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Tierarzt der Wildtier- und Artenschutzstation erklärt, warum Mäusebussarde derzeit so entkräftet sind

Zu schwach zum Fliegen

Hameln Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten, geschweige denn an einem Ast festkrallen. Jetzt lag er hilflos und ungeschützt auf dem Grasgelände des Wasserwerks in Tündern. Seine Augen fielen immer wieder zu, seine Körpertemperatur sank von Tag zu Tag mehr – keine Frage: Es ging mit ihm zu Ende. Aus dem einst gefürchteten Schwebeflieger war eine leichte Beute geworden. Ausgerechnet ein Mensch kam ihm zu Hilfe – ein Mitarbeiter der Stadtwerke hob den entkräfteten Mäusebussard auf, brachte ihn zur Hamelner Feuerwache. Dort wurde der Greifvogel von zwei Rettungsassistenten untersucht. Die Tierretter Horst Winter und Fred Ritterbusch tasteten die Flügel und Beine des abgemagerten Vogels ab, suchten zwischen dem Gefieder nach Wunden. „Wir haben keine äußeren Verletzungen entdecken können“, berichtet Hauptbrandmeister Winter. Der Wachabteilungsleiter nahm telefonisch Kontakt mit der Wildtier- und Artenschutzstation im Landkreis Schaumburg auf, bat um Aufnahme des Vogels. In Sachsenhagen wurden in diesem Jahr weit mehr Bussarde behandelt als in den Vorjahren. Alle hatten dieselben Symptome.

veröffentlicht am 26.04.2013 um 06:00 Uhr

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VON ULRICH BEHMANN

Mit einem Kommandowagen der Feuerwehr brachte Brandmeister-Anwärter Marcel Meissner den offenbar schwer kranken Mäusebussard in die Wildvogel-Klinik. Der Raubvogel wurde zunächst im Pflegehaus, einer Intensivstation für Vögel, aufgenommen und untersucht. Die Extremitäten des Tieres fühlten sich kalt an. Die Diagnose lautete: Schwäche und Unterkühlung. Der Bussard hatte offenbar sehr lange gar nichts oder viel zu wenig gefressen. „Er ist ein Winteropfer“, sagt Dr. Florian Brandes, Tierarzt und Stationsleiter in Sachsenhagen. Dabei futtert sich der Raubvogel im Herbst Fettreserven an und ist nicht wählerisch: Er jagt Mäuse, pickt Würmer aus der Erde, frisst sogar Aas. Dennoch gab es in diesem langen Winter für viele Bussarde nicht genug zu fressen – aus verschiedenen Gründen.

Der Boden war lange Zeit mit Schnee bedeckt. Der Mäusejäger konnte seine Beutetiere nicht sehen. Zudem geht im Winter die Zahl der Mäuse ohnehin zurück.

Die Erde war häufig tiefgefroren. An Würmer kam er deshalb nicht heran. Bei eisiger Kälte verbraucht der Raubvogel, der maximal zwei Wochen hungern kann, mehr Energie.

„Und Aas, das am Straßenrand liegt, wird rasch fortgeräumt. Deshalb gibt es nicht genug davon“, erklärt Dr. Brandes.

Gerade junge und noch unerfahrene Bussarde leiden besonders unter den Folgen langer Kälteperioden und werden – weil sie entkräftet sind – von Uhus oder Habichten gefressen. „Es sterben mehr Jungtiere als Altvögel“, sagt Dr. Brandes. „Denn nur die erfahrenen Tiere wissen, wo sie gute Schlaf- und Futterplätze finden.“

Die zugekniffenen Augen des Mäusebussards aus Hameln zeigen Experten an, dass sich der Vogel aufgrund totaler Erschöpfung in einer Art Dämmerzustand befunden hat.

Der unterkühlte und abgemagerte tierische Patient wurde zunächst unter eine Wärmelampe gesetzt und über eine Sonde künstlich ernährt. „Wir geben dem Bussard zweimal pro Tag eine Spezialpaste, die viele Kalorien und Elektrolyte enthält“, berichtet Dr. Brandes. Meist könnten die Vögel bereits am nächsten Tag wieder stehen. Zwei bis drei Tage werden die Greifvögel zwangsernährt, danach erhalten sie leicht verdauliche Nahrung. Junge Mäuse und Eintagsküken bekommen ihnen gut. „Fleisch mit Knochen und Tiere mit Fell und vielen Federn können sie noch nicht vertragen. Das würde für sie den Tod bedeuten“, weiß Tierpfleger-Azubi Tim Müller. Die Nahrung werde extra etwas angewärmt, damit der geschwächte Vogel beim Verdauen nicht so viel Energie aufwenden müsse. Ist der gefiederte Patient wieder zu Kräften gekommen, wird er zunächst in eine kleine Voliere gesetzt und regelmäßig beobachtet. Danach kommt er eine Zeit lang in eine große Freivoliere und wird kurz darauf ausgewildert.

Gegen Ende des Winters hat sich die Zahl der völlig entkräfteten Mäusebussarde, Graureiher und Eulen stark erhöht. „Wir haben etwa ein Viertel mehr Patienten als sonst“, sagt Tierarzt Dr. Brandes. Die Dunkelziffer sei jedoch hoch. Die meisten Vögel sterben irgendwo und haben nicht das Glück, dass sie von einem tierlieben Menschen gefunden werden.

Apropos Kosten: Das Aufpäppeln eines Mäusebussards schlägt laut Dr. Brandes mit etwa 100 Euro zu Buche, die vom Land Niedersachsen, das ein Förderer der Station ist, getragen werden. Die Wildtier- und Artenschutzorganisation finanziert sich hauptsächlich aus Spendengeldern (Projekt-, Kooperationspartner und Sponsoren) sowie Beiträgen von Fördermitgliedern und wird von der „Aktion Tier – Menschen für Tiere e.V.“ unterstützt.

Im Internet: www.wildtierstation.de



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