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Teil 2: Unsere Zeitungsgruppe ging vor 20 Jahren mit Nachrichten ins Internet

3, 2, 1 … online

Matthias Horx, einer dieser einflussreichen Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum, hat sich mal zur Entwicklung des Internets geäußert. Im März 2001 veröffentlichte er einen ausführlichen Essay in der „Welt“, in dem er das Ende des „digitalen Rausches“ verkündete. Die tägliche Nutzungsdauer des Internets werde abnehmen, besonders die Jugendlichen würden sich wieder vom Bildschirm verabschieden. Der schönste Satz von Horx lautete seinerzeit: „Das Internet wird kein Massenmedium – weil es in seiner Seele keines ist.“ Wie wir heute wissen, ist diese Aussage mehr als eine kühne These. Sie ist schlicht falsch.

veröffentlicht am 31.01.2018 um 16:47 Uhr

Die Homepage, wie sie sich heute vor 20 Jahren präsentierte. Screenshot: Bernd Böker/Archiv
Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Mit derselben Überzeugung sagen Branchenkenner alle paar Jahre aufs Neue den nun aber wirklich unabwendbaren Tod von Plattformen wie Facebook, YouTube oder Twitter voraus. So auch der Verleger Christian DuMont Schütte. Der prophezeite im Frühjahr 2007 mutig: „In zehn Jahren ist Google tot.“ Wir schreiben mittlerweile 2018. Und Google gibt es noch immer – und wie!

Das Geschäft mit Prognosen ist nun aber auch mal extrem schwierig. Die Zukunft einer technischen Revolution vorauszusagen, kann ebenso fehlerbehaftet sein wie etwa die Prognose, wie sich wohl die Börsenkurse entwickeln werden. Deshalb hat aus heutiger Sicht ein Rückblick auf das Phänomen Internet auch viel mehr Sinn.

Jedenfalls war 1997 das Internet das Thema Nummer eins der CeBIT-Messe in Hannover. Und die Sicherheit des Internets gleich mit. Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt führte bei der Eröffnung in seiner Rede aus, dass Unternehmen mit den neuen Techniken im Neuland nur dann starten können, wenn sie sicher sein könnten, dass Konkurrenten oder Nachrichtendienste nicht mitlesen würden. Das war hübsch und vorausblickend formuliert, aber nicht der Konsens in der damaligen Bundesregierung. Den Gegenpol zu Rexrodt bildete Bundesinnenminister Manfred Kanther, wie alle Innenminister ein Hardliner in Sachen Strafverfolgung. Verschlüsselte Mails, die nicht entschlüsselt werden könnten, dürfe es nicht geben, meinte Kanther damals.

So warb die Dewezet heute vor 20 Jahren für ihren Online-Start: Die Dewezet war fortan im Web, wie es damals hieß.
  • So warb die Dewezet heute vor 20 Jahren für ihren Online-Start: Die Dewezet war fortan im Web, wie es damals hieß.
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Wenn wir es nicht ausprobieren, dann werden wir es nie wissen.

Karl-Heinz „Kalle“ Vogt, Online-Pionier

Auf der CeBIT 1997 wurde deutlich, dass im Bereich Kommunikation die Zukunft der IT-Branche liegen würde. Internet und Mobilfunk bestimmten das Geschehen auf dem Messegelände in Laatzen und machten den anderen, traditionelleren Messe-Sparten und -Themen deutlich Konkurrenz. So stellte das damalige Unternehmen ePlus mit „free@easy“ den ersten Prepaid-Tarif Deutschlands vor und die Besucher ließen sich vom Online-Thema begeistern – allerdings war das damals noch kein wirkliches Massenphänomen, sondern eher einem kleinen Personenkreis vorbehalten.

Aber immerhin hält das digitale Zeitalter 1997 auch in bis dato analoge Bereiche Einzug. Der japanische Hersteller Sanyo präsentiert erstmals in Deutschland einen Internet-Fernseher. Zusätzlich zu den Fernsehfunktionen bot das Gerät die Möglichkeit, im Internet zu surfen – mit Hilfe eines Modems.

Auch die Zeitungsbranche stand damals vor einem Schritt in die digitale Welt: Sollten Verlage ihre Nachrichten im Internet einer Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, die nicht deckungsgleich war mit der eigentlichen Leserschaft, geschweige denn dem eigenen Abonnenten-Stamm? Würde das Internet die gedruckte Zeitung in Schwierigkeiten bringen oder gar abschaffen? Oder könnte man im Internet mit Nachrichten sogar Geld verdienen? Fragen, die bis heute noch nicht in allen Details umfassend beantwortet sind.

