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7. Oktober 1989: Die DDR feiert ihren 40. Geburtstag – und sperrt die Realität aus

Zum Geburtstag eine Prügelorgie

Die Realität wird ausgesperrt, kein Redner verliert auch nur ein Wort über die Probleme des Landes, dafür darf sich der Ehrengast aus Moskau Lobeshymnen anhören: Zusammen mit der Sowjetunion werde die DDR die Schwelle zum Jahr 2000 mit der Gewissheit überschreiten, dass dem Sozialismus die Zukunft gehört, sagt SED-Generalsekretär Erich Honecker am 7. Oktober 1989 in Richtung Sowjetchef Michail Gorbatschow.

veröffentlicht am 06.10.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:03 Uhr

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Es gelte die Losung: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“. 100 000 aus der ganzen DDR herangefahrene Jugendliche im Blauhemd der Freien Deutschen Jugend ziehen mit Fackeln und Fahnen an ihnen vorbei, die DDR feiert ihren 40. Geburtstag. Es wird ihr letzter sein.

Gorbatschow schreibt der reformunwilligen DDR-Führung beim letzten „Republikgeburtstag“ deutliche Worte ins Stammbuch: „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“ Noch am gleichen Tag prügeln Volks- und Geheimpolizisten auf friedliche Demonstranten ein, zum Geburtstag schenkt sich der Obrigkeitsstaat eine Prügelorgie, über tausend Personen werden willkürlich verhaftet. Später wird man erfahren, dass Gorbatschow schon wenige Stunden später tief enttäuscht wieder in Moskau landet, für ihn sind die Tage des SED-Chefs gezählt.

Das Land blutet aus, zwei Tage vorher ist ein neuer Flüchtlingstreck durch die Nacht gerollt. Die zweite Massenausreise ist gestartet, 15 Sonderzüge mit jeweils 1000 DDR-Bürgern fahren von Prag über die DDR in die Bundesrepublik, 11 000 Ostdeutsche verlassen ihr Land. Die Route wird in letzter Minute geändert, damit Dresden nicht angefahren werden muss. Dort stehen 5000 Bürger am Bahnhof und brüllen „Wir wollen raus“. Bahnhöfe und Streckenabschnitte, an denen besonders langsam gefahren werden muss, werden von DDR-Sicherheitskräften streng bewacht: Der Staat hat Angst, dass ihre Bürger buchstäblich auf den fahrenden Zug in Richtung Freiheit aufspringen.

Der erste Zug in Hannover kommt am 6. Oktober frühmorgens an, 633 ehemalige DDR-Bürger werden vom Wirtschaftsminister des Landes Niedersachsen, Walter Hirche, empfangen. Viele haben ihr letztes Ost-Geld während der Fahrt durch die DDR aus dem Fenster geworfen, es wird nicht mehr benötigt. Übrigens: Das erste DDR-Flüchtlingsbaby Niedersachsens wird am 7. Oktober in Bückeburg geboren: Im Krankenhaus Bethel bringt Petra Krisch ihre Tochter Jenny zur Welt. Sie ist mit ihrem Mann Robert und ihrem neunjährigen Sohn David über die Neiße geschwommen, auf Schleichwegen ging es nach Warschau – und von dort in die deutsche Botschaft.

Und Erich Honecker? Am 18. Oktober tagt das Politbüro, nach drei Stunden fällt der einstimmige Beschluss des Politbüros, Honecker abzusetzen. Honecker votiert, wie es Brauch im Gremium ist, für seine eigene Absetzung: Er ist am Ende. Die Träume seines anfangs revolutionären Lebens bleiben unerreicht, weil sie unerfüllbar waren.

Wie sich zeigen wird, haben seine Nachfolger auch keine besseren Konzepte.



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