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Ein Versuch, dem leidenschaftlichen und universell gebildeten Wanderer Hans Jürgen von der Wense zu folgen

Über Abgründe zu letzten Fernen

Mit anderen Menschen gemeinsam wandern? – das wäre für Hans Jürgen von der Wense (1894-1966) ein absoluter Graus gewesen! Daher ist der „Deutsche Wandertag“ vom 15. bis 20. August nur sehr bedingt ein glücklicher Anlass, um auf diesen radikalen Einzelgänger aufmerksam zu machen. Aber immerhin ein Anlass. Und außerdem liegt die „Wandertags-Hauptstadt“ Detmold und liegen die im Programm vorgesehenen Exkursionen durchs Lipperland im Einzugsbereich von Wenses Wanderungen.

veröffentlicht am 14.08.2018 um 08:32 Uhr

Wer wandert, der wird selbst zur Landschaft, er wird Wolke oder Fluß.“ Foto: blauwerke Verlag Berlin

Autor:

Dr. E.-Michael Stiegler
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Eine Kostprobe: „Fuhr über Detmold zurück durch die kleinmeisterlich gearbeitete Keuperlandschaft; porzellanzart, von einer zerbrechlichen Anmut. In Blomberg noch eine Abendstunde, die Stadt das märchenhaft Weltfernste“ (Seite 287; wenn nicht anders erwähnt, wird hier aus Hans Jürgen von der Wense „Wanderjahre“ zitiert).

Hans Jürgen von der Wense soll an die 40 000 Kilometer zurückgelegt haben. Auf seiner „Flucht aus dem bürgerlichen ins wahre Leben (…), aus der Zufriedenheit in die unendlichste Sehnsucht“(367). Und diese Sehnsucht: abschweifend, ziellos und wie aus der Zeit gefallen, bezieht sich – es scheint paradox zu sein – fast ausschließlich auf die überschaubaren Mittelgebirgslandschaften des südlichen Niedersachsens, nördlichen Hessens sowie Ostwestfalens.

Sich selbst bestätigend, konnte Wense bis zu 55 Kilometer an einem Tag zurücklegen, denn „am Wanderer ist Feuerleben, ist Majestät! Nur draußen, in Sonne und Wetter werden die Gedanken reif.“ (301) Diese Gedanken hat er auf vielen tausend, nur notdürftig geordneten Seiten festgehalten.

Im Jahr 2006 erschienen: „Wanderjahre“ – der aus dem Nachlass zusammengestellte zweite Band einer Biografie von Hans Jürgen von der Wense. Foto: Stiegler
  • Im Jahr 2006 erschienen: „Wanderjahre“ – der aus dem Nachlass zusammengestellte zweite Band einer Biografie von Hans Jürgen von der Wense. Foto: Stiegler
„Zum Wandern gehört die innere Hingerissenheit“: Hans Jürgen von der Wense (1894–1966). Foto: blauwerke Verlag Berlin
  • „Zum Wandern gehört die innere Hingerissenheit“: Hans Jürgen von der Wense (1894–1966). Foto: blauwerke Verlag Berlin

Oder in Briefen, worin er zum Beispiel über Bad Pyrmont schreibt: nach „tagelanger Wanderung durch (..) herzerhebende Einsamkeit auf den nur von Lerchen bewohnten Höhen war die Stadt mit ihren eleganten und ängstlichen Kranken nur lustig. Es gab La Traviata, die ganze Stadt war Kulisse und das leerste Leben“ (293).

