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Heute feiert sie in der neuen Reformsynagoge einen jüdischen Kulturtag

20 Jahre jüdische Gemeinde

Als sie Anfang der 1990er Jahre aus der zerfallenden Sowjetunion nach Deutschland kamen, wusste kaum einer von ihnen etwas mit dem Begriff Judentum anzufangen. Wie die hohen Feiertage zu begehen waren, war ihnen ebenso unbekannt wie die Gebräuche am Beginn des Schabbat. Das hat sich alles gründlich geändert, denn aus dem zusammengewürfelten Häuflein Menschen, die zunächst im Schloss Hasperde untergebracht waren, entwickelte sich eine gut funktionierende jüdische Gemeinde, die vor 20 Jahren offiziell als eingetragener Verein gegründet wurde.

veröffentlicht am 10.06.2017 um 08:00 Uhr

Im Jahr 2011 wurde die neue Hamelner Reformsynagoge an der Bürenstraße auf dem Grundstück der 1938 von den Nazis zerstörten alten Synagoge eingeweiht. Foto: wft
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Wolfhard F. Truchseß Reporter
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Seit dem Jahr 2011 verfügt sie auch über eine eigene Synagoge – der ersten vollständig neu errichteten Reformsynagoge, die nach dem Krieg in Deutschland errichtet wurde.

Die erste, die das Judentum wieder nach Hameln brachte, war Rachel Dohme. 1982 zog sie aus den USA in den Landkreis und war lange Zeit die einzige Jüdin in der Region. „Aber als ich 1992 hörte, dass im Schloss Hasperde Juden untergebracht sind, bin ich sofort und schnellstens dorthin geflogen“, erinnert sich die Vorsitzende der Reformgemeinde. Es sollte der Anfang einer sehr nachhaltigen Beziehung zwischen Rachel Dohme und vielen der als sogenannte Kontingentflüchtlinge in den Landkreis gekommenen Menschen werden. „Sie hat mich nur einen Augenblick anschauen müssen“, erzählt ihre aus Odessa stammende Stellvertreterin Polina Pelts, „da wusste ich, dass zwischen uns eine Seelenverwandtschaft besteht.“

Wöchentliche Besuche durch Rachel Dohme, der Beginn des Projekts „Familie zu Familie“ sowie religiöse und soziale Betreuung sorgten dafür, dass langsam und allmählich die Mitglieder der Gruppe wieder eine jüdische Identität entwickelten. Das Judentum galt in der UdSSR zwar als Nationalität, aber seinen Glauben zu praktizieren konnte den Menschen schnell Nachteile bringen. „Ich habe zu den hohen Feiertagen meine Mutter zwar zu einer winzigen Synagoge ganz am Rand von Odessa gebracht, aber hineingegangen bin ich nicht“, erzählt Polina Pelts. „Das hätte beruflich unangenehme Folgen haben können.“ Selbst ein Fest wie Purim wurde heimlich von ihrer Mutter Betja als „Geburtstag“ gefeiert. „Ein bisschen was hat sie uns vom jüdischen Leben beigebracht. Sie wusste es wohl von den eigenen Eltern“, nimmt Polina Pelts, deren Familie mit vier Generationen in Hasperde landete: der Mutter, sie selbst mit ihrem Ehemann Josef, der Tochter Faina samt Ehemann Felix und der damals siebenjährigen Enekelin Ina, der 1993 noch ihre Schwester Greta geboren wurde. „Der Anfang in Hasperde war schrecklich“, erinnert sich Polina Pelts. „Wir lebten alle zusammen in einem einzigen Zimmer unter dem Dach.“ Aber das ist Vergangenheit.

Rachel Dohme. Foto: wft
  • Rachel Dohme. Foto: wft
Stellvertreterin Polina Pelts. Foto: wft
  • Stellvertreterin Polina Pelts. Foto: wft
Der Thora-Schrein mit den beiden der Gemeinden gehörenden Thora-Rollen. Foto: wft
  • Der Thora-Schrein mit den beiden der Gemeinden gehörenden Thora-Rollen. Foto: wft
Die Rabbinerinnen Dr. Ulrike Offenberg und Irith Shillor. Foto: wft
  • Die Rabbinerinnen Dr. Ulrike Offenberg und Irith Shillor. Foto: wft
In der Synagoge leuchtet das ewige Licht. Foto: wft
  • In der Synagoge leuchtet das ewige Licht. Foto: wft
Rachel Dohme. Foto: wft
Stellvertreterin Polina Pelts. Foto: wft
Der Thora-Schrein mit den beiden der Gemeinden gehörenden Thora-Rollen. Foto: wft
Die Rabbinerinnen Dr. Ulrike Offenberg und Irith Shillor. Foto: wft
In der Synagoge leuchtet das ewige Licht. Foto: wft

