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100 Kilometer elektrisch – ein Test

Warum nur dieser Name? Wer kommt auf die Idee, ein gänzlich abgasfreies Auto ausgerechnet „Mief“ zu nennen? Vielleicht ein Japaner. Eigentlich heißt der handliche Kleinwagen nämlich nicht „Mief“, sondern „i-MiEV“, was für „Mitsubishi innovative Electric Vehicle“ stehen soll. Und das „i“ ist heutzutage einfach schick. Trotzdem: Es liest sich „Mief“. Aber miefen tut er eben nicht, der Kleine. Nicht selbst zumindest. Denn andernorts blasen natürlich trotzdem Kraftwerke CO2 und anderes zur Stromerzeugung in die Luft. Zum wirklich grünen Fahrzeug wird jedes Elektroauto erst mit Ökostrom. So viel zum Ökologisch-Grundsätzlichen.

veröffentlicht am 24.10.2011 um 18:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:49 Uhr

Frank Henke

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Reporter zur Autorenseite

Am Fuhrpark der Stadtwerke geht es am Morgen aber schnell um Praktisches. Zum Beispiel: Wo ist die Steckdose? Die zu finden ist wahrlich kein Kunststück, es sind schließlich gleich zwei. Eine für die schnelle Ladung, eine für die langsame. Da Mitsubishi gerade kein Schnellladekabel liefern kann, bleibt nur die langsame Option. In Stunden bedeutet das: Getankt wird sechs Stunden lang und nicht nur eine halbe. Obwohl: Auch eine halbe Stunde an der Elektro-Zapfsäule unterwegs kann sicherlich lang werden.

Henning Heinemeier, Kfz-Mechaniker bei den Stadtwerken, übernimmt die Einweisung. Dabei erweist sich der Innenraum zunächst mal als enttäuschend karg. Elektroauto – das klingt doch immer noch ein bisschen nach Science-Fiction, nach sprechenden Autos und Satellitensteuerung. Aber nichts dergleichen. Ein Radio, eine Tempoanzeige, ein nützlicher Hinweis auf die verbleibende Akku-Reichweite. Das war’s so ziemlich. Heinemeier demonstriert allerdings gleich mal einen echten Taschenspielertrick: Die stattlichen 115 Kilometer Reichweite, die mir laut Anzeige noch bis zum nächsten Steckdosen-Stopp bleiben, schrumpfen durch einen Dreh an der Klimaanlage auf bescheidene 85. Schon ein vorsichtiger Tick am Lüftungsregler macht die Fahrt 10 Kilometer kürzer. „Das müssen Sie einrechnen“, rät Heinemeier eindringlich.

Die Gelegenheit zum Kennerblick unter die Motorhaube bekomme ich nicht. Wozu auch: Der Motor ist unter dem Kofferraum verbaut, erklärt Heinemeier. „Und viel zu sehen gibt’s da auch nicht.“ Der Lithium-Ionen-Akku versteckt sich noch raffinierter unter dem Fußboden.

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Aber nun endlich den Schlüssel rein und starten. Der Effekt: keiner. Zumindest kein spürbarer. Das „i-MiEV“ macht ein freundliches zartes „Dongdong“ ähnlich dem Anschnallzeichen im Flugzeug kurz vor der Landung, die Lüftung pustet leise. Sonst kein Geräusch, keine Vibration. Erst als ich die Bremse loslasse und die Anfahrautomatik mich sachte losrollen lässt, bin ich mir sicher, dass der Wagen läuft. Die Anfahrt ist ein stummes Schweben.

Auf der Straße entkräftet der kleine rot-weiße Mitsubishi dann aber gleich mal mehrere meiner Vorurteile: Lahm im Anzug – ganz im Gegenteil. Langsam – nicht wirklich. Unkomfortabel – im Großen und Ganzen: nö. Aber eins nach dem anderen: Der Elektro-Mitsubishi fährt sich im Grunde wie ein Automatik. Der linke Fuß hat Pause. Oder er wippt im Takt der Radiomusik. Allein schon das macht Elektroautos nämlich attraktiv: Wenn kein Motor röhrt, wird Autofahren für die Ohren zum komplett neuen Erlebnis: Das Wischen der Handflächen über das Lenkrad war noch nie so laut, das Fahrtwind-Brausen noch nie so nah, der Radiosound noch nie so ungetrübt. Erst auf der Landstraße sorgen die Reifen auf dem Asphalt wieder für ein bisschen Autosound. Die Nachbarin und Hundehalterin meldet gleich Bedenken an, nachdem ich quasi geräuschlos in unsere Straße gerollt bin: „Ich finde die Dinger gefährlich – zu leise“, sagt sie. Alles Gewöhnungssache.

