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1913 beginnt der Siegeszug der Elektrizität im Weserbergland

100 Jahre Stromerzeugung

Es war ein Kraftakt, den die Berliner Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft (AEG) im Jahr 1913 im Hamelner Vorort Afferde vollbrachte – innerhalb von nur acht Monaten errichtete sie ein Kraftwerk mit drei Steinmüller-Universalkesseln mit je 320 Quadratmetern Heizfläche und zwei AEG-Turbogeneratoren, die zusammen eine Leistung von 8400 kW hatten. Obwohl die Ausschachtungs- und Betonierarbeiten erst im März begonnen hatten, war das Kraftwerk bereits am 7. Oktober 1913 fertiggestellt. Kaum vier Wochen später, am 3. November, wurden die ersten zuvor in Windeseile errichteten Fernleitungen unter Strom gesetzt und neben dem bereits existierenden Elektrizitätswerk der Stadt Hameln die Gemeinden Afferde, Rohrsen sowie die sogenannte Überlandzentrale Rinteln und die Thalmühle bei Bad Pyrmont mit Strom versorgt. Am selben Tag besichtigte Prinz Waldemar von Preußen das Kraftwerk und trug sich ins Gästebuch ein.

veröffentlicht am 28.09.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Mit der Inbetriebnahme begann auch im Weserbergland der Siegeszug der Elektrizität, die wir uns heute aus dem Leben nicht mehr wegdenken können. Zwar hatte es bereits zuvor mehrere kleine E-Werke gegeben, wie zum Beispiel in Kirchohsen und Polle, aber sie lieferten Gleichstrom und den von sehr unterschiedlicher Qualität und Menge. Im Jahr 1912 hatte der Kreis Hameln der AEG die Erlaubnis zur Benutzung aller Kreisstraßen zur Führung unter- und oberirdischer Starkstromleitungen für die Abgabe elektrischer Energie für „Licht, Kraft und sonstige Zwecke“ auf die Dauer von 45 Jahren ab dem 1. Juli 1913 erteilt. Die AEG hatte den Zuschlag für den Bau des Kraftwerks erhalten, nachdem sich die Berliner Firma Bergmann zuvor aus den Vertragsverhandlungen verabschiedet hatte. Abgeschlossen wurde der Vertrag über die Errichtung der „Überlandzentrale“ mit den Kreisen Hameln, Grafschaft Schaumburg und Holzminden. An die zunächst mit 6300 Volt beschickten Starkstromleitungen sollten alle Orte angeschlossen werden, die nicht weiter als zwei Kilometer vom Netz entfernt waren. Es waren im Januar 1914 insgesamt 30 Orte in den drei Kreisen, die von Afferde aus mit Strom versorgt wurden. Erster Großabnehmer wurde die Stadt Hameln. Sie verteilte den Strom an ihre Kunden über ein eigenes Netz – eine Tatsache, die später noch zu heftigen Streitigkeiten führen sollte, weil Hameln gleichzeitig einen Sondertarif erhalten hatte.

Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 bremste den Ausbau des Leitungsnetzes erheblich ab, denn Metall wurde zum kriegswichtigen Rohstoff und stand der AEG nicht unbegrenzt zur Verfügung. Dennoch wurden bis Ende 1914 noch 78 Städte und Dörfer an das entstehende Stromnetz angeschlossen, das inzwischen eine Gesamtlänge von rund 300 Kilometern hatte. Während des Krieges kamen nur 55 Ortschaften hinzu – weite Teile des Weserberglandes und der drei Kreise mussten ihre Energie noch herkömmlich aus Gas produzieren. Aber Ende 1918 zählte die AEG bereits 11 205 Stromkunden, die im Jahr 1919 für eine Kilowattstunde (kWh) für Licht 1,32 Mark zahlen mussten, für Kraftstrom berechnete das Kraftwerk 0,66 Mark pro kWh. Trotzdem war das Geld bei der AEG in diesem Jahr so knapp, dass nur drei Ortschaften neu ans Netz angeschlossen wurden. Trotzdem wurden jährlich akribisch die „Anschlussbewegungen“ bilanziert und genau aufgelistet, wie die Anzahl der Stromabnehmer stieg, wie viele Motoren mit Strom betrieben wurden, wie viele „Apparate“ und mit wie vielen Zählern der Verbrauch in den Haushalten und Betrieben gemessen wurde. Selbst die Anzahl der angeschlossenen Lampen wurde genannt. Von 1928 bis Ende 1930 stieg sie von 343 809 auf 399 368.

Als den anderen Kunden 1919 die Preise erhöht wurden, konnte nur die Stadt Hameln durchsetzen, dass es für sie bei einem Grundpreis von sechs Pfennigen (Lichtstrom) und vier Pfennigen (Kraftstrom) blieb, was für einen lang anhaltenden Streit sorgte, der schließlich von einem Schiedsgericht entschieden wurde und mit einem weitgehenden Erfolg der Stadt Hameln endete. Die AEG-Tochter Elektricitäts-Lieferungs-Gesellschaft (ELG) wollte unbedingt durchsetzen, dass auch für Hameln eine „Kohleklausel“ gelten sollte, denn der Strom in Afferde wurde damals mittels Kohleverbrennung produziert. Der Kohlepreis aber stieg von 1917 allein bis 1919 um mehr als das Zehnfache. Mag sein, dass auch dieser Streit eine lang anhaltende Wirkung hatte: das Verhältnis der Stadt Hameln zu der Ende 1919 gegründeten Elektrizitätswerk Wesertal GmbH war selten spannungsfrei. Unterdessen stieg der Strombedarf in Hameln massiv an. Wurden im Jahr 1914 nur 750 000 kWh verbraucht, waren es 1920 bereits mehr als zwei Millionen kWh. Allein das Eisenwerk Konkordia benötigte 900 000 kWh Strom im Jahr.

