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Ärgern verbindet und Schimpfen befreit

Die kleinen Jungen und Mädchen im Kindergarten der Rintelner Lebenshilfe lernen richtig gern. „Bei uns heißt Lernen nämlich nicht: Wir üben Rechnen, sondern: Wir spielen Halli-Galli“, sagt Angela Priesmeier, die als Ergotherapeutin mit den Kindern arbeitet. Wenn die Kleinen rund um den Tisch sitzen und lebhaft um die Wette bunte Früchte auf Spielkarten zusammenzählen, erinnert der Anblick an klassische Familiensituationen mit Mau-Mau oder Mensch-ärgere-dich-nicht. „Gemeinsam Spiele zu spielen hat so viel Gutes“, meint Angela Priesmeier. „Vor allem Kinder bringt es in ihrer Entwicklung voran.“

veröffentlicht am 14.01.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 15:02 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Damit meint sie nicht nur Kinder, die in die Lebenshilfe kommen, um Entwicklungsverzögerungen aufzuholen, damit sie dann die Grundschule besuchen können. „Meine Erfahrung beweist mir ganz konkret, dass man ganz nebenbei die verschiedensten Dinge lernt, wenn man spielt.“ Weil sie mitbekommt, dass in vielen Familien gemeinsame Spieleabende gar nicht mehr üblich sind, nutzt sie jede Möglichkeit, dafür Werbung zu machen. „Spiele sollen nicht absichtlich auf ein Lernen ausgerichtet sein“, sagt sie. „Das Wichtigste, was Kinder dabei voranbringt, ist die Kommunikation mit den anderen.“

Wer ein Spiel spielt, muss nicht nur die Regeln kennen, er muss sie auch anerkennen. Für Kinder ist es eine eindrucksvolle Erfahrung, dass sich alle an dieselben Vorgaben halten, die älteren Geschwister ebenso wie Mutter und Vater. Wenn die Jüngsten verlieren und weinend protestieren, dann kann sie der Hinweis auf die gemeinsamen Regeln oftmals wieder beruhigen. Und wenn nicht? „Nun ja, dann spüren sie, dass sie nicht ernst genommen werden oder sie dürfen vielleicht sogar nicht mehr mitspielen“, sagt die Ergotherapeutin. „Es gibt keine bessere Methode, den guten Sinn von Regeln zu erkennen.“

Dieser ersten Regelanerkennung folgen bald weitere Erkenntnisse: Dass Spielen Freiheiten eröffnet, die es in der nicht-spielerischen Kommunikation so oft nicht gibt. Man darf spöttisch sein und schadenfroh, auch den Eltern gegenüber. Wer will, erweist sich seinen Mitspielern gegenüber besonders gnädig (und zeigt damit auch seine Sympathie). Es ist aber ebenso erlaubt, gemeinen Verrat zu üben, die Koalitionen zu wechseln, jemanden, den man eben noch verschonte, nun in die Pfanne zu hauen. Nicht umsonst sind gerade Kartenspiele wie Mau-Mau und Uno, Brettspiele wie Mensch-ärgere-dich-nicht oder Malefiz immer noch in jeder Spielesammlung zu finden.

Diese Grunderfahrung des Spielens – dass man nämlich durch spielerischen Ernst eng mit den anderen verbunden ist –, sie verstärkt sich bei komplexeren Spielen, seien es solche, wo man gemeinsam eine Welt aufbaut, in der man aber auch gegeneinander um Rohstoffe und Reichtum kämpft, seien es Spiele, wo, wie beim Monopoly, scheinbar jeder nur sich selbst der Nächste ist, bis man versteht, dass man auch beim Handeln mal aus Klugheit nachgeben muss. Selbst wenn es ohne viel Umstände einfach um Sieg oder Niederlage geht, birgt das Spielen die Chance, andere ohne Groll als Stärkere anzuerkennen oder, im Gegenteil, den eigenen Ehrgeiz zu entfachen, um richtig gut zu werden als geschickter Mikado- oder raffinierter Schachspieler.

Angela Priesmeier setzt Spiele durchaus gezielt ein, um die Lebenshilfe-Kindergartenkinder da zu fördern, wo ihnen wichtige Bausteine fehlen, um später am Regelschulunterricht teilnehmen zu können. Dabei geht es um Gedächtnis- und Konzentrationstraining, um die Stärkung kognitiver Fähigkeiten wie das Zählen, Rechnen und die Zeichenerkennung, und auch um den Gleichgewichtssinn und die Motorik, etwa dann, wenn man einen Hindernislauf überwinden muss, um aus einer Schüssel voller Erbsen ein gesuchtes Teil herauszufühlen, das man dann zum nur über weitere Hindernisse zu erreichenden Ziel bringt. „Das Schöne ist: Den Kindern selbst erscheint das Spielen ganz zweckfrei zu sein – und das wollen wir doch alle beim Spiel: Dass es nur Spiel ist und nichts Zweckgerichtetes.“

Marion Sterner aus Hameln bestätigt diesen Gedanken. Sie hat nicht mit kleinen Kindern zu tun, sondern leitet den Hamelner Seniorentreff in der Alten Marktstraße, wo sich ältere Herrschaften regelmäßig unter anderem zum Spielen verabreden. In zweien der insgesamt 18 Gruppen treffen alte Menschen zusammen, deren geistige Kräfte bereits nachgelassen haben. Dann kommen all die Spiele von früher auf den Tisch, Brettspiele, Kartenspiele und auch Memory, die den alten Menschen nicht nur großes Vergnügen bereiten, sondern auch hier ihre Gedächtnis- und Konzentrationsfähigkeiten fördern und außerdem – sehr bedeutsam – immer neuen Gesprächsstoff bieten mit Erinnerungen an die Kindheit oder Gesprächen über die Bilder auf den Memorykarten.

