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Vor 75 Jahren eingeweiht – vor zehn Jahren abgerissen: die Molkerei Müsingen

Zum „Jahrhundertwerk“ ausgerufen

Bückeburg (gp). „Hier ist ein großes Werk geschaffen worden“, meldete vor 75 Jahren nicht ohne Stolz unsere Zeitung. Gemeint war die neue Molkerei, die Anfang 1936 vor den Toren Bückeburgs eröffnet worden war. Die auf dem Gebiet der damals noch selbstständigen Nachbargemeinde Müsingen errichtete Anlage sei eine der modernsten ihrer Art in Europa, war zu lesen. Dank neuester Technik bekämen die Verbraucher künftig Milchprodukte auf den Tisch, die „vor jeder Konkurrenz glänzend bestehen können“.

veröffentlicht am 07.11.2011 um 00:00 Uhr

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Bauherr und Betreiber der neuen Butter- und Käsefabrik war die „Molkereigenossenschaft Bückeburg GmbH“ – ein Zusammenschluss der Bauern aus der Umgebung. Zum Einzugsbereich gehörten – mit Ausnahme der Grenzdörfer Cammer, Frille, Buchholz, Heeßen und Steinbergen – alle Ortschaften des Ex-Amtsbezirks Bückeburg. Hinzu kamen einige weiter östlich gelegene Siedlungen aus dem Einzugsbereich Stadthagens.

Bauer Harting aus Meinsen als Aufsichtsratsvorsitzender konnte zur Einweihung unter anderem den seit 1933 amtierenden Schaumburg-Lippischen Regierungschef („Landespräsident“) Dreier, Bückeburgs Interims-Bürgermeister Eggers und Kreisbauernführer Krömer begrüßen. Dann zeigte und erklärte der geschäftsführende Genossenschaftsvorsitzende Bauer Apking aus Müsingen während eines Rundgangs den Betrieb. Der Abschluss ging im Bückeburger Restaurant „Horrido“ (heute Commerzbank) über die Bühne. Die Leute aus der Ex-Residenz hätten die Molkerei am liebsten mitten in der Stadt und „direkt vor der Haustür“ gehabt, ließ Eggers in seinem Grußwort wissen. Leider habe man aber kein passendes Grundstück finden können. So sei man froh, dass es mit dem vor 75 Jahren gebauten und mittlerweile wieder abgerissenen Molkereikomplex Müsingen an der „Staatsstraße“ gleich hinter dem Ostbahnhof geklappt hat.

In den meisten Trinksprüchen wurde auch und vor allem auf die Bedeutung des neuen Werks für die Lebensmittelversorgung der „Volksgenossen“ angestoßen. Missstände und Versäumnisse wie vor 1933 werde man nicht dulden, war zu hören. Hintergrund: Über Jahrhunderte hinweg hatten sich um die Milchverarbeitung ausschließlich die Kuhbauern gekümmert. Buttern (im „Botterfatt“) und die Herstellung von Käse und Quark gehörten zum Arbeitsalltag der Höfe. Dann begannen die Landwirte, sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genossenschaftlich zu organisieren. Im heutigen Kreis Schaumburg gingen die ersten, auf diese Art betriebenen Molkereien in den 1890er Jahren in Hessisch Oldendorf, Apelern, Waltringhausen, Escher und Rinteln sowie in Lindhorst an den Start. Die damals „Meiereien“ genannten Fabriken stellten zunächst nur Butter her. Der Preis für die in Milchkannen angelieferte Ware richtete sich nach dem Fettgehalt. Die entrahmte Milch („Magermilch“) ging an die Bauern zurück. Den Transport regelten die benachbarten Hofbesitzer eines oder mehrerer Dörfer unter sich. Später übernahmen die Molkereien auch die Käsezubereitung. Darüber hinaus kümmerten sie sich zunehmend um die Verteilung und den Verkauf der Milch und der Milchprodukte an Lebensmittelgeschäfte und Zwischenhändler. Mit wachsender Industrialisierung und Verstädterung stiegen auch Privatunternehmer ins Geschäft ein. In Bückeburg eröffnete im Jahre 1902 ein Berliner Filialbetrieb (Lehmann & Paehlig) seine Pforten.

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Nach der Machtergreifung nahm sich der NS-„Nährstand“ des Themas an. Die Höfe wurden bestimmten Molkereigenossenschaften zugeordnet. Auf diese Weise hoffte man, die Versorgung während des bereits geplanten Krieges zu sichern. In den Festreden bei der Einweihung 1936 war von „Aufbruchstimmung und Vorwärtsdenken im neuen nationalsozialistischen Deutschland“ die Rede. Die Vorhersage, ein „Jahrhundertwerk“ geschaffen zu haben, erfüllte sich jedoch nicht. Im Jahre 2001, also nur 65 Jahre nach der Fertigstellung, wurde der Müsinger Molkereibau wieder abgerissen und durch ein Einkaufscenter nebst Tankstelle ersetzt.



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