Gewöhnen muss ich mich aber vor allem an eines: Elektroautos verändern unser Verhältnis zu Zeit und Raum. Zumindest schrumpft der Raum in beeindruckend kurzer Zeit. Die versprochenen 115 Kilometer Akku-Reichweite reduzieren sich nach eher ruhigen zehn Kilometern Landstraße um mehr als 20. Von Lüftung, Klimaanlage und Stereoanlage lasse ich da lieber ganz die Finger. Wer elektrisch fahren will, fährt also derzeit lieber mit dickem Pulli – und im Winter dann wohl mit Handschuhen. Angeblich tüfteln die Ingenieure fieberhaft an energiesparenden Heizsystemen.

Da der Elektro-Tank schon nach einer ersten Spritztour bedenklich leer ist, entscheide ich mich für einen Tankstopp. – in meinem Carport. Deckel auf, Stecker rein, anschließen, fertig. Nicht schwieriger als einen Föhn einzustöpseln. Eine Stunde Mittagspause bringen am Ende gut 20 Kilometer zusätzliche Reichweite. Es kann weitergehen. Jetzt sind echte Fahr-Herausforderungen gefragt. Aber welche? Der Stadtverkehr liegt dem kleinen Flitzer eh. An der Ampel lässt er die meisten Benziner stehen. Tempo 100 und mehr – 130 sind das ungetestete Maximum – sind auf Landstraßen und Autobahn auch kein Problem. Vorausgesetzt, kein Seitenwind bringt den leichten Wagen ins Flattern. Denn ohne den schweren Benziner-Motor hat er einer Herbstböe wenig entgegenzusetzen. Also versuchen mein kleiner elektrischer Freund und ich jetzt mal, ein paar Höhenmeter zu machen. Nächster Halt: die Schaumburg. Bergauf schlägt sich der Mitsubishi prächtig: Ohne Mühe surrt er durch die Kurven. Der Akku wird nicht spürbar schneller leergesogen als auf ebener Strecke. Oben angekommen, wird nur kurz die – sowieso verregnete – Aussicht genossen und gleich der Schaltknüppel umgelegt: Im Bergmodus „B“ geht’s wieder hinunter. Der Motor bremst ein wenig mehr, dafür steht die Nadel einer Art Drehzahlmesser konstant auf „Charge“ – der Mitsubishi lädt. Das Resultat: Wieder unten angekommen, hat das Auto zwei Reichweiten-Kilometer auf dem Tacho mehr als vor der Fahrt hinauf. Wer lange genug Berge hinunterkurvt, kann sich also einen Tankstopp schenken – theoretisch. Trotzdem: Die überschaubare und nicht immer genau kalkulierbare Akku-Reichweite macht das „i-MiEV“ wohl maximal zum Fahrzeug für den Weg zu Arbeit, nicht für den Urlaub in den Bergen. Ein Verkaufsargument ist diese Einschränkung bei einem Listenpreis von etwa 35 000 Euro nicht.

Mein Sohn (bald zwei Jahre) ist dennoch spontan vernarrt in den rot-weißen Elektro-Flitzer. Auf seiner Mini-Testfahrt – der Kindersitz passt hinein – sagt er schwer beeindruckt nur genau ein Wort: „Kaufen.“ Die Zukunft hat gesprochen.

Eine Million Elektroautos sollen schon im Jahr 2020 ganz selbstverständlich über deutsche Straßen rollen, so erträumt es sich zumindest die Bundesregierung. Der im August angeschaffte Mitsubishi der Stadtwerke in Hameln ist schon mal eines davon. Der Redakteur und bekennende Autolaie Frank Henke machte den Alltagstest.

Redakteur Frank Henke hatte sich die Armaturen im Elektroauto der Stadtwerke eindrucksvoller, aber auch das Tanken komplizierter vorgestellt.Fotos: sisi/fh



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