die Erde fielen, war wegen ihrer menschenähnlich geformten Wurzel ein begehrtes Objekt für vieles: Liebeszauber, Reichtum, Schutzzauber und anderes, so der Volksaberglaube. Andreas Matthioli, ein aufgeklärter Zeitgenosse, schreibt in seinem 1590 in Frankfurt gedruckten „Kreutterbuch“: „Die Theriackskrämer und Landstreicher haben ein Wurtzel feil getragen / die ist formirt wie ein Männle oder Weible / haben die Leute vberredet / sie sey schwerlich zu bekommen / müsse vnter dem Galgen mit sorglicher mühe außgegraben werden / darzu muß man einen schwartzen Hund haben / der sie an einem Stricke außreisse / der Gräber aber sol die Ohren mit Wachs verstopfen / dann so er die Wurtzel höret schreien / stehe er in Gefahr seines Lebens.“ Matthioli räumt mit dem Aberglauben auf: „Vnd sol nun der gütige Leser wissen / daß solche alraunwurtzlen ein lauter Fabelwerck / vnnd gemacht ding seyn.“ Da die Alraune hauptsächlich in den Mittelmeerländern wächst, half man hierzulande nach, indem „Theriakskrämer und Landstreicher“ einheimische Wurzeln mit dem Messer „nachgestalteten“, sie für einige Zeit vergruben, um sie dann als echt teuer zu verkaufen. Nichtsdestotrotz enthält das hochgiftige Nachtschattengewächs Mandragora officinalis Alkaloide, die „schöne Träume“ bescheren können und somit als Zutat für Hexen- oder Flugsalben diente. Und wer zauberkräftigen Farnsamen, wollte, lief um Mitternacht dreimal um den Galgen – dann sollte sie ihm der Teufel persönlich bringen.



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