„La Traviata“ … Wense war als junger Mann ein erfolgreicher avantgardistischer Komponist. Diese Karriere kurz nach dem 1. Weltkrieg brach er allerdings ab. Danach schien er die Schöpfung, das All, Geschriebenes und Ungeschriebenes aufsaugen zu wollen. Sein enzyklopädisches (Forschungs-)Interesse machte auch nicht vor der „Fibel für Putzmacherinnen“ (369) Halt. In einem riesigen Ozean auch mitunter völlig abseitigen Wissens bewegte er sich als Schriftsteller, als Übersetzer, als Heimatkundler und war mit fast allen Wissenschaften beschäftigt („Zauberischer Morgen. Über Geographie gearbeitet … Im Taumel gelebt mit 1000 Augen. Die Wolken, die Wolken!!!“/147). Zu dem Wenigen, was er zu Lebzeiten veröffentlichte, gehören die „Gesänge der Uitoto“, ein indigenes Volk in Südamerika. Mit kleinen finanziellen Zuwendungen von Förderern konnte er dieses ungebundene Leben als Privatgelehrter und später als Wanderer führen. Er lebte asketisch, häufig ohne eigenen Wohnsitz, fand er bei Freunden Unterschlupf.

Bad Karlshafen im Jahr 1932: Hier ereignete sich eine weitere und gleichzeitig letzte „Lebenswende“ (Wense): „Dort, an seinem persönlichen ‚Äquator‘, erfährt er eine Art Initiation in die Feld-, Wald- und Wiesenkunde, der er seine ganze Kraft widmen wird.“ (Richard Kämmerlings, F.A.Z., 20.12.2007)

Ein wachsendes Lesepublikum fühlt sich angeregt, sich selbst auf die Spur des Wanderers zu begeben.

Dr. Harald Kimpel, Wense-Experte

Wer in den „Wanderjahren“ liest, muss darauf gefasst sein, seine eigene Heimat nicht mehr wiederzuerkennen; etwa hier: „Zu dick instrumentiert – beklemmend durch eine zu gleichmäßige dichte Schwere. Eine Wucht ohne Kunst. Hart und starr, daher ohne ‚Dau‘‚ und kein inneres Sinn-Bild.“ (58) Wovon ist hier die Rede? Vom Harz!

Wie anders sein lyrischer Ton angesichts der Teufelsquelle und Steinmühle an der Weser: „Viel Neues sah ich: eine pralle Felswand, aus der ein Springquell bricht und auf der Stelle eine Mühle treibt mit unermüdlichem Rade – und wunderreiche wie wunderwirkende Blicke: ich warf meine Augen über die Erde hin, und die Fernen weiteten sich wie Wellen nach einem Steinwurf“ (300).

Den Westen Hameln-Pyrmonts besuchte Wense mehrmals im Jahr 1953. „Ich fuhr in der Frühe fort, mit der neuen Kraftpost bis Pyrmont“ (282). Wo ihn eine freundliche Stadt empfängt: „Der Ort hat mich wieder sehr entzückt, diese labende Stille, denn Motorräder sind verboten und Autos dürfen nicht hupen (…), an die Waldecker erinnert noch alles, und nirgends fühle ich mich so grundwohl wie in einem kleinen ehemaligen Fürstentum“ (283).

Und dann die Umgebung von Bad Pyrmont: „… in dieser überhaupt nobelsten Landschaft, dem Weti-Gau, geschaffen und durchbrochen von der Ambra (gemeint ist die Emmer), die am Osning entspringt und bei Ohr in die Weser eintrinkt, wo ich das Sommerlager des Varus vermute und noch finden werde und will.“ (285) Und auf der Ottensteiner Hochebene: „Gehen und – mich gehen lassen (…), ich ging über die Hochfläche. Ihre ätherische Frische – hier ist immer Morgen, kraftvoll und rein“ (301). Ein weiterer Höhepunkt: „Schwalenberg ist so schön, soo schön, sooooo schön (…) traumzarte Fernen“ (281).

