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Wenn Wohlfühlmusik zu Unwohlsein führt

Zum Weghören

Es gibt da dieses Café, das ich schätze. Konkret: sein Ambiente, den freundlichen Service, den Cappuccino. Ein Problem hingegen habe ich mit der Musikauswahl. Obwohl genau die so getroffen wurde, dass nun wirklich niemand daran Anstoß nehmen können sollte. Es hilft nichts: Ich stoße an – schmerzhaft.

veröffentlicht am 01.12.2018 um 06:00 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Aus den versteckten kleinen Boxen läuft dieses Zeug, das es im Doppeldutzend unter Schlagwörtern wie „Lounge Sounds“ zu kaufen gibt. Meint meist: Lieder, die eigentlich niemand mehr hören kann, in Versionen, die eigentlich niemand hören sollte. „Smells like teen spirtit“ von Nirvana zum Beispiel, elektronisch weichgespült. „Wonder Wall“ von Oasis als beliebiges Barjazz-Geklimper. Ohnehin schon seichte 80er-Jahre-Hits nun als noch seichteres Fahrstuhlgedudel.

Die Grundidee solcher Musik ist, übertragen auf ein anderes künstlerisches Medium, ungefähr diese: Wir zeigen den Actionklassiker „Die Hard“ in einer neuen Version. Wir lassen aber alle Szenen weg, in denen jemand schwitzt, blutet oder irgendetwas explodiert – kurz: alles Szenen mit Bruce Willis. Oder so: Wir verfilmen „Titanic“ noch einmal. Diesmal aber ohne den fiesen Eisberg. Glauben Sie mir: Er würde fehlen.

Ja, mir ist Popmusik nicht unwichtig. Es gibt – der Kinoverweis muss nun auch noch sein – in dem Animationsfilm „Alles steht Kopf“ eine Szene, in der ein Vater dem Geschehen am Familien-Esstisch nicht ganz folgen kann, weil die zuständigen winzigen Männchen in seinem Gehirn gerade ein Fußballspiel schauen – verständlich. In meinem Kopf aber spielt noch häufiger in diesen leicht abwesenden Momenten Musik. Auf einem Plattenspieler, mein Gehirn läuft in dieser Hinsicht ganz analog. Vielleicht singt dort gerade Bob Dylan „Simple Twist of Fate“. Einfach so. Oder Nick Cave ruft: „Let the bells ring“ – warum auch immer. Ist nicht mal sein bestes Stück. Oder die Nadel hängt an dieser einen Stelle in „Colossus“ von den Idles: „Goes and it goes and it goes, goes and it goes and it goes, goes and it goes and it goes …“. Kann alles vorkommen.

Ich bin zu alt, um hip zu sein, und für einen echten Musik-Nerd war ich immer anderweitig irgendwie zu beschäftigt. Meine Sammlung an Vinylplatten ist kümmerlich. Aber so eine schriftliche Interpretation in Abiturklausurenlänge über das Stück „Surf’s up“ von den Beach Boys oder eine etwas längere Uni-Seminararbeit über „Das Motiv des Wassers in den Songtexten von Radiohead“ – das wäre wohl schon jederzeit drin. Verlangt aber nie jemand. Komisch.

So weit, so mein Problem. Trotzdem: Muss es (auch für – ich sag mal – weniger verbissene Musikkonsumenten) denn immer das zahnloseste, abgelutschteste, langweiligste Zeug sein, das der Musikmarkt hergibt? Im Radio läuft eine Liste der Qual auf Zufallswiedergabe und Repeat: die abgegriffensten Hits der 80er und 90er und das Schlimmste von heute. Bei Partys füllt sich die Tanzfläche erst, wenn jeder den Song auswendig kennt. Als gelte es, wie in der Waldorfschule armeschwingend den Text zu tanzen, statt einfach mal Beat und Bass zu spüren.

Gut sieben Jahrzehnte Popmusik liegen ausgebreitet vor uns, Meisterwerke und ungehobene Schätze ohne Ende. Und über Jazz, Weltmusik und all die anderen Genres haben wir da noch gar nicht geredet. Eine Welle von Neuerscheinungen brandet uns täglich im Stream aufs Handy. Und trotzdem hören wir ab November „Last Christmas“ und ab 1,2 Promille „I Will Survive“ – immer wieder und wieder und wieder. Muss das so sein?

Nun – vermutlich stört sich einfach kaum jemand daran. So wie an dem loungig-belanglosen Gedudel im Café. Und ich? Ich schreibe demnächst vielleicht mal eine Kolumne über Stille. Die kommt mir nämlich deutlich zu kurz. Zumindest in Anbetracht dessen, was einem so an Alternativen ins Ohr gedudelt wird.



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