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96 auf Platz drei: „Knie nieder, Deutschland“

Vor der Saison ein fast sicherer Abstiegskandidat, am 25. Spieltag fünf Punkte vor Bayern München: Hannover 96 hat mit 3:1 gegen Bayern gewonnen – und liegt damit überraschend auf Champions-League-Kurs. Für die Fans scheint der europäische Fußballhimmel nach langen Jahren im fußballerischen Mittelmaß zum Greifen nah. Unsere Redaktion hat daher tief in die Herzen und Seelen der 96-Anhänger geschaut.

veröffentlicht am 11.03.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:15 Uhr

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Am Ende der letzten Saison sah es schlecht aus für 96. Die Mannschaft legte nach dem Freitod von Torhüter Robert Enke eine ungebremste Talfahrt hin und vermied den Abstieg aus der 1. Bundesliga am letzten Spieltag nur haarscharf, im Pokal blamierte man sich in der ersten Runde gerade bis auf die Knochen und flog im hohen Bogen mit 4:5 im Elfmeterschießen gegen den Viertligisten Elversberg raus.

Man muss sich die Situation damals vor Augen führen, um das Bittere in der Antwort von Joachim Schorling zu verstehen. Unsere Redaktion hatte zu Saisonbeginn 18 Fans der Bundesligateams um eine Einschätzung ihrer Mannschaft gebeten, Rintelns Volksbank-Chef Joachim Schorling musste für die 96-er ran, und damit für ein Team, das als 100-prozentiger Absteiger gehandelt wurde: wenn nicht Hannover 96, wer bitte dann?

Schorling flüchtete sich in eine Ironie, aus der die Enttäuschung des Anhängers in jenen Tagen deutlich durchschimmerte: Man habe den besten Stürmer der Welt (Mike Hanke!), überhaupt die beste Mannschaft, einen großartigen Trainer, einen überaus kompetenten Vorstand und Sportdirektor, nach dem Ausscheiden aus dem Pokal könne man sich nun auf die Liga konzentrieren, wo man oben mitspielen und am Ende einen Startplatz für einen europäischen Pokalwettbewerb belegen würde.

So sprach Schorling.

Dass der Papst zum Judentum konvertieren würde, schien in jenen Tagen deutlich wahrscheinlicher.

25 Spieltage später steht Hannover 96 auf einem Qualifikationsplatz für die Champions League; fünf Punkte vor Bayern München, denen man am Wochenende gerade mit 3:1 die Lederhosen ausgezogen hat.

Und Schorling genießt einen Ruf wie Donnerhall: als Fußball-Prophet.

Auch Veit Rauch ist 96-Fan, und weit schlimmer: Er muss sich der Öffentlichkeit stellen, er kann nicht davonlaufen. Denn jeden Dienstag steht der Inhaber der Fleischerei Rauch mit seinem Würstchenstand auf dem Marktplatz in Rinteln, seit Jahr und Tag, bei Wind und Wetter.

Und dann kommen sie vorbei, die Spötter und Anhänger der anderen und meistens deutlich höher in der Tabelle stehenden Clubs. Jahr für Jahr geht das schon so: Da ist der Lampenverkäufer aus Krankenhagen (HSV-Fan), da sind die bajuwarischen Schandmäuler (FC Bayern) und die königsblauen Revierpott-Fans, die seit anno ballermichtot von höheren Gefilden träumen (Schalke), die Schreihälse aus dem Pütt (immer noch Schalke), nicht zu vergessen der Chefredakteur der hiesigen Tageszeitung (HSV-Mitglied), der dienstags ab und zu den Würstchenstand heimsucht – sich aber nur blicken lässt, wenn die Ergebnisse des letzten Spieltages es hergeben (also 96 verloren und der große HSV gewonnen hat, was in dieser Saison ja nicht oft vorkam).

Und dann ist da auch noch dieser Bayern-Fan, der nach einer 0:4-Klatsche gegen die hessische Eintracht ins Geschäft stürmt, Rauch von seinem Arbeitsplatz holt und dann lauthals vier Frankfurter bestellt: Zu hören ist von ihnen allen in diesen Tagen nichts mehr, nicht ein Ton – keine Frage, wer die Nummer eins im Norden ist.

Veit Rauch hat das alles mal aufgeschrieben, wie es sich so anfühlt, wenn man als Fan einer Underdog-Truppe mit einem Sieg und damit einem Dreier in die Saison einsteigt, wenn man merkt, man kann locker und leicht auf Schalke gewinnen, wenn die erste Niederlage in Wolfsburg hingenommen werden muss (und am Dienstag darauf wieder alle da sind und wissen wollen, ob man denn auch am Wochenende in der Autostadt zu Besuch war), wenn nach sechs Spieltagen 13 Punkte auf dem Konto sind und der goldene Oktober mit drei Niederlagen aus vier Spielen zu der Erkenntnis führt: „Na super, alles so wie früher.“

Wie es ist, wenn dann die Wende in Mainz gelingt, wenn Hanke gegen Hamburg eingewechselt wird und das Siegtor schießt (ausgerechnet Hanke, sagt Rauch, der doch sonst eine Rasenallergie hat), wenn nach Freiburg, Gladbach und Stuttgart 31 Punkte am Ende der Hinrunde stehen, Platz zwei vor den Bayern: Wie geil ist das denn?