Mit solchen und ähnlichen Schilderungen gewinnt Wense inzwischen auch Leser, die sich nicht unbedingt wissenschaftlich mit seinem Werk beschäftigen wollen, wie der Wense-Experte Dr. Harald Kimpel weiß: „Ein wachsendes Lesepublikum fühlt sich angeregt, sich selbst auf die Spur des unermüdlichen Wanderers zu begeben und Orte von Wenses Lokalanalysen – die immer zugleich Weltanalysen waren – zu entdecken.“

Wense dachte und fühlte – kurz gesagt – ohne räumliche oder zeitliche Begrenzung, ihm tat sich eine „unermeßliche Welten-Flur“ (300) offener Horizonte auf und eine sich dehnende Zeit: „… aus der Zeitgeist-Öde ins Ewig-Unermessene (…). Ich sage: Lest nicht die Times, lest die Ewigkeiten!“

Bei allem zwischenzeitigen Stirnrunzeln während der Lektüre: Es dominiert der Respekt vor seinem Wissen und beispielsweise seinem Spürsinn für „historische Phantastica“(399). Es beeindruckt auf seltsame Weise, wie er sich auf einem vermutlich historischen, inzwischen längst überwachsenen Weg einen Pfad bahnt: „Dieser Weg ist längst verlassen, ungangbar, nicht immer aufgezeichnet, zuweilen erlischt er, man hält aber das cursum und schon erreicht man ihn wieder. Er ist oft nur Spur.“ (330) Und weiter: „Dieser Weg ist seit etwa 1300 aufgegeben und hat wohl seine Gängigkeit in der Zeit der Bronze gehabt.“ (330) Das „cursum“ hielt er mit seinen Messtischblättern, die er in fortgeschrittenem Alter mit der Lupe lesen musste.

Wenses Aussage: „In Göttingen kann man nur Terrorist oder Anarchist werden“ (87) mag sogar amüsieren; bedenklicher erscheint dieser Ausbruch: „Stadt mit den unsympathischsten Menschen in Deutschland: Professoren und Studenten-Empiriker. Entseelt, ratio, klug und beschränkt, borniert, alles unwitzig und verkrampfter Wahnsinn.“ (86) Wense, der keine Autoritäten anerkannte, ein Anti-Aufklärer? Dazu Harald Kimpel: „Er war aufklärungsskeptisch. Verstand, Vernunft und die daraus entstandenen Wissenschaften verwirft er als einen Selbstbetrug der Menschheit.“

Für Wense besaß Paderborn eine herausragende Bedeutung: „Was anderen Rom oder Paris, das ist mir Paderborn (…) an Idea, an Geist ihnen überlegen“ (258 f). Auch die sakrale mittelalterliche Baukunst der Romanik wird von ihm tief bewundert. Aber man täuscht sich, wenn man ihn als guten Katholiken und „frommes Lamm“ sehen möchte. Wenses „eigentliche“ Gedanken dazu wirken eher befremdlich: „Es ist die Aufgabe der Politik, Schweigen zu schaffen in der Welt, damit Gott reden kann.“ (100) Hierzu nochmal Dr. Kimpel: „In seinem Kosmos ist für herkömmliche Gottesvorstellungen kein Platz. Sakrales sieht er in der ‚heiligen Erde‘ aufgehoben, die er als ‚Erzpriester der Landschaft‘ in einer Art Gottesdienst durchstreifte.“

Sein grandioser genialer Monolog blieb zu Lebzeiten – fast – ohne Resonanz, ohne Widerhall. Was ihm in den letzten Lebensjahren ängstlich bewusst wurde: „Für wen habe ich denn gelebt, für wen schaffe ich, und wenn ich sterbe, für wen bin ich dann gestorben?“ (Seite 375)

Dass Hans Jürgen von der Wense weiterlebt, beweist die Homepage des Wense-Forums in Kassel (www.juergen-von-der-wense.de). Einen weiteren interessanten Zugang zu Wense und dessen Leben und Werk bietet im Internet das Dossier des Deutschlandfunks „Kein Raum in seiner Zeit“. Und wem 600 Seiten „Wanderjahre“ zu viel zum Kennenlernen sind, der wird bei den interessanten Broschüren des Berliner Blauwerke Verlags fündig (www.blauwerke-berlin.de): die alle weniger als eine Fahrt mit dem Stadtbus kosten!



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