Diejenigen Senioren, die keinerlei Anleitung von Marion Sterner brauchen, sie lieben vor allem die klassischen Kartenspiele: Canasta und Doppelkopf, Mau-Mau, Uno und natürlich Skat, dazu aber auch das Würfelspiel Kniffel und das Buchstabenspiel Scrabble. „Da steht das gemütliche Zusammensein im Vordergrund“, meint Marion Sterner: „Es gibt Kaffee und Kuchen, man lacht und plaudert und das Spielen ist der Anlass für diese schöne Geselligkeit.“ Richtig zur Sache auf Gewinn oder Niete gehe es eigentlich nur beim überaus beliebten Bingo. Wer dort gewinnt, kann sich bis zum nächsten Mal als Held fühlen und sackt auch einen kleinen Preis ein. Neue Spiele, wie sie jährlich in großer Zahl auf den Markt kommen, interessieren die Senioren laut Sterner nicht besonders.

Das nun ist im Rintelner Brettspielertreff „alludo“ ganz anders. Die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die sich zweimal monatlich im Gebäude der Touristinformation am Marktplatz treffen, sind ausgesprochen neugierig auf bisher unbekannte Spiele. Leiterin Sabine Semmler, die sich keine Spielzeugmesse entgehen lässt, schleppt immer wieder Neuheiten an, ebenso wie auch die Besucher Spiele mitbringen, um andere damit bekannt zu machen. Ganz zwanglos stößt man dabei in neue Spielwelten vor, zum Beispiel auch zu den Rollenspielen, die in der letzten Zeit immer mehr Freunde finden.

Das sind nicht mehr nur Spiele wie „Die Siedler“, sondern längst auch ganze Folgen von Spielen, die sich etwa um den Fantasy-Roman und -film „Der Herr der Ringe“ drehen. Während die einen die Geschichte ausspinnen, bauen die anderen fantasievolle Spielfelder aus, und aus diesem Zusammenspiel ergibt die die große Geschichte, die ständig fortgesponnen wird. Sehr gerne auch spielt man Spiele, die „Black Story“, „Green Story“ oder „Blue Story“ heißen und voller rätselhafter Abenteuer stecken, deren Fortgang man mithilfe eines „Moderators“ errät. Logisches Denken, phantasievolle Einfühlung und auch das Wissen um Naturwissenschaft, Märchen oder Sagen wird auf diese Weise erweitert, ohne dass etwas anderes als Spielfreude bezweckt war.

Sieht man sich in der Nachweihnachtszeit in den Spielwarengeschäften um, so fallen die durchaus großen Lücken bei den Gesellschaftsspielen auf. „Viele meinen ja, Computerspiele hätten die Brettspiele verdrängt“, meint Silvia Bräuer, Inhaberin der Rintelner „Spielzeuginsel“. „Aber das kann man so wirklich nicht sagen. Ich kenne kaum eine Familie, wo nicht wenigstens ein Gesellschaftsspiel verschenkt wurde.“

Silvia Bräuer kenne so einige Jugendliche, die sich regelmäßig bei ihr umsehen, um Spiele zu entdecken und dann zusammen in festen Freundschaftsrunden zu spielen, dazu auch junge Familien, die sich mit dem Grundstock an Kinderspielen versorgen: „Das verrückte Labyrinth“, selbstverständlich „Monopoly“ und „Trivial Persuit“ und schließlich auch – das kam im letzten Jahr besonders gut an – sogenannte XXL-Spiele, also Klassiker wie Mühle, Dame, Mensch-ärgere-dich-nicht auf sehr großen hölzernen Spielbrettern, an denen viele Spieler gleichzeitig Platz finden können und alle Generationen, vom kleinen Kind bis zu den Großeltern, problemlos Figuren erkennen und bewegen können.

Ständig werden neue Brettspiele erfunden, darunter solche, die Preise gewinnen und sich dann über Jahre hinweg einen Platz in den Spielzeugläden erobern. Ganz ohne Beratung und Erfahrung steht so mancher etwas hilflos vor dem übergroßen Angebot. Spielertreffs wie das „alludo“ sind da ein hervorragender Weg, um selbst Kriterien für gute oder nicht so gute Spiele und die eigenen Vorlieben ausfindig zu machen. Was aber gar nicht schiefgehen kann, ist, die alte Spielesammlung hervorzuholen und die ganze Familie mal wieder am Spielbrett oder zum Kartenspiel zu versammeln.

„Lachen, Fluchen, Ärgern und Frohlocken – das verbindet und hat was Befreiendes“, so Angela Priesmeier. „Und Spielverderber? Die meisten halten das gar nicht lange durch, einer zu sein.“

Spielen eröffnet ungeahnte Freiheiten.

Nirgendwo anders darf Schadenfreude so unverhohlen ausgedrückt werden wie

etwa beim „Mensch-ärgere-dich-nicht“.

In großer Runde zu spielen – und das ohne Computer – ist ein Gemeinschaftserlebnis. Und Lerneffekte stellen sich dabei so ganz nebenbei ein.



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