Zwei AEG-Turbogeneratoren im Maschinensaal des Kraftwerks Afferde. enertec

Als in Berlin im Nachkriegsjahr 1919 der Gedanke diskutiert wurde, die Stromerzeugung im Deutschen Reich zu verstaatlichen, müssen bei der AEG die Alarmglocken geläutet haben. Obwohl das Gesetzesvorhaben letztendlich nicht verabschiedet wurde, gingen die AEG und ihre Tochter ELG Ende des Jahres auf das Angebot der Kreise Hameln, Holzminden und Schaumburg ein, das Kraftwerk Afferde samt Leitungsnetz und allem Zubehör für 7,5 Millionen Mark zu übernehmen. Einschließlich der Übernahme der Rechte und Pflichten im damaligen Freistaat Lippe-Detmold kam ein Kaufpreis von 9 066 000 Mark heraus. Der am 30. Dezember 1919 notariell beurkundete Verkauf sollte auch die Geburtsstunde der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH mit einem Stammkapital von 20 000 Mark werden. Der Freistaat und die drei Kreise beteiligen sich an der GmbH mit jeweils 5000 Mark.

Die folgenden Jahre sollten für die Gesellschafter wirtschaftlich sehr schwer werden, denn die Inflation forderte ihre Opfer. Zwar ging der Ausbau des Leitungsnetzes jetzt wieder schneller vonstatten und der bereits 1913 geplante vierte Steinmüller-Kessel wurde errichtet, aber das Verhältnis von Einnahmen und Gewinnen stand in keinerlei Verhältnis: Bei Einnahmen von 489,9 Millionen Mark im Jahr 1922 wurde nur ein Gewinn in Höhe von 9684 Mark erwirtschaftet.

Das Kapital für die Kraftwerkserweiterung in Höhe von 20 Millionen Mark beschafften die Gesellschafter durch hypothekarisch sichergestellte Obligationen. Ein weiterer kurzfristiger Kredit über 20 Millionen Mark wurde durch einen langfristigen über 40 Millionen Mark abgedeckt. Bald aber war in den Sitzungen des Wesertal-Aufsichtsrates von immer höheren Summen die Rede: 100 Millionen, 200 Millionen, ja sogar von Krediten über eine Milliarde Mark wurde gesprochen. Ende 1924 hatten die Kreise Bürgschaften in Höhe von 280 Millionen Mark für ihre Strom produzierende GmbH übernommen. Und während wegen der galoppierenden Inflation die Finanzlage immer verzweifelter wurde, versuchte das Unternehmen sich auch mal Devisen zu beschaffen. Mit der Lippischen Landesbank wurde beispielsweise im Jahr 1923 über einen Kredit in Höhe von 1600 Pfund Sterling verhandelt, um dringend benötigte Kohle bezahlen zu können.

Welches Ausmaß die Inflation damals angenommen hatte, zeigt ein Schreiben des Direktoriums der Braunschweigischen Staatsbank an den Kreis Holzminden, in dem der Kreis dringend davor gewarnt wurde, im Jahr 1923 eine selbstschuldnerische Bürgschaft für 100 000 Goldmark zu übernehmen – sie hätte den Gegenwert von sagenhaften 15 000 Billionen Papiermark gehabt. Tatsächlich kostete damals ein Dollar an den Devisenbörsen sogar noch weitaus mehr als die offizielle Notierung besagte – es waren drei Billionen Papiermark für einen Dollar, was für den Kreis Holzminden eine Bürgschaft für real 60 000 Billionen Papiermark bedeutet hätte. Die Währungsreform brachte schließlich Erleichterung, aber erst im Jahr 1928 gelang es, einen 1,5-Millionen-Dollar-Kredit zu beschaffen und die Modernisierung des Kraftwerks zu beginnen.

1933 wurde Wesertal ins NS-Wirtschaftssystem integriert und die Belegschaft auch ideologisch auf den Nationalsozialismus ausgerichtet. Für das Reichserntedankfest auf dem Bückeberg verlegte Wesertal allein 22 Kilometer Niederspannungskabel und stellte Transformatoren auf. Zwei Bombenangriffe auf Hameln sorgten im Dezember 1944 und Januar 1945 für Zerstörungen am Kraftwerk. Doch der Betrieb ging 1946 weiter, denn die Briten erteilten am 20. August des Jahres die Erlaubnis, weiter Strom zu erzeugen. Heute wird nicht mehr Kohle zu Strom verarbeitet, sondern Energie durch Müllverbrennung gewonnen.

Morgen findet von 11 bis 17 Uhr im Kraftwerk ein Tag der offenen Tür mit vielen Aktionen, Show-Elementen und der Ausstellung „100 Jahre Energieerzeugung“ statt, um „100 Jahre Kraftwerk Afferde“ auch öffentlich zu feiern.

Vor hundert Jahren wurde in Hameln- Afferde ein Kraftwerk errichtet, das die Ortschaften im Weserbergland mit Strom versorgen sollte. Obwohl es nur wenige Akten über den Verlauf der folgenden Jahre und Jahrzehnte gibt, lässt sich die Geschichte doch recht gut nachzeichnen.

Die Baustelle des Kraftwerks Afferde im Jahr 1913. Die Hallen waren für vier Kessel und drei Turbogeneratoren ausgelegt.

enertec



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