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Wenn die Schutzblechfigur verzückt

Über Fahrradliebhaber und ihre Schätze

Die Wertschätzung für das Fahrrad verbindet eine Gruppe von Sammlern in Münster. Ihnen geht es um die „Leezenkultur“ nach 200 Jahren Radgeschichte. Ihre Schätze müssen nicht alt sein, sie sind fasziniert von seltenen technischen Details.

veröffentlicht am 08.06.2017 um 17:43 Uhr
aktualisiert am 08.06.2017 um 18:40 Uhr

Alexander Dahlhaus (li.) und Markus Uhlenbrock vom Verein „Leezenkultur“ aus Münster mit zwei historischen Fahrrädern – einem Miele-Basismodell aus den 1950er Jahren und einem Hochrad von 1887. Der passionierte Fahrradsammler Dahlhaus stemmt sich mit

Autor:

Carsten Linnhoff

Der Blick des Radlers nach vorne ist wie ein einzigartiger Fingerabdruck: Die Form des Lenkers, Klingel links, Handbremse, Lampe und weiter unten das Schutzblech – jeder Radbesitzer kennt die Details dieser Ansicht nach vielen Kilometern im Sattel. Am Chrom zeigen sich Abnutzungsspuren vergangener Zeiten wie vom Riemen einer Handtasche oder dem Henkel einer Milchkanne.

Alexander Dahlhaus (50) sammelt alte Räder. Er ist der Vorsitzende des Vereins „Leezenkultur“ in Münster und liebt diese Details. „Ein besonderes Rad meiner Sammlung ist ein tschechisches Rad der Marke Terra aus den 1950er Jahren, außergewöhnlich filigran und aufwendig lackiert“, sagt Dahlhaus. 2017, 200 Jahre nach Erfindung des Fahrrads, zählt sein Verein 30 Mitglieder. „Wir haben festgestellt, dass wir uns alle für historische Räder interessieren und den Verein 2009 gegründet“, sagt Dahlhaus. Vereinsziel: ein Radmuseum und Zentrum für Fahrradkultur für Münster. Der Vorsitzende und seine Mitstreiter wollen die Leezenkultur erhalten.

Leeze – wer neu nach Westfalen, ins Münsterland, zieht, stolpert zuerst über den Begriff. Er kommt aus der regionalen Sondersprache Massematte und steht wie das holländische Wort Fiets für Fahrrad. „Wir sind überwiegend aus Münster oder hier aufgewachsen, für uns war das Rad immer ein alltägliches Transportmittel“, sagt der Vereinsvorsitzende. Statistisch gesehen gibt es in Münster mit rund 500 000 Leezen doppelt so viele Räder wie Einwohner. „Das älteste, originale Rad in der Sammlung eines unserer Mitglieder stammt aus den 1910er Jahren, das genaue Datum wissen wir nicht. Es ist ein Rad der Marke Humber mit Petroleumlampe.“

Detailaufnahme eines Miele-Basismodells aus den 1950er Jahren. Foto: Guido Kirchner/dpa
  • Detailaufnahme eines Miele-Basismodells aus den 1950er Jahren. Foto: Guido Kirchner/dpa
Die Faszination geht von den Details aus. foto: Guido Kirchner/dpa
  • Die Faszination geht von den Details aus. foto: Guido Kirchner/dpa
Foto: Guido Kirchner/dpa
  • Foto: Guido Kirchner/dpa

In seinem Bestand hat der Vater von zwei Kindern zehn alte Räder, die Garage des Krankenpflegers ist voll mit Ersatzteilen. Seine Vereinsfreunde leben ihr Hobby unterschiedlich aus: „Der eine sammelt Schutzblechfiguren, der andere Klingeldeckel oder nur Dinge aus den 1980er Jahren.“ „Wenn man technisch interessiert ist, dann schaut man auch mal unter einen Klingeldeckel. Nicht nur der Besitz der Räder ist interessant, sondern das Wissen um die Technik.“ Und da beobachtet Dahlhaus wiederkehrende Trends. „Was wir heute an moderner Technik haben, gab es oft auch bereits früher, wie den Nabendynamo. Diese tolle technische Entwicklung stammt eigentlich schon aus den 1920er Jahren.“

„Mir geht es bei diesem Hobby um die Ästhetik.“ Dabei denkt Dahlhaus zum Beispiel an Räder einer bekannten Firma aus Gütersloh. „Miele hatte Gespür für Wertvolles, das ist für uns erhaltenswert. Und wir wollen das Schöne erhalten.“ Ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg aber stellte Miele die Produktion von Rädern ein und konzentrierte sich auf Haushaltsgeräte.

Die Vereinsmitglieder stemmen sich gegen den Trend, das Rad als selbstverständlich und als Gebrauchs- und Wegwerfgegenstand zu sehen. „Wir finden das schade“, sagt der Vereinsvorsitzende. In den 1950er Jahren sei es mithilfe eines Katalogs möglich gewesen, sich mit einem Extra-Ledersattel oder besserer Lichtanlage ein Statussymbol zusammenzustellen, erzählt Dahlhaus. Dafür habe der Radliebhaber dann aber auch zweieinhalb Monatsgehälter bezahlt.

Aus der 200-jährigen Radhistorie darf im Verein das Hochrad nicht fehlen. Besonders, weil der Verein seine besten Stücke immer wieder bei Straßenrennen und Veranstaltungen wie dem „Sattelfest“ in Telgte zeigt. Kein Original, sondern ein Nachbau ist im Besitz eines Vereinsmitglieds. Das Rad vorzuführen, ist aber nicht ganz ungefährlich. Für die Originale gab es Fahrschulen, in Kursen lernten die Besitzer das Aufsteigen. Freiheitsliebende Frauen auf dem Hochrad lösten Skandale aus. Im Gegensatz zum seitlichen Damensitz beim Reiten hatten sie jetzt etwas zwischen den Beinen – ojemine. Und warum war das Hochrad eigentlich so hoch? Dahlhaus hat eine einfache Erklärung. Bis dahin war die Fahrradkette noch nicht erfunden worden und die Pedale trieben das Rad direkt an der Achse an. Das ging nur mit einem entsprechend großen Durchmesser.

„Mich fasziniert, wenn ein Rad schon 70 Jahre oder älter ist“, sagt Vereinschef Dahlhaus, aber auch heute gebe es schöne Räder. „Wir verteufeln die Weiterentwicklung der Radgeschichte mit E-Bikes nicht. Ich kann mir den Kauf auch vorstellen, aber erst in ein paar Jahren.“

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