Ein Ergebnis von Leseruntersuchungen im Jahr 2010 macht Verlagen und Redaktionen jedenfalls Mut: Befürchtete man, dass das Verbreiten von Nachrichten im Internet den Tageszeitungen schaden würde, stellte sich etwas anderes heraus: Diejenigen, die im Internet nach Nachrichten suchen und diese dort tagsüber konsumieren, sind am nächsten Morgen die intensiveren Zeitungsleser. Schließlich, so die Begründung, handelt es sich bei ihnen um Menschen, die sich grundsätzlich für Nachrichten interessieren, im Internet aber nur kurz informiert werden – und es am nächsten Tag schätzen, wenn ihre Tageszeitung die Hintergründe, die Zusatzinformationen, die Einordnung der eigentlichen Nachricht bringt.

„Vieles funktioniert nach dem System Trial and Error – also: Probieren wir es aus und erlauben uns, Fehler zu machen.

Bernd Böker, Geschäftsführer Medien 31

Das konnte Karl-Heinz „Kalle“ Vogt als späterer Geschäftsführer der Dewezet Medien GmbH in den Jahren 1995/96 noch nicht wissen, als die Universität Hannover im Leibniz-Haus ihre Ideen und ersten Entwürfe für die Nutzung des damals noch sehr jungen Internets vorstellte. Vogt, immer technikbegeistert, ja geradezu getrieben von diesen modernen Ideen, die versprachen, die Welt zu revolutionieren, wusste jedoch auf Anhieb: „Das wollen wir auch.“ Im Jahr 1997 war der nächste Schritt getan: Die hannoversche Agentur Xenario hatte für Dewezet 1.0 eine Internetseite layoutet, auf der mit den Hamelner und Bodenwerderaner Ausgaben der Dewezet, den Pyrmonter Nachrichten, der Schaumburger Zeitung in Rinteln, der Schaumburg-Lippischen Landeszeitung in Bückeburg, der Neuen Deister-Zeitung in Springe, der Deister-Leine-Zeitung in Barsinghausen, dem General-Anzeiger in Stadthagen und dem Jugendmagazin Unkraut neun inhaltliche Bereiche zugeordnet waren. Am 31. Januar 1998 – also vor 20 Jahren – ging dieses Nachrichtenportal online. Die Dewezet war nun im Web – ging von lokal zu global, wie es damals hieß.

Bernd Böker, der heutige Geschäftsführer des Unternehmens Medien 31, erinnert sich an diese aufregende Zeit: „Ich selbst war damals noch auf Seiten der Uni Hannover, kam erst später ins Unternehmen. Aber mit dem Online-Start der Dewezet hatte ich dennoch zu tun, weil wir ja die Internetseite entworfen hatten und auch technisch betreuten.“ Mit dem Start der Zeitungs-Homepage sei man damals in eine neue Zeit gegangen, habe fortan die eine oder andere Sinn-Debatte geführt, viele technische Neuerungen miterlebt, sei manches Mal technisch gesehen Vorreiter gewesen und manchmal, auch das gehört zur Wahrheit, sei man aber auch einem Trend hinterhergelaufen. Vieles, und das gehört durchaus zu den großen Erkenntnissen der gesamten Branche, funktioniert eben auch nach dem System „Trial and Error“ – Versuch und Irrtum – also: Probieren wir es aus und erlauben uns, Fehler zu machen.

1998, als unsere Zeitung online ging, gab es Befürworter dieser Strategie, und es gab Kritiker, ebenso Bedenkenträger. Kalle Vogt pflegte dabei häufig zu sagen: „Wenn wir es nicht ausprobieren, dann werden wir es nie wissen.“

Und so starteten wir in eine digitale Welt, von der weder Verleger noch Journalisten wissen konnten, was dabei am Ende wirklich herauskommen würde. An dem eigentlichen Auftrag der Redaktion, nämlich Nachrichten, Themen und Informationen journalistisch zu bewerten, informativ aufzubereiten und einer breiten Leserschaft ansprechend anzubieten, hat das Internet nichts geändert. Ob die Nachricht nun im Print gedruckt oder im Internet präsentiert wird, sie entsteht immer nach denselben journalistischen Grundsätzen und Regeln: Recherche, Sorgfalt, Wahrheit.

Lesen Sie Freitag Teil 3: Das waren die technischen, optischen und inhaltlichen Meilensteine unseres Internetauftritts unter dewezet.de

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