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1605 in Straßburg, 1609 in Wolfenbüttel – das waren damals die ersten Zeitungen, die sich mit „allen gedenckwürdigen Historien“ beschäftigten

1606 - das Jahr, in dem die Zeitungen erfunden wurde

Straßburg im Dezember des Jahres 1605. Es ist bitterkalt, als sich der junge Drucker Johann Carolus auf den Weg zum Rathaus macht. Zwölf Wochen lang hatte er wichtige Neuigkeiten zwei Dutzend Mal säuberlich von Hand abgeschrieben und diese Zettel verkauft. Erst dann kam er auf die Idee, dass es viel einfacher und praktischer sein könnte, diese Zeitung zu drucken statt abzuschreiben.

veröffentlicht am 21.03.2018 um 11:16 Uhr

Aktuelle Informationen damals: Johann Carolus verbreitete zu Beginn des 17. Jahrhunderts seine selbst gedruckten „Avisen“.
Hans-Ulrich Kilian

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Hans-Ulrich Kilian Redaktionsleiter Bad Pyrmont zur Autorenseite
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In seiner Tasche hat er nun ein Gesuch an den Rat der Stadt Straßburg. Er bittet nämlich um die „Freyheit“, also das Privileg, als einziger ortsansässiger Drucker einen wöchentlich erscheinenden „Avisen“ herausgeben zu dürfen. Der Rat folgt seinem Wunsch. Johann Carolus kauft sich eine Druckmaschine und widmet sich fortan Woche um Woche „Allen Fürnemmen und gedenckwürdigen Historien“.

Am 15. Januar 1609 veröffentlicht in Wolfenbüttel, damals Residenzstadt des Herzogtums Braunschweig, der fürstliche Buchdrucker Julius Adolph von Söhne die politische Wochenzeitung „Aviso“. Gemeinsam mit dem „Avisen“ aus Straßburg dokumentieren die beiden Druck-Erzeugnisse nicht nur den Anfang des periodischen Zeitungswesens im deutschsprachigen Raum, sie sind zugleich die ältesten Wochenzeitungen Europas.

Während die Wochenendausgaben heutiger Zeitungen mit Sonderveröffentlichungen und Beilagen als pfundschwere Pakete daherkommen, bestanden die ersten Blätter des 17. Jahrhunderts nur aus einer einzigen Seite im Quartformat, also kleiner als ein DIN-A4-Bogen. „Da wurde man informiert über die wichtigsten politischen und militärischen Ereignisse der Welt“, erzählt Prof. Dr. Holger Böning vom Bremer Institut für Presseforschung, das die umfassendste Sammlung deutschsprachiger Presse des 17. Jahrhunderts besitzt. „Die Zeitungen haben damals über das berichtet, was man heute hohe Politik nennt.“

Der Wolfenbütteler Aviso, der zumindest als die älteste Zeitung im heutigen Niedersachsen gilt, richtete sich an gebildete Schichten und den Landadel. Er wurde von Diplomaten und Militärs unter anderem aus Prag, Wien und Venedig mit Neuigkeiten aus Handel und Politik beliefert.

Drei Umstände sorgen für den Siegeszug der Zeitungspresse. Im 16. Jahrhundert entstand im Deutschen Reich ein flächendeckendes Postnetz. Damit wurde die Voraussetzung für eine regelmäßig erscheinende Zeitung geschaffen. Lettern und Handpresse ermöglichten den Druck, und Humanismus und Aufklärung entfachten einen Heißhunger nach aktuellen Informationen, den Wochenzeitungen nicht mehr sättigen konnten. Mitte des 17. Jahrhunderts erschienen in mehreren deutschen Städten die ersten Tageszeitungen, die dann auch mit Anzeigen von Inserenten Geld verdienten.

Das 19. Jahrhundert gilt in Deutschland als das Jahrhundert der demokratischen Freiheitsbestrebungen und als das Jahrhundert der Zeitung. Vom Zensor eingeschwärzte Textstellen verraten, wie die Obrigkeit die freie Meinungsfreiheit unterdrückte. Auf der anderen Seite entstanden mächtige Verlage, die mit ihrer Massenpresse die öffentliche Meinung bestimmten, die erst durch die Erfindung der Rotations- und Setzmaschine möglich wurde. Die Nationalsozialisten schließlich beendeten 1933 die Zeitungs- und Meinungsfreiheit. Unter Lebensgefahr erschien sporadisch eine illegale, mit Wachsmatrizen vervielfältigte Widerstandspresse. Die Gleichschaltung hat aber nicht verhindern können, dass eine Zeitung zum sehr persönlichen Dokument werden kann. Auf einem Exemplar der nationalsozialistischen „Bremer Zeitung“ hat jemand handschriftlich notiert, was Goebbels‘ Presse nicht wahrhaben wollte: „Am Freitag, 6. Oktober 1944, 19 Uhr Alarm. 20 Uhr Großangriff. Innenstadt völlig zerstört, auch Baumwollbörse, Lloydgebäude, Hillmanns Hotel. Auch mein Betrieb.“

Die Papierknappheit der ersten Friedensmonate nach 1945 sorgt für kuriose Fußnoten der Zeitungsgeschichte. „Der Aufbau“, Organ der „Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus“, wird ausgerechnet auf der Rückseite von Briefbögen der „Deutschen Arbeitsfront“ gedruckt. Doch in dieser Zeit wurde auch die auflagenstärkste regionale Zeitung gedruckt, die jemals in Deutschland erschien. Sie war keine deutsche Zeitung, sondern ein Blatt der britischen Besatzungsmacht. Die „Neue Westfälische Zeitung“ erschien erstmals am 19. Mai 1945 und wurde zunächst in Oelde, dann auch in Bielefeld monatelang in mehr als einer Million Exemplaren gedruckt. Sie versorgte das Münsterland mit weltweiten und lokalen Nachrichten, bis nach und nach deutsche Zeitungen an ihre Stelle traten.



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