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Was dran ist an dem Gerücht – und warum Bahnhöfe in Voldagsen und Osterwald gebaut wurden

Wollten die Hemmendorfer keine Eisenbahn?

Im Flecken hält sich hartnäckig das Gerücht, wonach die alten Hemmendorfer keine Eisenbahn in ihrem Dorf haben wollten, weil sie damals Angst davor hatten, dass ihnen dann die billigen Tagelöhner davonlaufen würden. Stimmt das? Die Dewezet ist der Sache auf den Grund gegangen – und hat die Antwort auf diese Frage gefunden.

veröffentlicht am 20.07.2012 um 06:00 Uhr

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Autor:

Albert Heise

Als die erste Eisenbahn in Bayern 1835 (Nürnberg– Fürth) ihren Siegeszug antrat, wollten auch fortschrittliche Regierungen in anderen deutschen „Staaten“ nicht zurückstehen. Nur das Königreich Hannover mochte von „solch neumodischem Kram“ nichts wissen. Deshalb dauerte es immerhin noch rund 25 Jahre, bis sich in Hameln eine Kommission bildete, die eine Bahnlinie von Hameln über Hemmendorf – Elze nach Hildesheim bauen wollte. Zu dieser Zeit gab es schon die Verbindung Hannover – Elze – Göttingen, um die Residenzstadt mit der Universitätsstadt zu verbinden. Die anliegenden Gemeinden zahlten auch Geld für die Vorarbeiten ein, die aber 1859 wegen fehlender Finanzierungen eingestellt wurden.

Im Frühjahr 1864 macht dann wieder ein Gerücht die Runde, dass die Bahn nun doch wieder gebaut werden soll. Das Amt Lauenstein schreibt an den federführenden Magistrat von Hameln, „dass man sich ernstlich für eine Haltestelle oder einen Bahnhof in Hemmendorf interessiert, weil dort der gesamte Verkehr aus der Oberbörde zusammen kommt und mit immerhin rund 26 000 Zentner Getreide, etwa 50 000 Tonnen oder 250 000 Zentner Kalk zu rechnen ist, die nun (zu dieser Zeit) jährlich nach Elze gefahren werden müssen“. Diese Petition ist von 14 Bürgermeistern unterschrieben worden; Hemmendorfs Bürgermeister Tiedau steht an 2. Stelle. Erst 1868 wird das „Kommitee für den Bau der Eisenbahn von Goslar über Hildesheim und Elze nach Hameln“ gegründet. Es wendet sich an die Ständeversammlung in Hannover mit dem Hinweis auf die Osterwalder Kohlengruben, die Mehler Sandsteinbrüche und dem zentralen Punkt Hemmendorf. Noch im gleichen Jahr wird die „Wesertal-Eisenbahngesellschaft“ gegründet. Die Strecke soll von Hameln über Bisperode durch den Ith über Hemmendorf nach Elze geführt werden. Ein zweiter Plan sieht die Streckenführung über Coppenbrügge vor. Obwohl an dieser Stelle umfangreiche Erdarbeiten im Coppenbrügger Pass notwendig sind, wird der Plan Nr. 1 mit dem Tunnelbau durch den Ith verworfen – wegen der zu hohen Kosten.

Das Vermessen der neuen Strecke wird 1871 von dem Geometer Mengersen, der an der Prinzenstraße 15 in Hameln wohnt, vorgenommen. Das Amt Lauenstein wird aufgefordert, die Gemeinden, die von der Strecke berührt werden, zu informieren. Und wieder wird am 12. Dezember 1871 vom Amt Lauenstein auf die wirtschaftliche Notwendigkeit hingewiesen, dass ein Bahnhof bei Hemmendorf und nicht in Voldagsen und/oder bei Osterwald gebaut werden solle: „Hemmendorf ist seiner Lage nach der Centralpunct des öffentlichen Verkehrs des ganzen Amtes.“

Die planende Behörde und ihr Geometer Mengersen aber denken überhaupt nicht daran, die Bahn über Hemmendorf zu führen. Wirtschaftliche Argumente prallen einfach ab oder werden nicht zur Kenntnis genommen. Der Geometer schlägt den Bau entlang der Aue vor, weil das Terrain als Trasse seiner Meinung nach besser geeignet sei. Die Planungsbehörde schließt sich seiner Meinung an. Die Bahnhöfe Voldagsen und Osterwald sowie die neue zentrale Post-Hauptstelle in Voldag-sen werden also auf die grüne Wiese gesetzt. Fazit: Nicht Bürger oder Bauern haben verhindert, dass Hemmendorf einen Bahnhof bekommt, verhindert hat es einzig und allein der Geometer Mengersen aus Hameln. Alle Schreiben und Protokolle sind im Staatsarchiv Hannover unter Han 74, Lauenstein und im Archiv des Landkreises l Hameln-Pyrmont zu finden.

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