Und wenn das alles weitergeht, wenn Hannover 96 einfach weiter gewinnt? So kommt es nämlich in der Rückrunde: Siege in Frankfurt und beim St. Pauli, ein Dreier gegen Wolfsburg, Kaiserslautern und dann können sie auch noch Bayern – mit einer starken Defensive und dem überfallartigen Konterfußball, wie ihn sonst nur noch Dortmund beherrscht, setzt sich 96 in einer Region der Tabelle fest, die vor der Saison so unerreichbar schien wie die Champions League jetzt für Robben, Ribéry und Co.: Sag mir, wo die Gladiolen sind.

Bei Hannover selbst mag noch niemand von der europäischen Bühne sprechen: „Wir wollen jetzt erst mal drei Punkte für den Vereinsrekord“, wird Linksverteidiger Christian Schulz mit Blick auf die angepeilten 50 Zähler zitiert: „Wenn wir den haben, können wir weiter gucken.“

Ob sich die Euphorie um den Fußballclub auch in einer vermehrten Gründung von Fanclubs ausdrückt, das kann Pressesprecher Andreas Kuhnt nicht sagen, „aber es ist vermutlich noch nicht der Fall“. Aber immerhin: Der Zuspruch sei deutlich gestiegen, in den Kneipen oder den Restaurants gebe es eigentlich nur ein Thema: 96 und der jeweilige Tabellenstand.

Auch Kuhnt spricht von „ungewohnten Regionen“, in denen sich die Mannschaft schon seit Wochen „konstant bewegt“, und kann feststellen, dass sich die Sportsender, bei denen Hannover 96 „sonst eher nachrangig betrachtet wird“, plötzlich deutlich interessierter zeigen am kleinen Sportwunder an der Leine.

In den einschlägigen Internet-Foren ist in diesen Tagen naturgemäß der Teufel los. „P.S.: In Hannover kann man mal verlieren“, heißt es auf „dieroten“ nach dem Bayern-Spiel, dort ist auch eine „Eilmeldung“ zu finden: „Die Roten planen für Europa: Ein weiteres Indiz liegt jetzt diesem Blog vor. 96-Präsident Martin Kind traf sich mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan in Alanya. Kind erhielt von Erdogan grundlegende Informationen und Ratschläge für die Bewerbung als EU-Beitrittskandidat. Gleichzeitig drang die Information durch, dass die Uefa Hannover 96 bisher nur eine privilegierte Partnerschaft angeboten hat.“ Auch nicht schlecht, so drei, vier Tage nach dem Bayern-Spiel: „Ein großartiges Spiel. Danke! Was mich fertigmacht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen.“

Wahr ist indes, dass die Euphorie sich auch an nackten Zahlen ablesen lässt. Etwa in der Geschäftsstelle der Schaumburger Zeitung, wo die Eintrittskarten weggehen wie die berühmten warmen Semmeln. Für das letzte Heimspiel gegen Nürnberg gibt es schon keine Karten mehr, das gab es sonst nur, wenn die einstmals so großen Bayern kommen. An diesem letzten Spieltag will jeder mitfeiern, dabei sein, wenn Hannover 96 auf der europäischen Fußballlandkarte wieder vertreten sein wird.

Es ist ja auch verdammt lange her. 1992 gelang es dem Verein unter Trainer Michael Lorkowski als erstem Zweitligisten, den DFB-Pokal zu gewinnen. Danach konnte Hannover 96 1992/93 als Zweitligist im Europapokal der Pokalsieger starten. Als eine der größten Ironien der Vereinsgeschichte gilt das Los in der ersten Runde des Wettbewerbs: Statt einer internationalen Mannschaft wurde ausgerechnet der Europacup-Sieger des Vorjahres, Werder Bremen, zugelost. Nach einem 1:3 in Bremen reichte es im Rückspiel in Hannover nur zu einem 2:1-Sieg, sodass die Mannschaft den Einzug in die zweite Runde verpasste.

Zurück zu Joachim Schorling: Er ist oft auf seinen Tipp angesprochen worden, ist vielfach gefragt worden, wie man so etwas tippen kann. Heute, da 96 auf Platz drei steht, gönnt sich der Volksbank-Chef viel Gelassenheit. Und das hat seinen Grund: „Es läuft ja alles planmäßig.“

Von Ironie ist bei Schorling keine Rede mehr, das mit dem Tipp zu Saisonbeginn, das sei ja ernst gewesen, sagt er heute. Na klar, wer würde es anders halten. Aber so ist das ja immer: Wenn die Geschichten zur Legende werden, dann wird später immer die Legende erzählt und gedruckt – weil sie wahr geworden ist.

Last, but not least: Der Hype auf 96 spiegelt sich auch beim Trikotverkauf. Wer in diesen Tagen ein 96-Leibchen kaufen möchte, der wird nicht einmal mehr auf Ebay fündig. Die Erklärung ist einfach: Jeder will ein Trikot aus dieser Saison, dieser so unfassbar geilen Zeit. Jedenfalls aus Sicht eines 96-Fans.

Oder wie es im Internet in einem Blog der Roten empfohlen wird: „Knie nieder, Deutschland.“



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