Im Jahr 1996 fand die jüdische Gruppe eine erste Heimstatt in den Räumen der katholischen St. Elisabeth-Gemeinde. Hans-Georg Spangenberger, der Pastoralreferent der katholischen Kirche, hatte sich ihrer angenommen und die Gruppe in das Gemeindezentrum eingeladen. „Er ist für uns das, was wir Juden unter einem wirklichen Menschen verstehen“, ist Rachel Dohme ebenso wie Polina Pelts voller Lobes über Spangenberger. Es sollte nicht lange ein Provisorium bleiben. Die stetig wachsende Gemeinschaft entschloss sich schon im Jahr darauf, die jüdische Gemeinde zu gründen. 18 Gründungsmitglieder hatte sie – inzwischen ist sie auf mehr als 200 Mitglieder angewachsen.

Über mehrere Zwischenstationen, darunter schon ein richtiges kleines Gemeindezentrum an der Bahnhofstraße, wurde im Jahr 2001 mit dem Kauf des Grundstücks der 1938 zerstörten Synagoge an der Bürenstraße der Bau eines eigenen Gotteshauses mit Begegnungsstätte ins Visier genommen. Mit der Gründung der Stiftung „Liberale Synagoge Hameln“ durch die Gemeinde und engagierte Bürgerinnen und Bürger aus Hameln war ein realistischer Weg eingeschlagen, aus dem Traum der jüdischen Menschen Wirklichkeit werden zu lassen. Die Stadt, der Landkreis und auch das Land Niedersachsen halfen finanziell, aber ohne viele kleine und größere Spenden vor allem auch aus den USA wäre, der Traum wohl nie Wirklichkeit geworden. Am 20. Februar 2011 wurde die neue Synagoge in der Bürenstraße mit der Adresse Synagogenplatz 1 eingeweiht.

Hatte zunächst Rachel Dohme so etwas wie die religiöse Leitung inne, wurde im Jahr 2001 mit Irit Shillor die erste Rabbinerin der Gemeinde unter Vertrag genommen und damit die Intensität des religiösen Lebens noch einmal verstärkt. Regelmäßig kam sie auch London nach Hameln, um die hohen Feiertage mit der Gemeinde zu begehen, Gottesdienst zu halten und am Schabbat die Thora auszulegen. 15 Jahre betreute Irit Shillor die Gemeinde bis sie vor einem Jahr verabschiedet und durch die Rabbinerin Dr. Ulrike Offenberg abgelöst wurde.

Mit der jüdischen Gemeinde wurde nicht nur die religiöse Landschaft in Hameln bereichert, sondern auch die kulturelle Vielfalt vergrößert. Die Synagoge dient dabei sowohl als Probenraum als auch als Aufführungsstätte für Konzerte, Theaterstücke, Vorträge und andere Veranstaltungen. Neben den Sprachkursen wird auch in israelischem Tanz unterrichtet und Joga-Unterricht erteilt. Eine Bibliothek lädt zum Lesen jüdischer Literatur ein und auch an den Nachwuchs in der Gemeinde ist gedacht: Es gibt für die Jüngeren eine „Kinder-Kehillah“, eine „Gemeinde der Kinder“, für die etwas Älteren Bat- und Bar-Mitzwa-Unterricht – vergleich mit dem Konfirmationsunterricht. Weil die soziale Lage der aus der Sowjetunion stammenden Menschen häufig nicht unproblematisch ist, kümmern sich auch noch beiden Sozialarbeiterinnen Faina Pelts und Olga Gerr mit halben Stellen um die Gemeindemitglieder.

Was die Gemeinde zusätzlich auszeichnet, ist ihre intensive Beteiligung am interreligiösen Dialog im Landkreis Hameln-Pyrmont. Starke Verbindungen gibt es auch zu der jüdischen Schwestergemeinde in Bad Pyrmont, aber auch zum „Haus der Weltreligionen“ im Landkreis Schaumburg. Seit dem Jahr 2005 ist die Gemeinde auch Mitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland . Vor allem aber engagiert sich die Gemeinde jährlich mit rund 50 Führungen in der Synagoge, um über das Judentum zu informieren. Rachel Dohmes Bilanz dazu: „Ich erleben hier immer wieder sehr interessierte Schulklassen und habe dabei nochnie antisemitische Reaktionen erlebt.“

An diesem Sonntag findet in der Synagoge ein jüdischer Kulturtag statt. Eröffnung und Führung ist um 12 Uhr. Um 13 Uhr gibt es ein Tisch-Gespräch „Frag die Rabbinerin“. Am Nachmittag werden Workshops für israelischen Tanz, für koscheres Essen, für jüdische Musik und für Hebräisch veranstaltet. Mit einem Konzert des Duos „Stellena“ und Grußworten von Landrat Tjark Bartels und OB Claudio Griese soll der Abend ausklingen.

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