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Warum ich im Ausland froh bin, Texte auch mal nicht zu verstehen

Wortfreie Zonen

Manchmal denke ich mir, es wäre besser, wenn das Auge nicht sofort alles ans Gehirn weiterleiten würde, was irgendwo geschrieben steht. Und ich meine jetzt nicht Fake News oder die diversen Hasskommentare in den sozialen Medien. In den Wahnsinn treiben kann mich dieses offensichtlich bei den Deutschen besonders stark ausgeprägte Mitteilungsbedürfnis, und zwar auf Zetteln, Schildern, Tafeln, Plakaten festgehalten.

veröffentlicht am 28.07.2018 um 08:36 Uhr

Illustration: cn
Kerstin Hasewinkel

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Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Klar, ist ja auch einfacher, Anweisungen schriftlich festzuhalten. Dann muss man nicht so viel miteinander sprechen. So ist vielleicht zu erklären, dass an mancher Haustür die kleinen gelben Zettel hängen mit diversen einzelnen Wörtern oder halben Sätzen, oft genug neben Fragezeichen auch mit einem Ausrufezeichen versehen: „Schlüssel?!“ „Einkauf nicht vergessen!“ „Gassi gehen!“ Da spürt man den erhobenen Zeigefinger.

Äußerst beliebt und daher weit verbreitet sind Verbote aller Art: Parken verboten, Fahrräder anstellen verboten, Rauchen verboten. Den Vogel abgeschossen hat ein Bürgermeisteramt: „Baden, Bootfahren, Hundebaden und Vergnügungen jeder Art, liegen, lagern und Feuer machen in weitem Umkreis des Uferbereichs ist untersagt“ – zu lesen auf einem Schild an einem Fischaufzuchtbecken.

Verbote kann man natürlich auch freundlicher ausdrücken: Wir müssen draußen bleiben heißt, Hunde verboten, „Draußen nur Kännchen“ heißt, Tassen gibt’s hier nicht und Ausfahrt freihalten ist vielleicht auch netter als Parken verboten.

Trotzdem: Dass für Garderobe keine Haftung übernommen wird und Hygieneartikel nicht in der Toilette heruntergespült werden sollten – das weiß ich in meinem fortgeschrittenen Lebensalter inzwischen. Vor allem deshalb, weil ich es 1000-fach, ach, wahrscheinlich millionenfach gelesen habe.

Das Auge kann eben einfach nicht Nicht-lesen. Lästig auch: Verlasse diesen Ort, wie du ihn selbst vorzufinden wünscht. Jaha. Wissen wir doch!!!!! Die, die sich nicht daran halten, werden sich wohl kaum durch eine solche geschriebene Aufforderung denken: Ach Gott, ja, klar, heute benutze ich mal die Toilette und nicht den Fußboden, stimmt… Danke für den Hinweis!

Vielleicht könnten sich die Schreiber von Hinweisen aller Art ja in Schulen austoben: Wenn Kinder etwas auswendig lernen müssen, könnte man doch überall, auf den Klassenzimmertüren, an den Wänden in den Fluren und Treppenhäusern großformatige Plakate mit Textpassagen aufhängen. Vom Eis befreit sind Strom und Bäche... Goethes Osterspaziergang würden die Schüler dann bis ins hohe Alter nicht vergessen. Ich habe leider statt Schillers Glocke die Worte „bitte keine heiße Asche einfüllen“ so verinnerlicht, dass ich sie wohl mit ins Krematorium nehmen werde.

Wie wohltuend, wenn wir wie jetzt in den Ferien im Ausland sind. Nicht, dass die Engländer oder Franzosen nicht ebenfalls einer Regelwut ähnlich der der Deutschen unterliegen würden. Obwohl wir das natürlich besonders gut drauf haben, ist man vor Ver- und Geboten auch als Tourist nicht gefeit: Bitte reservieren Sie keine Liegen. Merke: Am besten ein Land wählen, dessen Sprache man nicht beherrscht und wo nicht eh schon mehr Deutsch als die Landessprache gesprochen wird. Dann kann man völlig entspannt Buchstaben betrachten. Die gar keinen Sinn ergeben. Muss nicht über Sinn oder Unsinn nachdenken. Herrlich. Obwohl: Ne pas se pencher au dehors… oder auch E pericoloso sporgersi heißt: Nicht hinauslehnen. Weiß ich mittlerweile auch. Steht in Zügen unter den Fenstern.

Getoppt wird das Ganze übrigens nur noch von den Berlinern. Die haben den Sprücheklopfern gleich eine ganze Ausstellung gewidmet (oder auch im Netz unter Notes of Berlin). „Bitte keine Nahrungsmittel an die Wand werfen“ ist da noch die harmloseste Variante. Viel Spaß beim Lesen.



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